Nomogramm: Rechner für bessere Therapieentscheidung

Pro­sta­ta­krebs sofort behan­deln oder erst beob­ach­ten? Die­se Ent­schei­dung ist kniff­lig für Ärz­te. Bri­ti­sche For­scher ent­wi­ckel­ten jetzt ein Nomo­gramm – einen klei­nen Rech­ner zu Behand­lungs­ent­schei­dung. Er funk­tio­niert ähn­lich wie eine App und soll die Beant­wor­tung die­ser Fra­ge zukünf­tig erleich­tern. Von Ingrid Mül­ler

Bei Pro­sta­ta­krebs gibt es ver­schie­dens­te Behand­lungs­mög­lich­kei­ten. Wel­che The­ra­pie Ärz­te einem Mann vor­schla­gen, hängt von ver­schie­de­nen Fak­to­ren ab. Eine Rol­le spie­len vor allem das Sta­di­um, die Aggres­si­vi­tät und Aus­brei­tung des Pro­sta­ta­kreb­ses. Aber auch das Alter, vor­han­de­ne Grund­er­kran­kun­gen, der all­ge­mei­ne Gesund­heits­zu­stand oder die Wün­sche und Über­zeu­gun­gen eines Man­nes flie­ßen in die The­ra­pie­ent­schei­dung mit ein.

Prin­zi­pi­ell gibt es zwei ver­schie­de­ne Stra­te­gien: Abwar­ten und den Pro­sta­ta­krebs beob­ach­ten (akti­ve Über­wa­chung oder engl. acti­ve sur­veil­lan­ce) oder zeit­nah eine Behand­lung begin­nen, etwa den Krebs ope­rie­ren oder bestrah­len. Doch wie kön­nen Ärz­te eine Ent­schei­dung tref­fen, wel­che die­ser bei­den Vor­ge­hens­wei­sen für den Mann am bes­ten ist? Und gibt es objek­ti­ve Kri­te­ri­en, die für oder gegen den Beginn einer Behand­lung spre­chen? „Die der­zei­ti­gen Metho­den zur Ent­schei­dung, ob eine sofor­ti­ge Behand­lung rat­sam ist oder nicht, sind nicht son­der­lich ver­läss­lich“, fin­det Prof. Mie­ke Van Hemel­ri­jck vom King‘s Col­le­ge Lon­don.

Die For­scher ent­wi­ckel­ten daher ein Nomo­gramm – eine Art App – die genaue­re Rück­schlüs­se auf die Aggres­si­vi­tät des Pro­sta­ta­kreb­ses zulässt und die The­ra­pie­ent­schei­dung erleich­tern soll. Ihre Ergeb­nis­se stell­ten sie – Coro­na bedingt – auf dem ers­ten vir­tu­el­len Kon­gress der Euro­pean Asso­cia­ti­on of Uro­lo­gy 2020 vor.

Aktive Überwachung

Lesen Sie, was eine akti­ve Über­wa­chung bei Pro­sta­ta­krebs ist, wie sie funk­tio­niert und wel­che Vor­tei­le sie bringt.

Therapieentscheidung: Prostatakrebs mit hohem oder niedrigem Risiko?

Die Wis­sen­schaft­ler ana­ly­sier­ten Daten aus der Daten­bank zur akti­ven Über­wa­chung (acti­ve sur­veil­lan­ce) bei Pro­sta­ta­krebs des GAP3 Kon­sor­ti­ums – eine Initia­ti­ve, wel­che die Movem­ber Foun­da­ti­on im Jahr 2014 gegrün­det hat. Ihr Ziel ist es, die Behand­lung von Pro­sta­ta­krebs zu ver­bes­sern und Über­the­ra­pien zu ver­mei­den. Die For­scher arbei­te­ten mit den Daten­sät­zen von 14.380 Pro­sta­ta­krebs­pa­ti­en­ten aus der Movem­ber Daten­bank. Sie gilt welt­weit als die größ­te Daten­samm­lung.

Sie woll­ten her­aus­fin­den, wel­che Män­ner ein höhe­res Risi­ko besa­ßen, dass sich ihr Pro­sta­ta­krebs wei­ter­ent­wi­ckel­te. Zudem iden­ti­fi­zier­ten sie jene Män­ner, bei denen sich die Behand­lung des Pro­sta­ta­kreb­ses ver­schie­ben ließ, ohne dass dies ein Sicher­heits­ri­si­ko für sie bedeu­tet.

Im Beob­ach­tungs­zeit­raum von fünf Jah­ren blie­ben 57 Pro­zent der Män­ner bei der akti­ven Über­wa­chung. Die ande­ren bra­chen sie ab. Bei 28 Pro­zent gab es Anzei­chen, dass der Pro­sta­ta­krebs wei­ter wuchs. Bei 13 Pro­zent dage­gen nicht und sie been­de­ten das Abwar­ten und Beob­ach­ten aus ande­ren Grün­den.

Nomogramm: Rechner zur Therapieauswahl

In einem zwei­ten Schrit­te ent­wi­ckel­ten Van Hemel­ri­jck und ein For­scher­team des GAP3 Kon­sor­ti­ums einen Behand­lungs­rech­ner zur akti­ven Über­wa­chung, ein soge­nann­tes Nomo­gramm. Das ist ein klei­nes Pro­gramm, das sich mit einer App ver­glei­chen lässt. Es dient als tech­ni­sches „Werk­zeug“, mit den Ärz­te Vor­aus­sa­gen tref­fen kön­nen und die bei der Ent­schei­dungs­fin­dung für oder gegen eine The­ra­pie hel­fen kön­nen. In eini­gen Län­dern ver­wen­den Ärz­te Nomo­gram­me schon heu­te bei Pro­sta­ta­krebs. Was jedoch bis­lang fehlt, ist eine Ver­si­on, die all­ge­mein­gül­tig, welt­weit ein­setz­bar und bei jedem Mann anwend­bar ist.

Ärz­te füt­ter­ten den Rech­ner mit ver­schie­de­nen Daten der Män­ner und der bös­ar­ti­gen Pro­sta­ta­tu­mo­ren. Sie gaben zum Bei­spiel das Alter, gene­ti­sche Risi­ko­fak­to­ren, die Grö­ße und Beschaf­fen­heit des Tumors, PSA-Wer­te, fein­ge­web­li­che Cha­rak­te­ris­ti­ka der Krebs­zel­len aus der Biop­sie oder die Zeit der akti­ven Über­wa­chung ein. So woll­ten sie her­aus­fin­den, ob das Ver­schie­ben der Behand­lung eine Opti­on für den Mann war.

Wenig über­ra­schend war, dass wir trotz all die­ser Daten gro­ße Unter­schie­de in den The­ra­pie­er­geb­nis­sen zwi­schen den teil­neh­men­den Zen­tren gefun­den haben. Aber unse­re Arbeit zeigt, dass wir ein Nomo­gramm erstel­len kön­nen, das als Leit­fa­den und Beglei­ter für die Behand­lung von Pro­sta­ta­krebs dient“, erklärt Van Hemel­ri­jck.

Weltweit gültiges Nomogramm für Prostatakrebs entwickeln

Eben­so wich­tig sei es jedoch, dass zukünf­tig wei­te­re Daten und Para­me­ter in das Nomo­gramm auf­ge­nom­men wür­den. Nur so lie­ßen sich die Unter­schie­de in den Behand­lungs­er­geb­nis­sen besei­ti­gen. Van Hemel­ri­jck: „Unse­re Ana­ly­se legt nahe, dass wir eine ein­zi­ge, all­ge­mein­gül­ti­ge Metho­de brau­chen, die eine exak­te Ein­schät­zung zulässt, wie aggres­siv bös­ar­ti­ge Pro­sta­ta­tu­mo­ren wirk­lich sind. Dies fließt direkt in die Behand­lungs­ent­schei­dung ein und ver­mit­telt Män­nern jene Sicher­heit und Beru­hi­gung, die Sie brau­chen, um sich für eine Behand­lung zu ent­schei­den.“

Und Prof. Hen­drik Van Pop­pel von der bel­gi­schen Uni­ver­si­tät Leu­ven kom­men­tiert: „Wir soll­ten ein welt­weit gül­ti­ges Nomo­gramm ent­wi­ckeln. Ein Sys­tem also, mit dem wir Vor­her­sa­gen tref­fen kön­nen, ob sich die akti­ve Über­wa­chung für einen Mann eig­net, der einen Pro­sta­ta­krebs mit nied­ri­gem oder mitt­le­rem Risi­ko hat. Wir könn­ten den Män­nern so mehr Gewiss­heit geben, hät­ten die­se aber selbst auch bei der Aus­wahl der Behand­lung.“

Aktive Überwachung: Wer geht ein Risiko ein, wer nicht?

Pro­sta­ta­krebs ist zwar eine häu­fi­ge Todes­ur­sa­che bei Män­nern, aber nicht jeder Mann mit einem bös­ar­ti­gen Tumor in der Pro­sta­ta befin­det sich sofort in unmit­tel­ba­rer Lebens­ge­fahr. Eini­ge Män­ner haben einen Pro­sta­ta­krebs mit nied­ri­gem Risi­ko. Das bedeu­tet, dass er weni­ger gefähr­lich ist, sich nur lang­sam wei­ter­ent­wi­ckelt und dem Mann womög­lich zu Leb­zei­ten kei­nen Scha­den zufügt.

In den letz­ten zehn Jah­ren haben Ärz­te die­sen Män­nern ver­mehrt die Mög­lich­keit der akti­ven Über­wa­chung vor­ge­schla­gen statt sofort eine The­ra­pie zu begin­nen, etwa eine Pro­sta­tek­to­mie oder Strah­len­the­ra­pie. Bei der acti­ve sur­veil­lan­ce beob­ach­ten und kon­trol­lie­ren Ärz­te den Pro­sta­ta­krebs nur in engen Zeit­ab­stän­den. Wich­tig sind zum Bei­spiel die PSA-Wer­te, Biop­sien und ande­re Tests. Erst wenn es Hin­wei­se dar­auf gibt, dass der Pro­sta­ta­krebs wächst, beginnt die Behand­lung.

Die Anzahl der Män­ner, die sich einer akti­ven Über­wa­chung unter­zie­hen, ist von Land zu Land sehr unter­schied­lich. In man­chen Län­dern schie­ben bis zu 80 Pro­zent der Män­ner zunächst eine Behand­lung auf. Es gibt jedoch kei­nen all­ge­mein­gül­ti­gen Kri­te­ri­en, anhand derer sich fest­stel­len lässt, wer damit ein Risi­ko ein­geht und wer nicht. So stei­gen laut Stu­di­en knapp 40 Pro­zent der Män­ner inner­halb von fünf Jah­ren aus der akti­ven Über­wa­chung aus und las­sen ihren Pro­sta­ta­krebs behan­deln.

Aktive Überwachung abbrechen

Therapieentscheidung ist oft subjektiv

Doch eini­ge The­ra­pien von Pro­sta­ta­krebs kön­nen unan­ge­neh­me Fol­gen haben, zum Bei­spiel eine Erek­ti­le Dys­funk­ti­on und Inkon­ti­nenz. Daher wür­de es von Män­ner einen Vor­teil bedeu­ten, wenn sie eine Ope­ra­ti­on oder Bestrah­lung umge­hen kön­nen. „Eine Krebs­dia­gno­se setzt vie­le Män­ner unter enor­men Druck, einer Behand­lung zuzu­stim­men. Daher ist es sehr wich­tig zu ver­ste­hen, wie aggres­siv ihr Pro­sta­ta­krebs ist, bevor sie sich für eine Behand­lung ent­schei­den. Der­zeit kön­nen wir ihnen die­se Sicher­heit aber nicht geben“, so Van Hemel­ri­jck.

Auch wenn die akti­ve Über­wa­chung als Fort­schritt beim Manage­ment von Pro­sta­ta­krebs mit nied­ri­gem Risi­ko gilt – es gibt es erstaun­lich wenig Über­ein­stim­mung dar­über, wel­chem Mann sie tat­säch­lich Vor­tei­le bringt. Ärz­te zie­hen eine Rei­he von Fak­to­ren her­an, etwa PSA-Wer­te, fein­ge­web­li­che Merk­ma­le der Krebs­zel­len aus der Biop­sie und ande­re Cha­rak­te­ris­ti­ka des Pro­sta­ta­kreb­ses. Aber die Emp­feh­lung des Arz­tes, ob ein Mann eine Behand­lung begin­nen oder auf­schie­ben soll­te, ist nach wie vor oft sub­jek­tiv und nicht aus­rei­chend ver­läss­lich.

Quellen
  • Euro­pean Asso­cia­ti­on of Uro­lo­gy (EAU): „Pro­sta­te can­cer: how can we deci­de when to tre­at?“ 19. Juli 2020, https://eaucongress.uroweb.org/prostate-cancer-how-can-we-decide-when-to-treat
  • Movem­ber, https://gap3.movemberprojects.com/

Datum: 6.8.2020

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