Shared Decision Making – Arzt und Patient auf Augenhöhe

Sha­red Decisi­on Making bedeu­tet, dass Arzt und Pati­ent ein Team sind. Zusam­men ent­schei­den sie über Dia­gno­se­me­tho­den und Behand­lun­gen. Die meis­ten Pati­en­ten fin­den das gut. Lesen Sie, was genau dahin­ter steckt und wie die gemein­sa­me Ent­schei­dungs­fin­dung funk­tio­niert. Von Ingrid Mül­ler

Sha­red Decisi­on Making (SDM) ist ein noch rela­tiv jun­ger Ansatz, bei dem Arzt und Pati­ent gleich­be­rech­tigt auf Augen­hö­he mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren und auch so han­deln. Gemein­sam legen sie zum Bei­spiel eine The­ra­pie fest, ste­hen hin­ter ihr und ver­ant­wor­ten die­se auch zusam­men. Der deut­sche Begriff fürs Sha­red Decisi­on Making ist par­ti­zi­pa­ti­ve oder part­ner­schaft­li­che Ent­schei­dungs­fin­dung. Pati­en­ten haben dabei eine akti­ve­re Rol­le, mehr Eigen­ver­ant­wor­tung und sind somit ein wich­ti­ger Teil des Ent­schei­dungs­pro­zes­ses. Die Ber­tels­mann Stif­tung fand her­aus, dass vie­le Pati­en­ten das Sha­red Decisi­on Making sogar sehr gut fin­den: Mehr als die Hälf­te (55 Pro­zent) der Befrag­ten gab an, an der Ent­schei­dungs­fin­dung bei Unter­su­chun­gen und Behand­lun­gen teil­ha­ben zu wol­len. Der „Mit­mach-Pati­ent“ ist also gefragt.

Shared Decision Making: Ärzte sind heute nicht mehr „die Götter in Weiß“

Dass Ärz­te ihren Pati­en­ten pater­na­lis­tisch – also von oben her­ab – Behand­lun­gen ver­ord­nen, gehört inzwi­schen meist der Ver­gan­gen­heit an. Frü­her gal­ten Ärz­te als „Göt­ter in Weiß“, wel­che die allei­ni­ge Auto­ri­tät hat­ten. Ohne Mit­spra­che ihrer Pati­en­ten ent­schie­den sie über die The­ra­pie, die sie für am bes­ten hiel­ten. Das Ergeb­nis war, dass vie­le Pati­en­ten ihre Medi­ka­men­te in der Schub­la­de ver­schwin­den lie­ßen und sie nicht ein­nah­men, weil den Sinn und Zweck der Behand­lung nicht ein­sa­hen. Bekannt ist heu­te, dass Pati­en­ten, die nicht hin­ter ihrer The­ra­pie ste­hen, die­ser auch oft nicht treu blei­ben. Sie nei­gen eher dazu, sie nicht kon­se­quent durch­zu­füh­ren oder sie sogar abzu­bre­chen. Com­pli­an­ce, also The­ra­pie­treue, ist das eng­li­sche Fach­wort dafür.

Das Agie­ren der Ärz­te ohne die Ein­be­zie­hung ihrer Pati­en­ten ist heu­te umso mehr über­holt, weil sich das Infor­ma­ti­ons­ver­hal­ten grund­le­gend gewan­delt hat: Lai­en­ver­ständ­li­che medi­zi­ni­sche Infor­ma­tio­nen sind heu­te auf vie­len Web­sei­ten im Inter­net frei zugäng­lich. Und die meis­ten Pati­en­ten befra­gen vor oder nach einem Arzt­be­such ohne­hin Dr. Goog­le – nicht immer zur Freu­de ihres Arz­tes. Sie infor­mie­ren sich über Dia­gno­se­me­tho­den oder The­ra­pi­en, die ihnen der Arzt vor­ge­schla­gen hat. Damit wis­sen vie­le Pati­en­ten heu­te deut­lich bes­ser Bescheid über ihr jewei­li­ges Gesund­heits­pro­blem oder ihre Krank­heit – und kön­nen damit auch bes­ser eine mün­di­ge, infor­mier­te Ent­schei­dung tref­fen. Den­noch ergab die Umfra­ge der Ber­tels­mann Stif­tung: 23 Pro­zent favo­ri­sie­ren es nach wie vor, dass der Arzt allei­ne ent­schei­det. Und 18 Pro­zent der Pati­en­ten ent­schei­den sogar kom­plett selbst – ohne den Arzt. Der jewei­li­ge Bil­dungs­stand und das Alter spie­len dabei mit.

Wie funktioniert das Shared Decision Making?

Das Sha­red Decisi­on Making bedeu­tet, dass Sie an allen wich­ti­gen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen betei­ligt sind. Aller­dings geht es nicht dar­um, dass Sie genau­so kom­pe­tent sind wie Ihr Arzt! Das kön­nen Sie auch gar nicht, denn er hat Ihnen ein lang­jäh­ri­ges Medi­zin­stu­di­um vor­aus. Viel­mehr erhal­ten Sie – in lai­en­ver­ständ­li­cher Form – sämt­li­che Infor­ma­tio­nen von Ihrem Arzt, die für Ihre per­sön­li­che Ent­schei­dungs­fin­dung wich­tig sind. Das Sha­red Decisi­on Making erfor­dert also auch von Ihrem Arzt beson­de­re kom­mu­ni­ka­ti­ve Fähig­kei­ten und einen guten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stil. Er soll­te immer zuge­wandt, freund­lich und ver­ständ­nis­voll mit Ihnen spre­chen. Außer­dem soll­te er Ihre Fähig­kei­ten und Mög­lich­kei­ten zum Ver­ste­hen medi­zi­ni­scher Sach­ver­hal­te und Zusam­men­hän­ge berück­sich­ti­gen. Es bringt nicht viel, wenn der Arzt Ihnen sein Fach­chi­ne­sisch um die Ohren haut.

Wichtige Schritte beim Shared Decision Making
  • Der Arzt erklärt Ihnen Ihre Dia­gno­se und Krank­heit ohne medi­zi­ni­sches Kau­der­welsch, damit Sie anschlie­ßend gut im Bild sind.
  • Er infor­miert Sie über alle Behand­lungs­mög­lich­kei­ten sowie deren Alter­na­ti­ven. Außer­dem bekom­men Sie aus­führ­li­che Infor­ma­tio­nen über die Vor- und Nach­tei­le sowie Nut­zen und mög­li­che Risi­ken. Ärz­te ori­en­tie­ren sich bei ihren Vor­schlä­gen an den Richt­li­ni­en der Schul­me­di­zin (sog. „evi­dence based medi­ci­ne“ oder evi­denz­ba­sier­te Medi­zin). Dar­un­ter ver­ste­hen Ärz­te das der­zeit bes­te, ver­füg­ba­re Wis­sen über Dia­gno­se­ver­fah­ren und The­ra­pi­en vie­ler Krank­hei­ten. Im Rah­men kli­ni­scher Stu­di­en haben For­scher die Wirk­sam­keit nach­ge­wie­sen. Bei Pro­sta­ta­krebs könn­te die The­ra­pie­ent­schei­dung auch das beob­ach­ten­de Abwar­ten sein, bei der man zunächst auf eine The­ra­pie ver­zich­tet.
  • Sie erhal­ten von Ihrem Arzt Ent­schei­dungs­hil­fen, zum Bei­spiel Pati­en­ten­in­for­ma­tio­nen als Bro­schü­ren, oder Adres­sen, unter denen Sie im Inter­net ver­läss­li­che medi­zi­ni­sche Infor­ma­tio­nen fin­den. Zu Pro­sta­ta­krebs bie­ten bei­spiels­wei­se die Krebs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie die Deut­sche Krebs­ge­sell­schaft, das Deut­sche Krebs­for­schungs­zen­trum oder die Deut­sche Krebs­hil­fe Infor­ma­tio­nen an.
  • Bei der Ent­schei­dungs­fin­dung spie­len immer auch Ihre indi­vi­du­el­len Lebens­um­stän­de, Vor­lie­ben, Wer­te und Wün­sche eine wesent­li­che Rol­le.
  • Sie kön­nen Ihrem Arzt alle Fra­gen stel­len, die Ihnen auf dem Her­zen lie­gen. Fra­gen Sie auch immer nach, wenn Sie etwas nicht ver­stan­den haben. Tei­len Sie ihm zudem Ihre Gedan­ken, Sor­gen, Ängs­te und Nöte, aber auch Ihre Erwar­tun­gen mit. Umge­kehrt darf der Arzt Ihnen eben­falls dazu Fra­gen stel­len, um her­aus­zu­fin­den, wel­che The­ra­pie am bes­ten zu Ihnen passt.
  • Sie wägen gemein­sam mit Ihrem Arzt alles gut gegen­ein­an­der ab, loten sämt­li­che Mög­lich­kei­ten aus und erst dann tref­fen Sie Ihre Ent­schei­dung.
  • Im bes­ten Fall steht am Ende aller Über­le­gun­gen ein Plan, wie Sie die Ent­schei­dun­gen anschlie­ßend gemein­sam umset­zen.

Was bewirkt Shared Decision Making?

Eine Aus­wer­tung vie­ler Stu­di­en ergab, dass das Sha­red Decisi­on Making tast­säch­lich posi­ti­ve Wir­kun­gen zeigt. So stärkt es das Ver­trau­en der Pati­en­ten in die eige­nen Ent­schei­dun­gen und hilft, ein Stück weit die Kon­trol­le wie­der­zu­ge­win­nen. Außer­dem führt das Sha­red Decisi­on Making zu einem Wis­sens­ge­winn und mehr Teil­ha­be. fwirkt sich eine gelun­ge­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Arzt und Pati­ent posi­tiv auf die Gesund­heit aus: Ist der Dia­log ver­trau­ens­voll, hal­ten sich Pati­en­ten dop­pelt so oft an die Emp­feh­lun­gen ihres Arz­tes und zei­gen eine grö­ße­re The­ra­pie­treue. Auch Kom­pli­ka­tio­nen im Krank­heits­ver­lauf sind sel­te­ner, zum Bei­spiel bei einer Krebs­er­kran­kung. So waren Krebs­pa­ti­en­ten, deren Ärz­te sich gut mit der par­ti­zi­pa­ti­ven Ent­schei­dungs­fin­dung aus­kann­ten, weni­ger depres­siv und ängst­lich.

Langer Weg zum Shared Decision Making in Deutschland

Den­noch gibt es beim Sha­red Decisi­on Making in der Onko­lo­gie noch erheb­li­chen Ver­bes­se­rungs­be­darf, wie die Natio­na­le Krebs­kon­fe­renz des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Gesund­heit 2017 fest­stell­te:

Shared Decision Making – Stand der Dinge
  • Das Sha­red Decisi­on Making wird noch nicht aus­rei­chend umge­setzt: Min­des­tens die Hälf­te der Krebs­pa­ti­en­ten erlebt die Teil­ha­be in Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen noch als ein­ge­schränkt.
  • Bis­lang sind medi­zi­ni­sche Ent­schei­dungs­hil­fen nur für weni­ge Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen ver­füg­bar.
  • Ärz­te neh­men Trai­nings­maß­nah­men für das Sha­red Decisi­on Making noch zu sel­ten wahr.
  • Nur weni­ge Uni­ver­si­tä­ten bie­ten bis­lang Trai­nings zur par­ti­zi­pa­ti­ven Ent­schei­dungs­fin­dung für Stu­die­ren­de an, aber es wer­den mehr.
  • Auch in Kli­ni­ken ist das Sha­red Decisi­on Making noch kei­ne Rou­ti­ne. Oft sind Zeit­druck oder bestehen­de Hier­ar­chi­en die Grün­de. So hilft die par­ti­zi­pa­ti­ve Ent­schei­dungs­fin­dung nicht viel, wenn der Chef­arzt anschlie­ßend alles über den Hau­fen wirft.

Fazit: Das Kon­zept der Sha­red Decisi­on Making stößt auf brei­te Zustim­mung bei Pati­en­ten und Ärz­ten – aber an der Über­tra­gung auf den medi­zi­ni­schen All­tag hapert es noch.

Quellen

Datum: 11.3.2019

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