Online-Tool für Prostatakrebs: Hilfe für Männer bei der Therapiewahl

Ein neu­es Online-Tool soll Män­nern mit Pro­sta­ta­krebs jetzt bei der The­ra­pie­ent­schei­dung hel­fen. Es zeigt ihnen, was ande­re Män­ner in ähn­li­cher Situa­ti­on gewählt haben. Von Ingrid Müller

Ärz­te haben vie­le Mög­lich­kei­ten, um für Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs die rich­ti­ge The­ra­pie zu fin­den. In Deutsch­land zie­hen sie die medi­zi­ni­schen Leit­li­ni­en oder Daten­ban­ken mit kli­ni­schen Stu­di­en zu Rate. Auch für Pati­en­ten mit Pro­sta­ta­krebs gibt es vie­le Infor­ma­ti­ons­mög­lich­kei­ten zu Krebs­be­hand­lun­gen. Die­se hel­fen ihnen jedoch nicht uneb­dingt bei der Ent­schei­dungs­fin­dung. Das woll­ten US-For­scher der Michi­gan Uni­ver­si­ty in Ann Arbor ändern und ent­wi­ckel­ten ein web­ba­sier­tes Online-Tool. Die neue Platt­form im Inter­net soll Män­nern zei­gen, wel­che Behand­lung ande­re Män­ner gewählt haben, die einen ähn­li­chen Pro­sta­ta­krebs haben wie sie selbst. Damit könn­ten Män­ner ihre eige­nen The­ra­pie­mög­lich­kei­ten bes­ser ver­ste­hen und ein­schät­zen, sagen die For­scher um Dr. Karan­de­ep Singh. Die Ergeb­nis­se ihrer Stu­die ver­öf­fent­lich­ten sie im Fach­blatt Euro­pean Uro­lo­gy.

Online-Tool gefüttert mit Daten tausender Männer

Die Basis für die Ent­wick­lung des Online-Tools waren Daten vom Kon­sor­ti­um „The Michi­gan Uro­lo­gi­cal Sur­ge­ry Impro­ve­ment Col­la­bo­ra­ti­ve“, abge­kürzt MUSIC. Dort wur­den zwi­schen den Jah­ren 2015 und 2017 Infor­ma­tio­nen aus ins­ge­samt 45 uro­lo­gi­schen Pra­xen gesam­melt, die Män­ner mit neu dia­gnos­ti­zier­tem Pro­sta­ta­krebs behan­delt hat­ten. Die Daten umfass­ten unter ande­rem Anga­ben zum Alter, Beruf oder dem patho­lo­gi­schen Befund aus der Biop­sie, aber auch zu den aus­ge­wähl­ten Krebs­be­hand­lun­gen und zur Nach­sor­ge.

Aus­ge­schlos­sen waren Män­ner mit meta­sta­sier­tem Pro­sta­ta­krebs sowie jene, die sich für weni­ger gän­gi­ge Behand­lun­gen ent­schie­den hat­ten. Bei­spie­le sind die Che­mo­the­ra­pie, Käl­te­the­ra­pie (Kryo­the­ra­pie), hoch­in­ten­si­vier­ter-fokus­sier­ter Ultra­schall (HIFU), Immun­the­ra­pie oder die radi­ka­le Zys­to­pro­sta­tek­to­mie. Letz­te­re ist eine Ope­ra­ti­on, bei der Ärz­te sowohl die Pro­sta­ta als auch die Harn­bla­se entfernen.

Übrig blie­ben die Daten von 7.543 Män­nern mit loka­lem Pro­sta­ta­krebs im Frühstadium.

Online-Tool für Prostatakrebs als exakter Helfer

Die For­scher baten jetzt 2.527 der teil­neh­men­den Män­ner, das Online-Tool aus­zu­pro­bie­ren. Sie soll­ten her­aus­fin­den, wie oft das Pro­gramm jene The­ra­pie vor­her­sag­te, die sie für sich selbst aus­ge­wählt hät­ten. Das Fazit der For­scher: Das Tool arbei­te­te äußerst genau und die vor­ge­schla­ge­nen The­ra­pi­en stimm­ten in vie­len Fäl­len mit den Prä­fe­ren­zen der Pro­ban­den überein.

Die Ent­wick­ler wei­sen aller­dings dar­auf hin, dass das Online-Tool nicht die gemein­sa­me Ent­schei­dungs­fin­dung zwi­schen Arzt und Pati­ent erset­zen kann! „Es könn­te aber die Infor­ma­tio­nen ver­voll­stän­di­gen, die Pati­en­ten aus her­kömm­li­chen Quel­len erhal­ten, etwa Bro­schü­ren und Rat­ge­bern“, schrei­ben die Auto­ren. „So neh­men wir den Pati­en­ten viel­leicht ein wenig die Unsi­cher­heit bei der The­ra­pie­ent­schei­dung.“ Die Män­ner sei­en so bes­ser vor­be­rei­tet, was ihre The­ra­pie­wün­sche angeht. Dann könn­ten Sie die­se mit ihrem behan­deln­den Uro­lo­gen bespre­chen und mit ihm die Vor- und Nach­tei­le dis­ku­tie­ren. Wich­tig sei es zudem, dass sich das Tool nur für Män­ner mit frü­hem Pro­sta­ta­krebs eig­ne, der noch nicht in ande­re Orga­ne gestreut habe. In die­sem Fall ist die Wahl der rich­ti­gen The­ra­pie oft komplizierter.

Therapieentscheidung hängt von vielen Faktoren ab

Bei Pro­sta­ta­krebs gibt es meist nicht nur „die eine rich­ti­ge “ The­ra­pie­mög­lich­keit. Die Ent­schei­dung für eine Behand­lung hängt von vie­len Fak­to­ren ab: Dem Sta­di­um und der Aggres­si­vi­tät des Pro­sta­ta­kreb­ses, dem Alter oder wei­te­ren Beglei­ter­kran­kun­gen. Zudem spie­len die indi­vi­du­el­len Wün­sche der Män­ner mit, was den Nut­zen und die Risi­ken der Krebs­be­hand­lung angeht. So haben die radi­ka­le Pro­sta­tek­to­mie und die Strah­len­the­ra­pie oft Fol­gen, wel­che die Män­ner enorm psy­chisch belas­ten und ihre Lebens­qua­li­tät ein­schrän­ken. Dazu gehö­ren beson­ders die Erek­ti­le Dys­funk­ti­on und die Inkon­ti­nenz. Mit der scho­nen­de­ren Stra­te­gie des watch­ful wai­ting kom­men Män­ner in die­sen Punk­ten bes­ser weg.

Das Online-Tool zeig­te, dass die Vor­lie­be für eine bestimm­te The­ra­pie bei Pro­sta­ta­krebs auch vom Alter abhängt. So wäh­len jün­ge­re Män­ner um die 45 Jah­re fast gleich häu­fig die radi­ka­le Pro­sta­tek­to­mie und die akti­ve Über­wa­chung des Tumors (active sur­veil­lan­ce). Die­ses Ver­hält­nis ver­schiebt sich jedoch zuguns­ten der weni­ger rabia­ten Behand­lung, je älter ein Mann jedoch ist. Mehr als die Hälf­te der über 55-Jäh­ri­gen ent­schei­det sich für die akti­ve Über­wa­chung – und gegen eine Ope­ra­ti­on. Im Alter von 65 Jah­ren wäh­len schon mehr als zwei Drit­tel die active surveillance.

Behandlungen bei Prostatakrebs

Das Online-Tool besitzt einige Einschränkungen

Die Stu­die und das Online-Tool besä­ßen jedoch eini­ge Ein­schrän­kun­gen, sagen die For­scher selbst: Ers­tens könn­ten die Nut­zer nicht ver­fol­gen, ob und wie zufrie­den die Män­ner anschlie­ßend mit ihrer The­ra­pie­ent­schei­dung waren. Außer­dem gibt es gro­ße indi­vi­du­el­le Unter­schie­de zwi­schen Män­nern mit Pro­sta­ta­krebs, selbst wenn die Daten auf dem Papier wie Alter oder Tumor­ei­gen­schaf­ten ähn­lich sind und gut über­ein­stim­men. Denn die inne­ren Hal­tun­gen, Ein­stel­lun­gen und Wer­te spie­len eben­falls eine Rol­le bei der The­ra­pie­wahl. So wird ein Mann, der die Ope­ra­ti­on wegen des Risi­kos für Impo­tenz und Inkon­ti­nenz ablehnt, sich wohl kaum für den chir­ur­gi­schen Ein­griff ent­schei­den, nur weil das Online-Tool dies so sagt.

Quel­le:

  • Singh K. et al. ask­MU­SIC: Lever­aging a Cli­ni­cal Regis­try to Deve­lop a New Machi­ne Learning Model to Inform Pati­ents of Pro­sta­te Can­cer Tre­at­ments Cho­sen by Simi­lar Men, online-Ver­öf­fent­li­chung 11.10.2018, https://www.europeanurology.com/article/S0302-2838(18)30740–1/fulltext

Datum: 21.11.2018

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