Prostatakrebs: Strahlentherapie nach Op unnötig?

Vie­le Män­ner erhal­ten direkt nach der Ope­ra­ti­on eine Strah­len­the­ra­pie zur Sicher­heit. Doch eine neue Stu­die zeigt, dass die sofor­ti­ge Bestrah­lung kei­ne Vor­tei­le bringt – und damit über­flüs­sig sein könn­te. Abwar­ten ist womög­lich bes­ser. Von Ingrid Mül­ler

Die Strah­len­the­ra­pie ist ein Stan­dard in der Krebs­be­hand­lung, auch bei Män­nern mit Pro­sta­ta­krebs. Dabei ver­su­chen Ärz­te, even­tu­ell noch ver­blie­be­ne Krebs­zel­len mit­tels hoch­en­er­ge­ti­scher Strah­len zu besei­ti­gen; die­se schä­di­gen das Erb­gut. Krebs­zel­len kön­nen die­se Schä­den weni­ger gut repa­rie­ren und ster­ben ab. Bei vie­len Män­nern schließt sich die Bestrah­lung zeit­nah an die Ope­ra­ti­on an, die radi­ka­le Pro­sta­tek­to­mie. Doch genau­so wie die Op hat die Radio­the­ra­pie eini­ge Neben­wir­kun­gen, zum Bei­spiel eine Inkon­ti­nenz. Sie tritt bei vie­len Män­nern im Anschluss auf, wenn auch nur vor­über­ge­hend.

Strahlentherapie bei Prostatakrebs

Eine neue Stu­die fand jetzt her­aus, dass sich Män­ner die Strah­len­the­ra­pie nach einer Op viel­leicht erspa­ren kön­nen – sie pro­fi­tie­ren davon nicht. „Die Stu­die beant­wor­tet eine Fra­ge, die sehr lan­ge im Raum stand: näm­lich ob die Vor­tei­le der Radio­the­ra­pie nach einer Ope­ra­ti­on die Neben­wir­kun­gen auf­wie­gen“, schrei­ben die For­scher. Die Ergeb­nis­se stell­ten sie auf dem Kon­gress der Euro­pean Socie­ty for Medi­cal Onco­lo­gy (ESMO) 2019 in Bar­ce­lo­na vor.

Strahlentherapie: sofort oder erst abwarten?

An der Stu­die namens „RADICALS-RT“ nah­men 1.396 Män­ner teil, die sich wegen ihres Pro­sta­ta­kreb­ses einer radi­ka­len Pro­sta­tek­to­mie unter­zo­gen hat­ten. Die Stu­die gilt als die größ­te, die jemals die Effek­te der Strah­len­the­ra­pie nach einer Ope­ra­ti­on unter­sucht hat. Die Män­ner stamm­ten aus Groß­bri­tan­ni­en, Däne­mark, Kana­da und Irland.

Die For­scher teil­ten sie nach dem Zufalls­prin­zip in zwei Grup­pen ein: Die einen erhiel­ten im Anschluss an die Op eine Strah­len­the­ra­pie, wäh­rend die ande­ren nur beob­ach­tet wur­den. Die Bestrah­lung war auch für Män­ner aus der Grup­pe zwei eine Mög­lich­keit, soll­te der Pro­sta­ta­krebs zurück­keh­ren. Die For­scher ver­folg­ten im Schnitt über fünf Jah­re, wie es den Män­nern gesund­heit­lich erging.

Sofortige Strahlentherapie bringt keine Vorteile

Bei 85 Pro­zent der Män­ner, die sich der Bestrah­lung unter­zo­gen hat­ten, kehr­te der Krebs nicht wie­der zurück. In der Grup­pe ohne Radio­the­ra­pie waren es sogar noch ein wenig mehr: näm­lich 88 Pro­zent. Es gab also kei­nen Vor­teil der Strah­len­the­ra­pie, was das Fort­schrei­ten des Pro­sta­ta­kreb­ses, einen Rück­fall und das Über­le­ben anging. Bei der Häu­fig­keit und Inten­si­tät der Neben­wir­kun­gen stell­ten die For­scher jedoch eini­ge Unter­schie­de fest:

  • Bei 5,3 Pro­zent der Män­ner war die Inkon­ti­nenz auch ein Jahr nach der Strah­len­be­hand­lung noch stark aus­ge­prägt. Dies war nur bei 2,7 Pro­zent der Män­ner der Fall, die auf die Strah­len ver­zich­tet hat­ten.
  • Eine Harn­röh­ren­ver­en­gung ließ sich bei acht Pro­zent der Män­ner aus der „Strah­len­grup­pe“ nach­wei­sen. In der rei­nen „Ope­ra­ti­ons­grup­pe“ waren es fünf Pro­zent.
Inkontinenz bei Prostatakrebs

Prof. Chris Par­ker, der Erst­au­tor der Stu­die vom The Roy­al Mars­den NHS Foun­da­ti­on Trust und vom Insti­tu­te of Can­cer Rese­arch, zieht fol­gen­des Fazit: „Unse­re Ergeb­nis­se las­sen ver­mu­ten, dass die Radio­the­ra­pie gleich gut wirk­sam ist – unab­hän­gig davon, ob wir sie allen Män­ner kurz nach der Ope­ra­ti­on ver­ab­rei­chen oder sie spä­ter nur bei jenen Män­nern ein­set­zen, deren Pro­sta­ta­krebs zurück­ge­kehrt ist.“

Die gute Nach­richt sei, dass man vie­len Män­nern auch die Neben­wir­kun­gen der Strah­len­the­ra­pie erspa­ren kön­ne, so Par­ker wei­ter. Dazu gehör­ten unter ande­rem die Inkon­ti­nenz und die Harn­röh­ren­ver­en­gung, die das Was­ser­las­sen oft enorm erschwert. Bei­de Kom­pli­ka­tio­nen kom­men zwar auch nach einer allei­ni­gen Pro­sta­tek­to­mie vor, aber das Risi­ko ist höher, wenn Män­ner sich oben­drein einer Strah­len­be­hand­lung unter­zie­hen.

Jetzt gibt es star­ke Bewei­se dafür, dass die Beob­ach­tung und das Abwar­ten das Stan­dard­vor­ge­hen nach der Ope­ra­ti­on sein soll­te. Die Bestrah­lung soll­ten wir nur dann ein­set­zen, wenn der Krebs zurück­kommt.

Prof. Chris Par­ker

The Roy­al Mars­den NHS Foun­da­ti­on Trust

Strahlentherapie zukünftig weglassen oder verschieben

Um die Stu­di­en­ergeb­nis­se zu über­prü­fen, ana­ly­sier­ten die For­scher wei­te­re ver­füg­ba­re Stu­di­en zu die­sem The­ma in einer soge­nann­ten Meta­ana­ly­se (ARTISTIC). Sie zogen dafür noch zwei ähn­li­che Stu­di­en namens RAVES und GETUG-AFU17 her­an. Ins­ge­samt flos­sen die Daten von 2.151 Män­nern in die drei Stu­di­en ein. Davon erhiel­ten 1.074 eine Strah­len­the­ra­pie direkt nach der Op, wäh­rend 1.077 der Grup­pe zuge­teilt wur­de, die nur bei einem Rück­fall eine Bestrah­lung erhielt – dies traf auf 395 Män­ner zu. Die Meta­ana­ly­se fand eben­falls kei­ne Bewei­se dafür, dass die Strah­len­the­ra­pie sofort nach der Op das krebs­freie Über­le­ben ver­bes­ser­te als eine Strah­len­the­ra­pie nur bei einem Rück­fall.

Die Meta­ana­ly­se unter­streicht die Stu­di­en­erkennt­nis­se, dass die Beob­ach­tung zukünf­tig der Stan­dard sein soll­te und die Bestrah­lung nur bei einem Rück­fall in Fra­ge kommt“, sagt Dr. Clai­re Vale, die Autorin der Meta­ana­ly­se vom Uni­ver­si­ty Col­le­ge Lon­don. Und Dr. Xavier Mal­do­na­do vom Hos­pi­tal Uni­ver­si­ta­ri Vall d’He­bron, Bar­ce­lo­na, ergänzt: „Dies sind die ers­ten Unter­su­chungs­er­geb­nis­se, die dar­auf hin­deu­ten, dass wir die Radio­the­ra­pie bei eini­gen Män­nern mit Pro­sta­ta­krebs ganz weg­las­sen oder zeit­lich nach hin­ten schie­ben kön­nen.“ Dies ver­kür­ze die Dau­er der Behand­lung deut­lich und spa­re zudem Kos­ten im Gesund­heits­we­sen. Die Vor­aus­set­zung sei jedoch eine eng­ma­schi­ge Kon­trol­le. Nur so könn­ten Ärz­te jene Män­ner iden­ti­fi­zie­ren, die eine Bestrah­lung wegen eines Rück­falls bräuch­ten.

Männer über zehn Jahre beobachten

Die For­scher sind sich jedoch einig, dass fünf Jah­re als Nach­be­ob­ach­tungs­zeitrum nicht aus­reich­ten. Bes­ser sei es, die Frei­heit von Meta­sta­sen über eine Zeit­span­ne von zehn Jah­ren zu über­wa­chen. Zukünf­ti­ge Stu­di­en soll­ten dar­auf abzie­len, jene Män­ner zu iden­ti­fi­zie­ren, bei denen die Strah­len­the­ra­pie eine loka­le Rück­kehr des Pro­sta­ta­kreb­ses und even­tu­el­le Meta­sta­sen ver­hin­dern kann. Dabei kön­ne ein Blick in die Gene hel­fen. „So kön­nen wir die bes­te Behand­lungs­stra­te­gie indi­vi­du­ell für jeden Mann fin­den – ob Ope­ra­ti­on und/oder Bestrah­lung – und zu wel­chem Zeit­punkt“, hofft Mal­do­na­do.

Quellen

• Euro­pean Socie­ty for Medi­cal Onco­lo­gy (ESMO), https://www.esmo.org/Press-Office/Press-Releases/ESMO-Congress-prostate-cancer-surgery-radicals-artistic-Parker-Vale, 27.9.2019
LBA49_PR ‘Timing of radio­the­ra­py (RT) after radi­cal pro­sta­tec­to­my (RP): first results from the RADICALS RT ran­do­mi­sed con­trol­led tri­al (RCT) [NCT00541047]‘ will be pre­sen­ted by Chris Par­ker during the Prof­fe­red Paper ses­si­on on Fri­day, 27 Sep­tem­ber, 14:00 to 15:30 (CEST) in Sevil­la Audi­to­ri­um (Hall 2). Annals of Onco­lo­gy, Volu­me 30, Sup­ple­ment 5, Octo­ber 2019
LBA48_PR ‘Adju­vant or sal­va­ge radio­the­ra­py for the tre­at­ment of loca­li­sed pro­sta­te can­cer? A pro­spec­tively plan­ned aggre­ga­te data meta-ana­ly­sis’ will be pre­sen­ted by Clai­re L. Vale during the Prof­fe­red Paper ses­si­on on Fri­day, 27 Sep­tem­ber, 14:00 to 15:30 (CEST) in Sevil­la Audi­to­ri­um (Hall 2). Annals of Onco­lo­gy, Volu­me 30, Sup­ple­ment 5, Octo­ber 2019

Datum: 27.11.2019

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