Prostatakrebs – Operation mit Roboter

Die Ope­ra­ti­on mit einem Robo­ter bei Pro­sta­ta­krebs ist in vie­len Kli­ni­ken längst All­tag. Der Wür­bur­ger Uro­lo­ge Dr. Frank Schie­fel­bein erklärt im Inter­view, wie die robo­ter­ge­stütz­te Op funk­tio­niert, für wen sie sich eig­net und wel­che Vor­tei­le sie bringt.

Herr Dr. Schiefelbein, Sie operieren Prostatakrebs seit 2008 mit einem Operationsroboter. Wie haben wir uns das vorzustellen?

Dr. Frank Schie­fel­bein, Würz­bur­ger Uro­lo­ge

Zunächst ein­mal ope­riert der Robo­ter nicht allei­ne, wie vie­le mei­nen. Er macht also von sich aus kei­ne eigen­stän­di­gen Bewe­gun­gen, son­dern über­setzt nur die Ope­ra­ti­ons­schrit­te des Arz­tes. Und zwar prä­zi­ser, als dies der Ope­ra­teur selbst könn­te. Die­se Kom­bi­na­ti­on aus Mensch und Maschi­ne ist so erfolg­reich, dass Medi­zi­ner in den USA den Pro­sta­ta­krebs in mehr als 90 Pro­zent der Fäl­le mit der Unter­stüt­zung eines Robo­ter­sys­tems ope­rie­ren.

Woraus besteht das Robotersystem genau?

Der Ope­ra­ti­ons­ro­bo­ter besitzt zwei Kom­po­nen­ten. Einer­seits die OP-Kon­so­le mit einem 3D-Moni­tor und der Steue­rungs­mög­lich­keit für die OP-Instru­men­te, die wie­der­um durch eine zen­tra­le Steu­er- und Rechen­ein­heit kon­trol­liert wer­den. Zum ande­ren ver­fügt der Robo­ter über ein mecha­ni­sches Seil­zug­sys­tem, das die fei­nen Mikro­in­stru­men­te im Kör­per des Pati­en­ten bewegt. Über die Kon­so­le steu­ert der Ope­ra­teur einen Kame­ra-Arm und drei Ope­ra­ti­ons­ar­me, und zwar durch die Bewe­gun­gen sei­nes Dau­mens, Zei­ge­fin­gers und Hand­ge­lenks. Die Instru­men­te sind prak­tisch der „ver­län­ger­te Arm“ des Ope­ra­teurs. Im Gegen­satz zu einer offe­nen Schnitt­ope­ra­ti­on steht der Ope­ra­teur also nicht selbst am Ope­ra­ti­ons­tisch.

Welche Männer profitieren besonders von einer Op mit dem Roboter?

Man kann sagen: Je kom­pli­zier­ter der Ein­griff ist und je auf­wän­di­ger die Ope­ra­ti­ons­schrit­te zur Rekon­struk­ti­on und Prä­pa­ra­ti­on für den Arzt sind, des­to grö­ßer ist der Vor­teil durch das Robo­ter-Sys­tem. Wir haben im letz­ten Jahr an unse­rer Kli­nik in Würz­burg 470 radi­ka­le Pro­sta­tek­to­mien durch­ge­führt, davon mehr als 300 mit dem Robo­ter-Sys­tem.

Inkontinenz ist eine häufige Folge der radikalen Prostatektomie. Schneidet der Roboter hier besser ab?

Bezüg­lich der Inkon­ti­nenz haben Män­ner, die wir mit Hil­fe eines Robo­ters ope­rie­ren, auf jeden Fall Vor­tei­le. Schon in der Früh­pha­se nach der Ope­ra­ti­on erzie­len wir hohe Kon­ti­nenz-Raten. Nach einem Jahr beträgt die Harn­kon­ti­nenz mehr als 90 Pro­zent. Aber es gibt noch wei­te­re Vor­tei­le: Wir arbei­ten mit der Tech­nik der Bauch­spie­ge­lung, bei der nur klei­ne Schnit­te nötig sind. Teil­wei­se sind sie weni­ger als einen Zen­ti­me­ter groß. Damit sind die Nar­ben klei­ner, Wund­hei­lungs­stö­run­gen sind sel­te­ner und die Schmer­zen nach dem Ein­griff fal­len gerin­ger aus. Der Pati­ent erholt sich rascher und fin­det nach dem Kran­ken­haus­auf­ent­halt schnel­ler in sein nor­ma­les Leben zurück. In der Regel bleibt ein Pati­ent sie­ben bis neun Tage bei uns.

Und wie steht es mit der Erektilen Dysfunktion?

Den Erhalt der Potenz und das Risi­ko für die Erek­ti­le Dys­funk­ti­on müs­sen wir dif­fe­ren­zier­ter betrach­ten. Aus Grün­den, die im Tumor selbst lie­gen, kön­nen wir nicht jeden Mann potenz­er­hal­tend ope­rie­ren. Denn dabei ver­blei­ben Tei­le der Pro­stat­akap­sel im Kör­per des Pati­en­ten. Bei einem aus­ge­dehn­ten und schlecht dif­fe­ren­zier­ten Tumor kön­nen wir die­se Ope­ra­ti­ons­tech­nik des­halb gar nicht anwen­den. Nur bei einem Tumor, der noch auf die Pro­sta­ta begrenzt und gut dif­fe­ren­ziert ist, ist eine potenz­er­hal­ten­de Op-Tech­nik mög­lich. Hier kommt es aller­dings dar­auf an, ob wir das Ner­ven­ge­fäß­bün­del auf bei­den Sei­ten oder nur ein­sei­tig erhal­ten kön­nen. Bei einem jün­ge­ren Pati­en­ten mit beid­sei­tig potenz­er­hal­ten­der Ope­ra­ti­ons­tech­nik gelingt der Erhalt der Potenz ohne Hilfs­mit­tel bei 70 Pro­zent und mit medi­ka­men­tö­ser Unter­stüt­zung in nahe­zu 90 Pro­zent.

Kommt die Roboter-Op für alle Männer mit Prostatakrebs in Frage?

Hier muss ich lei­der sagen: nein. Wenn ein Pati­ent bestimm­te Vor­er­kran­kun­gen hat, vor allem Herz‑, Lun­gen- oder Gefäß­er­kran­kun­gen, kön­nen wir den Ein­griff nicht mit dem Robo­ter durch­füh­ren. Der Grund ist, dass wir den Pati­en­ten spe­zi­ell lagern müs­sen – in der soge­nann­ten Ober­kör­per­tief­la­ge­rung. Für die­se Pati­en­ten wäh­len wir eine ande­re Ope­ra­ti­ons­tech­nik.

Welche Vorteile bietet der Roboter für den Operateur?

Gegen­über der kon­ven­tio­nel­len Bauch­spie­ge­lung, der Laparo­sko­pie, bei der wir eben­falls durch klei­ne Schnit­te unter der Haut ope­rie­ren, bie­tet das Robo­ter-gestütz­te Ope­rie­ren eini­ge Vor­tei­le. Zunächst arbei­ten wir mit einer Dop­pel­ka­me­ra – also einer für jedes Auge. Die­se Kame­ra lie­fert uns ein drei­di­men­sio­na­les, hoch­auf­lö­sen­des Bild aus dem Kör­per. Durch die HD-Tech­nik haben wir eine her­vor­ra­gen­de Sicht und die Bil­der las­sen sich bis zu 15-fach ver­grö­ßern. Der Arzt erkennt also wich­ti­ge Struk­tu­ren wie Ner­ven und Gefä­ße bes­ser, was den Ein­griff siche­rer für den Pati­en­ten macht.

Außer­dem besit­zen die Mikro­in­stru­men­te Dop­pel­ge­len­ke. Dadurch errei­chen wir eine außer­ge­wöhn­li­che Bewe­gungs­frei­heit und kön­nen Bewe­gun­gen durch­füh­ren, zu denen ein Mensch mit sei­nen Fin­gern nicht in der Lage wäre. Auf engs­tem Raum kön­nen wir somit sehr kom­ple­xe Prä­pa­ra­ti­ons­schrit­te vor­neh­men. Der Ope­ra­teur ist die gesam­te Ope­ra­ti­on über sehr ent­spannt. Er kann an der Steu­er­kon­so­le sit­zen und die Arme abstüt­zen. Er bewegt die Instru­men­te voll­stän­dig kon­trol­liert und ohne jeg­li­ches Zit­tern.

Wie lange dauert eine durchschnittliche OP mit dem Roboter?

Die Ope­ra­ti­on mit dem Robo­ter­sys­tem dau­ert unge­fähr so lan­ge wie eine her­kömm­li­che Op. Gene­rell hängt die Ope­ra­ti­ons­dau­er davon ab, ob wir potenz­er­hal­tend oder nicht ope­rie­ren oder ob wir meh­re­re Lymph­kno­ten ent­fer­nen müs­sen. Im Schnitt dau­ert die OP zwei bis zwei­ein­halb Stun­den.

Wer ist – neben dem Roboter – an einer solchen Op beteiligt?

An der Ope­ra­ti­on mit Robo­ter sind drei Per­so­nen betei­ligt. Zunächst der Ope­ra­teur an der Steu­er­kon­so­le. Außer­dem ein Arzt, der direkt beim Pati­en­ten steht und über zwei geson­der­te Instru­men­te – die Tro­ka­re – Naht­ma­te­ri­al ein­bringt und gege­be­nen­falls Gewe­be­ma­te­ri­al ent­fernt. Dazu kommt eine OP-Schwes­ter, die instru­men­tiert.

Wie teuer ist ein Operationssystem mit Roboter?

Die Kos­ten sind sehr hoch. Allein der Anschaf­fungs­preis für das Robo­ter-Sys­tem liegt bei etwa 1,7 Mil­lio­nen Euro. Dazu kom­men die War­tungs­kos­ten von 150.000 Euro pau­schal im Jahr. Die ein­zel­nen Instru­men­te kön­nen wir nur für zehn Ope­ra­tio­nen ver­wen­den. Anders als in ande­ren euro­päi­schen Län­dern und in den USA kön­nen wir in Deutsch­land die zusätz­li­chen Kos­ten lei­der noch nicht mit den Kran­ken­kas­sen abrech­nen.

Übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die Prostatakrebs-Op mit Roboter?

Die gesetz­li­chen Kas­sen ein Deutsch­land bezah­len pau­schal einen Betrag für die Durch­füh­rung einer radi­ka­len Pro­sta­tek­to­mie. Die­ser ist unab­hän­gig von der Tech­nik, mit der wir ope­rie­ren. Den­noch ver­lan­gen wir den Pati­en­ten in unse­rer Kli­nik kei­ne zusätz­li­chen Kos­ten ab. In Deutsch­land liegt der Anteil aller radi­ka­len Pro­sta­tek­to­mien, die mit dem Ope­ra­ti­ons­ro­bo­ter-Sys­tem durch­ge­führt wer­den, bei mehr als 40 Pro­zent. In den nächs­ten Jah­ren erwar­ten wir ein Zusatz­ent­gelt, das die Mehr­kos­ten für die Instru­men­te und deren Auf­be­rei­tung abdeckt.

Das Inter­view führ­te Mar­ti­na Häring.

Datum: 29.10.2018

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