Prostatakrebs: Schutz der Sexualfunktion hat Priorität

Man­che Behand­lun­gen von Pro­sta­ta­krebs las­sen die Sexu­al­funk­ti­on lei­den. Vie­len Män­nern ist es aber wich­tig, wei­ter­hin Sex zu haben wie zuvor. Doch oft ent­schei­den sie sich für weni­ger scho­nen­en­de Krebs­the­ra­pien – aus Unwis­sen, ver­mu­ten For­scher. Von Ingrid Mül­ler

Eini­ge Behand­lun­gen bei Pro­sta­ta­krebs las­sen die männ­li­che Sexu­al­funk­ti­on lei­den – oft droht eine Erek­ti­le Dys­funk­ti­on. Sol­che The­ra­pien, die sich auf die Potenz aus­wir­ken, sind zum Bei­spiel die Pro­sta­ta-Op, Strah­len­the­ra­pie oder Hor­mon­the­ra­pie. Doch die Sexu­al­funk­ti­on zu erhal­ten, hat bei einem Groß­teil der Män­ner eine sehr hohe Prio­ri­tät. Aller­dings spie­gelt sich die­se Prä­fe­renz nicht immer in der Wahl der Pro­sta­ta­krebs-Behand­lung wider. Zu die­sem Schluss kommt eine Stu­die des Uni­ver­si­ty of North Caro­li­na Line­ber­ger Com­pre­hen­si­ve Can­cer Cen­ter. Ihre Ergeb­nis­se ver­öf­fent­lich­ten die For­scher um Ronald C. Chen im Fach­ma­ga­zin Jour­nal of the Natio­nal Can­cer Insti­tu­te (JNCI).

Wie wichtig ist Männern der Erhalt der Sexualfunktion bei Prostatakrebs?

Sie hat­ten rund 1.200 Män­ner befragt, die an einem wenig aggres­si­ven Pro­sta­ta­krebs im Früh­sta­di­um erkrankt waren. Die Daten zur Grö­ße, Aggres­si­vi­tät und Wachs­tums­ge­schwin­dig­keit der Pro­sta­ta­tu­mo­ren hat­ten sie den Pati­en­ten­ak­ten ent­nom­men. Die Män­ner soll­ten Aus­sa­gen dar­über machen, wie wich­tig ihnen der Erhalt der Sexu­al­funk­ti­on war. Die Ska­la reich­te von „sehr wich­tig“, „weni­ger wich­tig“ bis hin zu „unwich­tig“.

Mehr als die Hälf­te der Män­ner (52.6 Pro­zent) gaben an, der Erhalt der Sexu­al­funk­ti­on sei ihnen „sehr wich­tig“. Bei älte­ren Män­nern war die­ser Wunsch weni­ger stark aus­ge­prägt als bei jün­ge­ren. Die­se Prio­ri­tät der Män­ner zum Erhalt der Sexu­al­funk­ti­on spie­gel­te sich jedoch nicht in der Wahl ihrer The­ra­pie­stra­te­gie wider. Sie ent­schie­den sich nicht für jene Behand­lung, wel­che die Sexu­al­funk­ti­on am wir­kungs­volls­ten schützt und erhält. „Lei­der wähl­ten die­se Män­ner nicht vor­ran­gig die Mög­lich­keit der akti­ven Über­wa­chung“, sagt der Stu­di­en­lei­ter Ronald C. Chen vom Insti­tut für Radio­on­ko­lo­gie.

Schutz der Sexualfunktion: Aktive Überwachung ist vielen Männern unbekannt

Nur bei 43,4 Pro­zent der Män­ner sahen Ärz­te regel­mä­ßig nach, wie sich der Pro­sta­ta­krebs ver­hielt. Die Män­ner hat­ten die scho­nen­de The­ra­pie­stra­te­gie also nicht häu­fi­ger aus­ge­sucht als Män­ner, denen der Erhalt der Sexu­al­funk­ti­on weni­ger wich­tig war. „Es gibt ein Miss­ver­hält­nis zwi­schen den erklär­ten Prio­ri­tä­ten der Män­ner und der The­ra­pie, die sie schließ­lich erhal­ten“, erklärt Chen.

Bei akti­ven Über­wa­chung (engl. acti­ve sur­veil­lan­ce) ver­zich­ten Män­ner zunächst auf eine Behand­lung ihres Pro­sta­ta­kreb­ses. Dafür kon­trol­lie­ren Ärz­te den bös­ar­ti­gen Tumor in bestimm­ten, genau abge­steck­ten Zeit­in­ter­val­len. Das akti­ve Über­wa­chen ist also nicht mit „Nichts­tun“ gleich­zu­set­zen. Denn der Arzt han­delt sofort, wenn der Pro­sta­ta­krebs vor­an­schrei­tet. Eine Hei­lung ist daher jeder­zeit mög­lich. „Unse­re Stu­di­en­ergeb­nis­se las­sen ver­mu­ten, dass vie­le Män­ner die akti­ve Über­wa­chung als Behand­lungs­mög­lich­keit bei frü­hem Pro­sta­ta­krebs gar nicht ken­nen“, sagt Chen.

Sexualfunktion erhalten für mehr Lebensqualität

Män­ner mit wenig aggres­si­vem Pro­sta­ta­krebs haben vie­le ver­schie­de­ne Behand­lungs­mög­lich­kei­ten, die unge­fähr gleich gut wirk­sam sind, aber die Lebens­qua­li­tät unter­schied­lich stark beein­flus­sen. Dazu gehö­ren die Ope­ra­ti­on, unter­schied­li­che For­men der Bestrah­lung (Strah­len­the­ra­pie von innen und außen) und die akti­ve Über­wa­chung. Eini­ge Krebs­the­ra­pien sind mit erheb­li­chen Neben­wir­kun­gen ver­bun­den, ein­schließ­lich Stö­run­gen der Sexu­al­funk­ti­on. Die akti­ve Über­wa­chung des Pro­sta­ta­kreb­ses ist eine gute Stra­te­gie, um die sexu­el­le Funk­ti­on bei Pro­sta­ta­krebs zu schüt­zen und damit auch die Lebens­qua­li­tät zu ver­bes­sern.

Für Pati­en­ten mit Pro­sta­ta­krebs bedeu­te­ten die Stu­di­en­erb­nis­se, dass sie grund­sätz­lich zwei Fra­gen stel­len soll­ten, erklärt Chen. „Die ers­te: Wie aggres­siv ist mein Krebs? Die zwei­te: Wel­che Behand­lungs­mög­lich­kei­ten habe ich?“ Anschlie­ßend soll­ten Män­ner immer mit ihren behan­deln­den Ärz­ten dis­ku­tie­ren, wo genau ihrer Prio­ri­tä­ten lie­gen. Jeder Arzt soll­te sei­nen Pati­en­ten dazu ermun­tern, sei­nen Vor­lie­ben genau zu reflek­tie­ren. „Erst dann soll­ten sich ein Mann zwi­schen allen ver­füg­ba­ren Optio­nen ent­schei­den“, rät er.

Aktive Überwachung ist eine sichere Behandlungsmöglichkeit

Eini­ge Pati­en­ten wün­schen sich nach der Schock­dia­gno­se Pro­sta­ta­krebs eine aggres­si­ve Krebs­be­hand­lung, um den Krebs in mög­lichst umfas­send und schnell zu bekämp­fen. Doch Pro­sta­ta­krebs ist nicht gleich Pro­sta­ta­krebs. Vie­le die­ser Tumo­ren in der Pro­sta­ta wach­sen sehr lang­sam und sind wenig aggres­siv. Zu Leb­zei­ten ver­ur­sa­chen die­se Vari­an­ten des Pro­sta­ta­kreb­ses womög­lich kaum gesund­heit­li­che Pro­ble­me. „Uro­lo­gen und Radio­lo­gen soll­ten ihre Pati­en­ten umfas­send über die lang­sam wach­sen­de Natur bei wenig aggres­si­vem Pro­sta­ta­krebs infor­mie­ren. Und sie soll­ten ihnen sagen, dass die akti­ve Über­wa­chung eine siche­re Behand­lungs­mög­lich­keit ist“, betont Chen.

Aktive Überwachung ist nicht gleich „beobachtendes Abwarten“

Man­che Män­ner set­zen die bei­den The­ra­pie­stra­te­gien „akti­ve Über­wa­chung“ (acti­ve sur­veil­lan­ce) und beob­ach­ten­des Abwar­ten („watch­ful wai­t­ing“) gleich. Doch es ist nicht das­sel­be! Beim watch­ful wai­t­ing kon­trol­lie­ren Ärz­te den Pro­sta­ta­krebs nicht regel­mä­ßig. Erst bei Beschwer­den sucht der Mann den Arzt auf, der dann nur die Sym­pto­me behan­delt. Ein wesent­li­cher Unter­schied zu akti­ven Über­wa­chung ist, dass eine Hei­lung beim watch­ful wai­t­ing nicht das Ziel ist. Die­se Stra­te­gie des The­ra­pie­auf­schubs eig­net sich, wenn die Behand­lung stär­ke­re Belas­tun­gen bedeu­ten wür­de als die Erkran­kung selbst ver­ur­sacht. Sie kommt für Män­ner in Fra­ge, die vor­aus­sicht­lich eine Lebens­er­war­tung von weni­ger als zehn Jah­ren haben und bei denen eine hei­len­de Behand­lung nicht mög­lich ist.

Quel­len:

  • Chen RC. et al.: „Pro­sta­te Can­cer Pati­ent Cha­rac­te­ris­tics Asso­cia­ted With a Strong Pre­fe­rence to Pre­ser­ve Sexu­al Func­tion and Rece­i­pt of Acti­ve Sur­veil­lan­ce“. Jour­nal of the Natio­nal Can­cer Insti­tu­te (JNCI), Volu­me 110, Issue 4, 1 April 2018, Pages 420–425, https://doi.org/10.1093/jnci/djx218
  • Deut­sches Krebs­for­schungs­zen­trum (DKFZ), www.krebsinformationsdienst.de (Abruf: 24.4.2018)

Datum: 24.4.2018

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