Aktive Überwachung bei Prostatakrebs – so funktioniert sie!

Die akti­ve Über­wa­chung ist eine Mög­lich­keit für Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs im Früh­sta­di­um. Lesen Sie, was hin­ter der „active sur­veil­lan­ce“ steckt, wie sie funk­tio­niert und wel­che Vor- und Nach­tei­le sie hat. Von Ingrid Müller

Was ist aktive Überwachung?

Die akti­ve Über­wa­chung oder eng­lisch „active sur­veil­lan­ce“ ist eine Behand­lungs­stra­te­gie, die sich für Män­ner mit einem Pro­sta­ta­krebs im Früh­sta­di­um eig­net. Ärz­te ver­zich­ten zunächst auf eine inten­si­ve Pro­sta­ta­krebs-Behand­lung, etwa eine Ope­ra­ti­on oder Strah­len­the­ra­pie. Den­noch bedeu­tet die akti­ve Über­wa­chung nicht, dass ein Arzt nichts tut! Im Gegen­teil: In regel­mä­ßi­gen Abstän­den kon­trol­liert er, ob der bös­ar­ti­ge Tumor in der Pro­sta­ta wei­ter wächst oder Ruhe gibt. Er über­wacht den Zustand des Pro­sta­ta­kreb­ses mit­tels PSA-Test, Tast­un­ter­su­chung, Biop­si­en und bild­ge­ben­den Ver­fah­ren, etwa der Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie (MRT, Kern­spin­to­mo­gra­fie). Ver­än­dert sich der Tumor oder brei­tet er sich wei­ter aus, han­delt der Arzt sofort und beginnt mit einer Krebs­the­ra­pie. Wich­tig ist, dass eine Hei­lung durch die akti­ve Über­wa­chung jeder­zeit mög­lich ist. Und: Sie kön­nen sie zu jedem Zeit­punkt abbre­chen und eine Krebs­be­hand­lung beginnen.

Aktive Überwachung bei Prostatakrebs senkt Gefahr der Übertherapie

Der Hin­ter­grund die­ser The­ra­pie­stra­te­gie der akti­ven Über­wa­chung ist, dass nicht alle For­men von Pro­sta­ta­krebs sofort einer Behand­lung bedür­fen. Man­che Vari­an­ten von Pro­statakar­zi­no­men sind wenig aggres­siv und wach­sen sehr lang­sam. Zu Leb­zei­ten wür­den sie vie­len Män­nern womög­lich gar kei­ne Pro­ble­me berei­ten. Auch fin­den Ärz­te auf­grund ver­bes­ser­ter Früh­erken­nungs­mög­lich­kei­ten ver­mehrt Pro­statakar­zi­no­me in frü­hen Sta­di­en. So besteht grund­sätz­lich die Gefahr der Über­dia­gno­se und Über­be­hand­lung. Die akti­ve Über­wa­chung soll des­halb Über­the­ra­pi­en bei frü­hen Tumor­sta­di­en ver­mei­den – ohne jedoch die Hei­lungs­aus­sich­ten zu senken.

Bespre­chen Sie mit ihrem Arzt immer aus­führ­lich alle Behand­lungs­mög­lich­kei­ten, wenn Sie an einem frü­hen Pro­statakar­zi­nom erkrankt sind. Dazu gehö­ren nicht nur die Pro­sta­ta­ent­fer­nung (radi­ka­le Pro­sta­tek­to­mie), Strah­len­the­ra­pie von außen und innen (Brachythe­ra­pie), son­dern eben auch die akti­ve Über­wa­chung des Tumors in der Pro­sta­ta. Wägen Sie gemein­sam immer sämt­li­che Chan­cen und Risi­ken gut gegen­ein­an­der ab. Wich­tig ist, dass Sie alle Zwei­fel, Unsi­cher­heit und Fra­gen auf den Tisch brin­gen – nur so kön­nen Sie anschlie­ßend hin­ter Ihrer Ent­schei­dung stehen!

Aktive Überwachung und beobachtendes Abwarten – die Unterschiede

Nicht zu ver­wech­seln ist die Stra­te­gie der „active sur­veil­lan­ce“ mit dem „beob­ach­ten­den Abwar­ten“, im Eng­li­schen „watch­ful wai­ting“. Die­se zielt näm­lich nicht auf die Hei­lung des Pro­sta­ta­kreb­ses ab. Der Arzt kon­trol­liert den Tumor nicht in regel­mä­ßi­gen Zeit­ab­stän­den, son­dern Män­ner suchen bei Beschwer­den ihren Arzt auf. Die­ser behan­delt dann die Sym­pto­me. Geeig­net ist das watch­ful wai­ting für Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs, die eine geschätz­te Lebens­er­war­tung von unter zehn Jah­ren haben oder bei denen kei­ne Hei­lung mehr mög­lich ist. Bei­de Stra­te­gi­en sind eine Mög­lich­keit, wenn die Krebs­be­hand­lung den Mann stär­ker belas­ten wür­de als die Tumor­er­kran­kung selbst.

Für welche Männer mit Prostatakrebs eignet sich die aktive Überwachung?

Die akti­ve Über­wa­chung kommt für Män­ner in Fra­ge, die ein lokal begrenz­tes Pro­statakar­zi­nom haben. Das bedeu­tet: Der Tumor hat noch nicht die Kap­sel der Pro­sta­ta durch­bro­chen und ist noch auf das Organ begrenzt. Zudem dür­fen sich kei­ne Meta­sta­sen in den Lymph­kno­ten im Bauch­raum, Kno­chen oder ande­ren Orga­nen nach­wei­sen las­sen. Dane­ben spie­len das Alter und bestehen­de Beglei­ter­kran­kun­gen eine Rolle.

Krebs­spe­zia­lis­ten haben eini­ge Kri­te­ri­en fest­ge­legt, um zu ent­schei­den, ob die akti­ve Über­wa­chung für Sie in Fra­ge kommt. Die­se müs­sen erfüllt sein, damit Ärz­te die akti­ve Über­wa­chung anwen­den dürfen.

Die Vor­aus­set­zun­gen sind:

  • Der PSA-Wert muss 10 Nano­gramm pro Mil­li­li­ter (ng/ml) oder weni­ger betragen
  • Der Glea­son-Score muss 6 oder weni­ger sein
  • Der Krebs muss das Tumor­sta­di­um cT1 und cT2a nach der TNM-Klas­si­fi­ka­ti­on besitzen
  • Der Tumor darf nur in zwei oder weni­ger Stan­zen von ins­ge­samt zehn bis zwölf ent­nom­me­nen Stan­zen nach­weis­bar sein
  • Tumor­ge­we­be darf sich in weni­ger oder maxi­mal 50 Pro­zent einer Stan­ze befinden.

Für Män­ner, deren Tumor den Glea­son-Score 7 besitzt (3+4 oder 7a), ist die akti­ve Über­wa­chung eben­falls eine Mög­lich­keit. Sie kommt dann aber nur im Rah­men einer kli­ni­schen Stu­die in Frage.

Ist eines die­ser Kri­te­ri­en nicht mehr erfüllt oder ver­dop­pelt sich der PSA-Wert in weni­ger als drei Jah­ren, raten Ärz­te dazu, die akti­ve Über­wa­chung zu been­den. Dann fol­gen ande­re Behand­lun­gen des Prostatakrebses.

Wich­tig ist, dass Sie sich bei der akti­ven Über­wa­chung beson­ders inten­siv von Ihrem Arzt bera­ten und beglei­ten las­sen! Sie müs­sen also regel­mä­ßig Ihren Arzt auf­su­chen und den Tumor kon­trol­lie­ren lassen.

So geht der Arzt bei der aktiven Überwachung vor

In den ers­ten bei­den Jah­ren nach der Dia­gno­se Pro­sta­ta­krebs kon­trol­lier­ten Ärz­te den Tumor, indem sie alle drei Mona­te den PSA-Wert bestim­men und eine Tast­un­ter­su­chung (digi­tal rek­ta­le Unter­su­chung, DRU) durch­füh­ren. Bleibt der PSA-Wert in die­sem Zeit­raum sta­bil, dehnt sich das Kon­troll­in­ter­vall auf sechs Mona­te aus.

Zudem neh­men Ärz­te eine erneu­te Gewe­be­pro­be (Rebi­op­sie) und machen eine Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie in bestimm­ten Abstän­den. Für die Unter­su­chun­gen und Zeit­in­ter­val­le gibt es einen genau­en Fahrplan.

Aktive Überwachung: Vorteile und Nachteile

Wie jede Behand­lungs­me­tho­de besitzt die akti­ve Über­wa­chung sowohl Vor­tei­le als auch Nachteile.

Mög­li­che Vor­tei­le sind:

  • Sie erle­ben zunächst kei­ne Neben­wir­kun­gen, wie sie von ande­ren Krebs­be­hand­lun­gen bekannt sind. Eine Ope­ra­ti­on kann ver­schie­dens­te Fol­gen haben, etwa Inkon­ti­nenz oder Impo­tenz. Auch eine Strah­len­the­ra­pie ist nicht nebenwirkungsarm.
  • Bei der akti­ven Über­wa­chung bleibt immer die Mög­lich­keit auf Hei­lung bestehen.
  • Wenn sich der Pro­sta­ta­krebs wei­ter­ent­wi­ckelt, kön­nen Sie jeder­zeit eine Behand­lung begin­nen. Auch wenn Sie sich plötz­lich unsi­cher sind, bre­chen Sie die akti­ve Über­wa­chung ab und fan­gen mit einer Behand­lung an.

Mög­li­che Nach­tei­le sind:

  • Das Leben mit einem bös­ar­ti­gen Tumor in der Pro­sta­ta ist für man­che Män­ner see­lisch belas­tend. Die Tat­sa­che, dass der Krebs nicht ver­schwun­den ist, son­dern wei­ter­hin in der Pro­sta­ta schlum­mert, beun­ru­higt eini­ge Männer.
  • Sie müs­sen regel­mä­ßig und in engen Zeit­ab­stän­den Ihren Arzt auf­su­chen, der den Tumor über­wacht. Um Unter­su­chun­gen wie PSA-Test, Tast­un­ter­su­chung, Biop­si­en (auch sie hat Neben­wir­kun­gen) und MRT kom­men Sie nicht herum.
  • Es bleibt ein gewis­ses Rest­ri­si­ko, dass der Pro­sta­ta­krebs unbe­merkt fort­schrei­tet und dann schlech­ter behan­del­bar ist.

Wie sicher ist die aktive Überwachung bei Prostatakrebs?

Die akti­ve Über­wa­chung ist eine gute Mög­lich­keit, um den Pro­sta­ta­krebs unter Kon­trol­le zu hal­ten und zunächst auf Krebs­the­ra­pi­en mit vie­len Neben­wir­kun­gen zu ver­zich­ten. Sie erhöht die Lebens­qua­li­tät der Män­ner, schmä­lert aber nicht die Hei­lungs­chan­cen oder erhöht die Sterb­lich­keit. Die akti­ve Über­wa­chung ist nach allem, was Ärz­te heu­te wis­sen, eine siche­re Behand­lungs­me­tho­de bei Pro­sta­ta­krebs.

Quel­len:

  • Inter­dis­zi­pli­nä­re S3-Leit­li­nie zur Früh­erken­nung, Dia­gno­se und The­ra­pie der ver­schie­de­nen Sta­di­en des Pro­statakar­zi­noms, Deut­sche Gesell­schaft für Uro­lo­gie (DGU), Stand: April 2018
  • Deut­sches Krebs­for­schungs­zen­trum (DKFZ), www.krebsinformationsdienst.de (Abruf: 26.4.2018)

 

 

Datum: 26.4.2018

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