Früherkennung von Prostatakrebs: Zuckertest im Blut

Pro­sta­ta­krebs lässt sich umso bes­ser hei­len, je frü­her Ärz­te ihn ent­de­cken. Jetzt haben bri­ti­sche For­scher eine neue Metho­de ent­wi­ckelt, um bös­ar­ti­ge Tumo­ren in der Pro­sta­ta schnel­ler und ziel­ge­nau­er aus­zu­spü­ren: einen spe­zi­el­len Zucker­test. Von Ingrid Mül­ler

Je frü­her Ärz­te Pro­sta­ta­krebs auf­spü­ren, des­to bes­ser ist er behan­del­bar und des­to höher sind auch die Über­le­bens­chan­cen für Män­ner. Die­ser Zusam­men­hang ist schon län­ger bekannt und gilt auch für vie­le ande­re Krebs­ar­ten. Der­zeit gibt es ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten zur Früh­erken­nung von Pro­sta­ta­krebs: PSA-Test, Tast­un­ter­su­chung und trans­rek­ta­ler Ultra­schall (TRUS). Lie­fern die­se Metho­den Anhalts­punk­te für Pro­sta­ta­krebs, folgt eine Pro­statabi­op­sie, bei der Ärz­te Gewe­be­pro­ben aus den ver­däch­ti­gen Berei­chen ent­neh­men.

For­scher der Uni­ver­si­ty of Bir­ming­ham ent­wi­ckel­ten jetzt eine neue Metho­de, um Pro­sta­ta­krebs zu dia­gnos­ti­zie­ren: Einen spe­zi­el­len Test, der beson­de­re Zucker­mo­le­kü­le im Blut nach­weist. Er sol­le frü­he­re Ergeb­nis­se mit grö­ße­rer Genau­ig­keit und Sicher­heit lie­fern, sagen die For­scher. Ihre Ergeb­nis­se ver­öf­fent­lich­ten sie im Fach­blatt Advan­ced Func­tio­n­al Mate­ri­als. Welt­weit for­schen Wis­sen­schaft­ler seit vie­len Jah­ren an der „Flüs­sig­bi­op­sie“ (liquid bio­psy), die eine Krebs­er­kran­kung anhand einer ein­fa­chen Blut­pro­be nach­wei­sen kann. Eini­ge Tests, die auf ver­schie­de­ne Sub­stan­zen als Bio­mar­ker abzie­len, haben in Stu­di­en schon viel­ver­spre­chen­de Ergeb­nis­se gelie­fert.

Die Beson­der­heit der neu­en Tech­nik ist, dass wir Gly­ka­ne mit einer so hohen Genau­ig­keit erfas­sen und unter­schei­den kön­nen.

Prof. Pau­la Men­des, Uni­ver­si­ty of Bir­ming­ham

Zuckertest – künstliche Andockstellen für Glykane

Im Blick hat­ten die bri­ti­schen For­scher um Prof. Pau­la Men­des die soge­nann­ten Gly­ka­ne. Das sind kom­ple­xe Zucker­ver­bin­dun­gen, bei denen meh­re­re Koh­len­hy­dra­te zu grö­ße­ren Mole­kü­len ver­knüpft sind. Die­se Zucker hef­ten sich im Blut an das Eiweiß „pro­stat­a­spe­zi­fi­sches Anti­gen“ (PSA). Bekannt ist, dass sich die Gly­ka­ne gering­fü­gig ver­än­dern, wenn ein Mensch an Krebs erkrankt ist.

Es gibt eine Viel­zahl von Gly­ka­nen, die bei unter­schied­li­chen Krebs­ar­ten eine Rol­le spie­len. Die bri­ti­schen For­scher ent­wi­ckel­ten jetzt eine Tech­nik, mit der sich Zucker­mo­le­kü­le mit hoher Genau­ig­keit nach­wei­sen las­sen. Sie ver­wen­de­ten ein syn­the­ti­sches Koh­len­hy­drat­ma­te­ri­al, mit dem sie jeweils die „Guss­form“ für ein spe­zi­el­les Gly­kan her­stell­ten. Die­se pass­ge­nau­en „Andock­stel­len“ fixier­ten sie dann auf einer Ober­flä­che, so dass anschlie­ßend nur jenes beson­de­re Gly­kan dar­an bin­den konn­te – aber kei­ne ande­ren Sub­stan­zen. Die­se Bin­dungs­ge­rüs­te lie­ßen sich für ver­schie­dens­te Gly­ka­ne maß­schnei­dern, so die For­scher.

Bluttest kann Glykane sicher identifizieren

Die Beson­der­heit der neu­en Tech­nik ist, dass wir Gly­ka­ne mit einer so hohen Genau­ig­keit erfas­sen und unter­schei­den kön­nen“, erklärt Lau­ra Men­des, die Haupt­au­torin der Stu­die. „An ein PSA-Mole­kül kön­nen sich zwar 56 ver­schie­de­ne Zucker anhef­ten, aber nur vier davon sind bei Pro­sta­ta­krebs rele­vant. Unser Test kann die­se vier mit hoher Sicher­heit iden­ti­fi­zie­ren“, so Men­des wei­ter. Die Anzahl der gefun­de­nen Gly­ka­ne kön­ne nicht nur Hin­wei­se dar­auf lie­fern, ob Pro­sta­ta­krebs vor­han­den sei, son­dern auch, wie aggres­siv oder weit fort­ge­schrit­ten er ist.

Dr. David Mont­go­me­ry, For­schungs­di­rek­tor von der Orga­ni­sa­ti­on Pro­sta­te Can­cer UK, sagt: „Eine frü­he und zuver­läs­si­ge Dia­gno­se von Pro­sta­ta­krebs ist ent­schei­dend, um die Behand­lun­gen scho­nen­der aus­fal­len zu las­sen und mehr Män­ner zu hei­len“. Die Stu­die kön­ne dazu bei­tra­gen, dass das Eiweiß PSA zukünf­tig eine geziel­te­re und genaue­re Mög­lich­keit sei, um Pro­sta­ta­krebs fest­zu­stel­len. Zudem lie­ßen sich Rück­schlüs­se dar­auf zie­hen, wel­che Män­ner eine rasche Behand­lung bräuch­ten und wann eine abwar­ten­de Stra­te­gie mög­lich sei. Die Orga­ni­sa­ti­on Pro­sta­te Can­cer UK hat die Stu­die finan­zi­ell unter­stützt.

Um die Taug­lich­keit ihres Zucker­tests wei­ter zu über­prü­fen, wol­len die For­scher bald Unter­su­chun­gen an Blut­pro­ben von Pro­sta­ta­krebs­pa­ti­en­ten durch­füh­ren. Erst dann wird sich bewei­sen, ob der Zucker­test zukünf­tig eine Mög­lich­keit bei der Früh­erken­nung von Pro­sta­ta­krebs ist. Auch für ande­re Krebs­ar­ten wol­len sie den Test wei­ter­ent­wi­ckeln, zum Bei­spiel für Eier­stock­krebs. Von der Markt­rei­fe ist er aber noch ein gro­ßes Stück ent­fernt.

Interview

Prostata Hilfe Deutschland: Dr. Frank SchiefelbeinDer Uro­lo­ge Dr. Frank Schie­fel­bein erklärt im Inter­view, was ein risi­ko­ad­ap­tier­ter PSA-Test ist und wel­che Vor­tei­le er mit sich bringt »»

PSA-Test und PSA-Screening – der Stand der Dinge

Der­zeit set­zen Ärz­te bei der Früh­erken­nung von Pro­sta­ta­krebs neben ande­ren Unter­su­chun­gen auf den PSA-Test. Die Kos­ten dafür über­neh­men die gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen nach wie vor nicht. Män­ner müs­sen ihn als Vor­sor­ge­un­ter­su­chung selbst bezah­len. Anders ist es, wenn Ärz­te den Ver­dacht auf Pro­sta­ta­krebs haben oder einen bestehen­den Pro­sta­ta­krebs über­wa­chen und kon­trol­lie­ren wol­len. Dann bezah­len die Kran­ken­kas­sen ihn.

Erst kürz­lich hat­te sich das Insti­tut für Qua­li­tät und Wirt­schaft­lich­keit im Gesund­heits­we­sen (IQWIG) in sei­nem Abschluss­be­richt wie­der gegen ein PSA-Scree­ning aus­ge­spro­chen. Das Insti­tut ver­steht dar­un­ter, dass sich alle Män­ner ab einem gewis­sen Alter einem PSA-Test unter­zie­hen – unab­hän­gig von Grund­er­kran­kun­gen und dem indi­vi­du­el­len Risi­ko­pro­fil. Das IQWIG will erst die Ergeb­nis­se einer wei­te­ren gro­ßen Stu­die abwar­ten, und dann die Emp­feh­lun­gen even­tu­ell anpas­sen – die­se wer­den jedoch erst im Jahr 2028 erwar­tet.

Die deut­schen und inter­na­tio­na­len Fach­ge­sell­schaf­ten sowie Selbst­hil­fe­ver­bän­de kri­ti­sie­ren die­se Ent­schei­dung, weil sie den Begriff „Scree­ning“ anders inter­pre­tie­ren. Sie favo­ri­sie­ren den risi­ko­ad­ap­tier­ten PSA-Test statt eines flä­chen­de­cken­den Scree­nings an gesun­den Män­nern. Dabei berück­sich­ti­gen Ärz­te immer meh­re­re Risi­ko­fak­to­ren, etwa einen erhöh­ter PSA-Aus­gangs­wert im Alter von 40 oder 45 Jah­ren oder gehäuf­ten Pro­sta­ta­krebs in der Fami­lie.

Der medi­zi­ni­sche Nut­zen des risi­ko­ad­ap­tier­ten PSA-Tests sei als Bau­stein bei der Früh­erken­nung von Pro­sta­ta­krebs unbe­strit­ten, erklärt die Deut­sche Gesell­schaft für Uro­lo­gie (DGU) in ihrer Stel­lung­nah­me. Män­ner soll­ten sich dar­über bei Ihrem Uro­lo­gen infor­mie­ren.

PSA-Test ist nicht immer zuverlässig

Der PSA-Test allei­ne ist nicht aus­sa­ge­kräf­tig genug. Es gibt vie­le Fak­to­ren, die den PSA-Wert beein­flus­sen und in die Höhe klet­tern las­sen. Bei­spie­le sind Rad­fah­ren, Sex oder eine Pro­sta­ta­ent­zün­dung. Auf­grund des falsch-posi­ti­ven Ergeb­nis­se müs­sen sich Män­ner dann wei­te­ren Unter­su­chun­gen unter­zie­hen, etwa einer inva­si­ven Stanz­bi­op­sie. Umge­kehrt zeigt der Test bei man­chen Män­nern kei­nen erhöh­ten PSA-Wert an, obwohl sie Pro­sta­ta­krebs haben. Sie erhal­ten ein falsch-nega­ti­ves Ergeb­nis. Schon des­halb wäre ein neu­er Test, der jeder­zeit zuver­läs­si­ge Ergeb­nis­se lie­fert, hilf­reich – für Ärz­te und die Män­ner.

Quellen

Datum: 9.6.2020

Prostata Hilfe Deutschland: Portrait von Dr. Frank Schiefelbein

Würzburger Urologe warnt vor Verteufelung des PSA-Tests

Der Mit­be­grün­der der „Pro­sta­ta Hil­fe Deutsch­land“ warnt vor einer Ver­teu­fe­lung des PSA-Tests und plä­diert für eine risi­ko­ad­ap­tier­te Vor­sor­ge. Das Insti­tut IQWIG hat­te dem PSA-Test kürz­lich den Nut­zen abge­spro­chen.

Illustrationsbild PSA-Test: Blutproben im Labor

PSA-Screening: PSA-Test nutzt nur wenigen Männern

Ein PSA-Scree­­ning mit­tels PSA-Test ist für die meis­ten Män­ner offen­bar nicht nur wert­los, son­dern rich­tet sogar erheb­li­chen Scha­den. Es dro­hen Über­dia­gno­sen und Über­the­ra­pi­en. Zu die­sem Schluss kommt ein neu­es Gut­ach­ten des IQWIG.

Prostata Hilfe Deutschland: Risikoadaptierter PSA-Test

Risikoadaptierter PSA-Test hat die größte Bedeutung“

Vie­le Fach­leu­te plä­die­ren der­zeit für einen risi­ko­ad­ap­tier­ten PSA-Test statt ein flä­chen­de­cken­des PSA-Scree­­ning für Män­ner. Was dahin­ter steckt und wel­che Vor­tei­le die­ser bie­tet, erklärt der Uro­lo­ge Dr. Frank Schie­fel­bein im Inter­view.

Prostata Hilfe Deutschland: PSA-Werte richtig lesen

PSA-Werte – so lesen Sie die Prostata-Werte richtig

Die PSA-Wer­­te lie­fern Ärz­ten wich­ti­ge Anhalts­punk­te für einen mög­li­chen Pro­sta­ta­krebs. Alles über frei­es und gebun­de­nes PSA, die PSA-Anstiegs­­ge­­schwin­­di­g­keit, PSA-Ver­­dop­pe­­lungs­­­zeit und PSA-Dich­­te.

Prostata Hilfe Deutschland: Alles Früherkennung und Behandlung beiProstatakrebs

PSA-Screening: Wie gut wird Mann informiert?

Das PSA-Scree­­ning soll Pro­sta­ta­krebs früh­zei­tig auf­spü­ren kön­nen. Doch Exper­ten dis­ku­tie­ren Chan­cen und Risi­ken des PSA-Tests seit län­ge­rem. Wie gut klä­ren deut­sche Infor­ma­ti­ons­ma­te­ria­li­en Män­ner dar­über auf? Nicht immer aus­ge­wo­gen und neu­tral, ergab eine Stu­die.

Prostata Hilfe Deutschland: Illustrationsbild - Mann fährt Fahrrad im Grünen

Erhöhter PSA-Wert – 6 Gründe, die nicht Prostatakrebs heißen

Ein erhöh­ter PSA-Wert treibt vie­len Män­nern die Sor­gen­fal­ten auf die Stirn. Doch es muss nicht gleich Pro­sta­ta­krebs dahin­ter ste­cken – mög­li­che Ursa­chen im Über­blick!

Prostata Hilfe Deutschland: Illustrationsbild - Medizinerhand mit blauem Handschuh hält im Labor eine Blutprobe

PSA-Rezidiv erkennen und behandeln

Manch­mal kehrt der Pro­sta­ta­krebs trotz einer Pro­­sta­­ta-OP oder Bestrah­lung zurück. Lesen Sie, was ein stei­gen­der PSA-Wert bedeu­tet, wie sich ein PSA-Rezi­­div erken­nen lässt und wie Ärz­te den Rück­fall behan­deln.

TRUS

Trans­rek­ta­ler Ultra­schall (TRUS) – den Zustand der Pro­sta­ta erken­nen

Biop­sie – wann?

Prostata Hilfe Deutschland: Illustrationsbild - Untersuchung am Mikroskop

Lesen Sie, in wel­chen Fäl­len Ärz­te ein Pro­statabi­op­sie vor­schla­gen!

Biop­sie: Risi­ken

Illustrationsbild Prostatabiopsie: Operateur im Operationssaal

Wel­che Risi­ken birgt eine Pro­statabi­op­sie? Alle Ant­wor­ten

Inter­view: „Scham am fal­schen Platz“

Prostata Hilfe Deutschland: Illustrationsbild - Latexhandschuhe

Wie die Tast­un­ter­su­chung abläuft – ein Mann erzählt!

 

Unterstützen Sie uns mit Ihrer Spende

© Pro­sta­ta Hil­fe Deutsch­land | Impres­sum | Daten­schutz