Prostatakrebs: Ist die Tastuntersuchung zu ungenau?

Die Tast­un­ter­su­chung der Pro­sta­ta soll Pro­sta­ta­krebs früh­zei­tig auf­spü­ren. Aber an ihrer Aus­sa­ge­kraft gibt es schon län­ger Zwei­fel. Eine kana­di­sche Stu­die bestä­tig­te jetzt, dass sie ver­mut­lich zu unge­nau ist für die Krebs­früh­erken­nung. Von Ingrid Müller

Die Tast­un­ter­su­chung der Pro­sta­ta zählt in Deutsch­land bis heu­te zu den wich­tigs­ten Früh­erken­nungs­un­ter­su­chun­gen auf Pro­sta­ta­krebs. Das gilt, obwohl deren Aus­sa­ge­kraft schon län­ger in Fra­ge steht. Die soge­nann­te digi­ta­le rek­ta­le Unter­su­chung (DRU) ist den­noch Teil des Vor­sor­ge­pro­gramms der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen. Des­we­gen über­neh­men sie auch die Kos­ten für die­se Unter­su­chungs­me­tho­de. Die Fach­ver­bän­de emp­feh­len Män­nern die Tast­un­ter­su­chung der Pro­sta­ta eben­falls, aller­dings nur in Kom­bi­na­ti­on mit dem PSA-Test. Kana­di­sche For­scher von der McMas­ter Uni­ver­si­ty in Hamil­ton, Onta­rio, bezwei­feln jetzt auf­grund ihrer neu­en Stu­die die Zuver­läs­sig­keit der Tast­un­ter­su­chung: Die DRU sei näm­lich zu wenig prä­zi­se beim Auf­spü­ren von Pro­sta­ta­krebs. Als beson­ders pro­ble­ma­tisch sehen sie zudem die hohe Zahl an falsch-posi­ti­ven Befun­den an. Dann stellt sich die ertas­te­te Auf­fäl­lig­keit spä­ter als harm­los her­aus – der Ver­dacht auf Pro­sta­ta­krebs bewahr­hei­tet sich dem­nach nicht. Ihre Ergeb­nis­se ver­öf­fent­lich­ten die Wis­sen­schaft­ler nun im Fach­blatt Annals of Fami­liy Medi­ci­ne.

Tastuntersuchung: Viele Männer haben doch keinen Prostatakrebs

Das For­scher­team um Leen Naji such­te in medi­zi­ni­schen Daten­ban­ken nach Stu­di­en, die sich gezielt mit der Wirk­sam­keit der DRU beschäf­tigt hat­ten. Sie fan­den mehr als 8.200 Stu­di­en. Dar­un­ter konn­ten sie jedoch nur sie­ben Unter­su­chun­gen aus­ma­chen, die die­sen Aspekt genau­er beleuch­tet hat­ten. An die­sen hat­ten ins­ge­samt 9.241 Män­ner teil­ge­nom­men. Alle männ­li­chen Pro­ban­den hat­ten sich sowohl einer Tast­un­ter­su­chung der Pro­sta­ta als auch einer Gewe­be­ent­nah­me unter­zo­gen, der Biop­sie.

Die Daten aus die­sen sie­ben Stu­di­en ana­ly­sier­ten sie dann genau­er. Im Blick hat­ten die Wis­sen­schaft­ler vor allem die Emp­find­lich­keit, Genau­ig­keit sowie falsch-posi­ti­ve und falsch-nega­ti­ve Befun­de der Tast­un­ter­su­chung. Falsch-posi­tiv bedeu­tet, dass der Unter­su­cher einen Pro­sta­ta­krebs fin­det, der doch kei­ner ist. Die ver­däch­ti­ge Ver­än­de­rung der Pro­sta­ta stellt sich anschlie­ßend als gut­ar­tig her­aus. Falsch-nega­tiv heißt, das der Arzt einen tastäch­lich vor­han­de­nen Pro­sta­ta­krebs „über­sieht“. Der Mann wiegt sich infol­ge­des­sen in fal­scher Sicherheit.

Die Ergeb­nis­se ihrer Ana­ly­se stuf­ten die For­scher als unter dem Strich ernüch­ternd ein. Ers­tens erkann­ten die Ärz­te mit­tels Tast­un­ter­su­chung nur 51 Pro­zent der tat­säch­lich vor­han­de­nen bös­ar­ti­gen Tumo­ren in der Pro­sta­ta. Zwei­tens erfühl­ten die Unter­su­cher bei 41 Pro­zent der Män­ner einen Pro­sta­ta­krebs, der sich spä­ter durch die Biop­sie nicht bestä­ti­gen ließ.

Tastuntersuchung: weitere Gesundheitsprobleme kommen dazu

Die­se hohe Zahl an falsch-posi­ti­ven Befun­den sei beson­ders pro­ble­ma­tisch, sagen die Auto­ren. So müss­ten sich Män­ner, die im Grun­de genom­men gesund sei­en, in der Fol­ge einer Pro­statabi­op­sie unter­zie­hen. Und die­se habe oft zusätz­lich unan­ge­neh­me Fol­gen: Sie ist zum Bei­spiel mit Schmer­zen sowie Blut im Urin, Stuhl und Sper­ma ver­bun­den. Dazu kön­nen Darm­blu­tun­gen sowie bak­te­ri­el­len Infek­tio­nen kommen.

Und in sehr sel­te­nen Fäl­len kön­nen Ärz­te sogar trotz Biop­sie nicht sagen, ob ein Mann tat­säch­lich Pro­sta­ta­krebs hat oder nicht. Dann unter­zie­hen sich die­se Män­ner womög­lich einer Ope­ra­ti­on, obwohl sie über­haupt kei­nen Pro­sta­ta­krebs haben. Nicht nur die Biop­sie, son­dern auch die Op kann wei­te­re gesund­heit­li­che Pro­ble­me nach sich zie­hen. Sie rei­chen von Inkon­ti­nenz bis hin zur Erek­ti­len Dys­funk­ti­on. Im Volks­mund heißt sie ver­ein­facht gesagt Impotenz.

Tastuntersuchung kein wirksames Instrument zur Früherkennung“

Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO hat daher fest­ge­legt, dass ein Scree­ning nach­weis­bar wirk­sam sein muss. Dar­über hin­aus müs­sen die Vor­tei­le deut­lich die Nach­tei­le über­wie­gen. „So wie es jedoch aus­sieht, tref­fen die­se Kri­te­ri­en nicht auf die digi­ta­le rek­ta­le Unter­su­chung zu“, stel­len die For­scher im Gegen­satz dazu fest. Es gebe zur Zeit kei­nen ein­deu­ti­gen Nach­weis, dass die Tast­un­ter­su­chung der Pro­sta­ta ein wirk­sa­mes Instru­ment zur Früh­erken­nung von Pro­sta­ta­krebs sei. „Wir emp­feh­len die digi­tal-rek­ta­le Unter­su­chung des­we­gen nicht als rou­ti­ne­mä­ßi­ge Scree­ning-Unter­su­chung auf Pro­sta­ta­krebs“, lau­tet ihr Fazit. Somit lie­ßen sich unnö­ti­ge dia­gnos­ti­sche Test, Über­dia­gno­sen und Über­the­ra­pi­en vermeiden.

Tastuntersuchung wird zudem unterschiedlich gelehrt

Es gibt jedoch eini­ge Fak­to­ren, wel­che die Aus­sa­ge­kraft der Stu­di­en­ergeb­nis­se ein­schrän­ken könn­ten. Ein Bei­spiel ist die Tat­sa­che, dass die Qua­li­tät der sie­ben ana­ly­sier­ten Stu­di­en äußerst unter­schied­lich war. Neben­bei gab es ver­schie­dens­te Defi­ni­tio­nen davon, was genau eine auf­fäl­li­ge digi­tal-rek­ta­le Unter­su­chung ist. Auch die Durch­füh­rung der DRU sei nicht bei allen Ärz­ten ein­heit­lich gewesen.

So hat­te bei­spiels­wei­se eine vor­he­ri­ge Unter­su­chung an kana­di­schen Kli­ni­ken erge­ben, dass es bei den Lehr­me­tho­den für Stu­den­ten zur DRU beträcht­li­che Unter­schie­de gab. Aber nicht nur das: Immer­hin die Hälf­te der Stu­den­ten hat­te in ihrem Stu­di­um nie­mals ein Trai­ning zur DRU erhal­ten. Genau­so gab es bei den kana­di­schen Haus­ärz­ten vie­le Unsi­cher­hei­ten, was die Tast­un­ter­su­chung betraf. Dies brach­te eine Umfra­ge ans Licht. Die­ser zufol­ge war sich nur annä­hernd die Hälf­te der Ärz­te sicher, durch die Tast­un­ter­su­chung bös­ar­ti­ge Ver­än­de­run­gen der Pro­sta­ta auf­spü­ren zu können.

Nutzen der Tastuntersuchung ist auf jeden Fall begrenzt

In Deutsch­land haben Män­ner ab 45 Jah­ren ein­mal jähr­lich Anspruch auf die Tast­un­ter­su­chung der Pro­sta­ta. Deren Kos­ten tra­gen die Kran­ken­kas­sen. Ein Uro­lo­ge tas­tet dabei die Pro­sta­ta mit dem Fin­ger vom End­darm her ab. Einen Teil der grö­ße­ren Pro­statakar­zi­no­me kön­nen Ärz­te auf die­se Wei­se ertas­ten. „Trotz­dem ist der Nut­zen der Tast­un­ter­su­chung begrenzt, weil sich klei­ne­re oder ungüns­tig gele­ge­ne Tumo­re nicht auf­spü­ren las­sen“, schreibt die Deut­sche Gesell­schaft für Uro­lo­gie. „Die allei­ni­ge digi­ta­le rek­ta­le Unter­su­chung der Pro­sta­ta reicht also als Früh­erken­nungs­un­ter­su­chung nicht aus.“ Die Tast­un­ter­su­chung gel­te des­we­gen nicht mehr als Stan­dard. Statt­des­sen sei sie nur noch als Ergän­zung ange­ra­ten. Auch in ande­ren Indus­trie­län­dern stuf­ten Krebs­ex­per­ten die Tast­un­ter­su­chung inzwi­schen als zusätz­li­che Unter­su­chung ein.

Eben­so kri­tisch sieht die Tast­un­ter­su­chung der Pro­sta­ta das Deut­sche Krebs­for­schungs­zen­trum (DKFZ). Mit die­ser Metho­de lie­ßen sich – wenn über­haupt – nur ober­fläch­li­che Tumo­ren erken­nen. Die­se hät­ten dann immer­hin schon eine gewis­se Grö­ße erreicht. „Ein tast­ba­rer Pro­sta­ta­krebs befin­det sich somit meist nicht mehr in einem Früh­sta­di­um“, schreibt das DKFZ. Dar­über hin­aus sin­ke die Treff­si­cher­heit der Tast­un­ter­su­chung wei­ter, wenn die Tumo­ren auf jener Pro­sta­ta­sei­te wach­sen, die dem Darm abge­wandt sind. Die­se Ver­än­de­run­gen sind auf jeden Fall erst dann zu erfüh­len, wenn sie die Form und Grö­ße der gesam­ten Pro­sta­ta ver­än­dert haben. „Fer­ner ist das Unter­su­chungs­er­geb­nis stark von der Erfah­rung und den Fähig­kei­ten des Unter­su­chers abhän­gig“, beto­nen die DKFZ-Auto­ren. Das deckt sich gleich­wohl mit den Ergeb­nis­sen der kana­di­schen Stu­di­en und den Umfra­gen unter Ärzten.

Tastuntersuchung plus PSA-Test empfohlen

Trotz die­ser Beden­ken ist die Tast­un­ter­su­chung in Deutsch­land noch immer Teil des gesetz­li­chen Früh­erken­nungs­pro­gramms. Kein Bestand­teil der gesetz­li­chen Krebs­früh­erken­nung ist indes der PSA-Test. Über die Bestim­mungs des PSA-Wer­tes bei gesun­den Män­nern ohne Krebs­sym­pto­me debat­tie­ren Ärzt übri­gens genau­so viel. Der Test kos­tet etwa 20 Euro und Män­ner müs­sen ihn selbst bezah­len. Für die Bespre­chung des Befun­des mit dem Arzt sind zusätz­lich unge­fähr 20 Euro fäl­lig. Die Bestim­mung des PSA-Wer­tes ist dem­nach eine Indi­vi­du­el­le Gesund­heits­lei­tung (IGeL). Die DGU schreibt: „Die Kom­bi­na­ti­on bei­der Unter­su­chun­gen wird emp­foh­len: Tast­un­ter­su­chung und den PSA-Test dazu!“ Zuvor soll­ten sich Män­ner aller­dings immer gut über Nut­zen und Risi­ken der Früh­erken­nung auf Pro­sta­ta­krebs informieren.

Quel­len:

  • Leen Naji et al. Digi­tal Rec­tal Exami­na­ti­on for Pro­sta­te Can­cer Scree­ning in Pri­ma­ry Care: A Sys­te­ma­tic Review and Meta-Ana­ly­sis, Annals of Fami­ly Medi­ci­ne, March/April 2018 vol. 16 no. 2 149–154 doi: 10.1370/afm.2205
  • Inter­dis­zi­pli­nä­re Leit­li­nie der Qua­li­tät S3 zur Früh­erken­nung, Dia­gno­se und The­ra­pie der ver­schie­de­nen Sta­di­en des Pro­statakar­zi­noms, Stand: Dezem­ber 2016
  • Gesund­heits­leit­li­ni­en „Früh­erken­nung von Pro­sta­ta­krebs“, Stand: Juli 2015
  • Deut­sches Krebs­for­schungs­zen­trum (DKFZ), www.krebsinformationsdienst.de (Abruf: 28.3.2018)
Datum: 28.3.2018
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