Prostatakrebs: Therapien schmälern Lebensqualität mehr als gedacht

Erek­ti­le Dys­funk­ti­on, Inkon­ti­nenz, Fati­gue – damit kämp­fen die meis­ten Män­ner nach einer Krebs­the­ra­pie. In einer gro­ßen Stu­die kamen jetzt die Män­ner ein­mal selbst zu Wort: Die Lebens­qua­li­tät lei­det dem­nach stär­ker als Ärz­te bis­lang geglaubt hat­ten. Von Ingrid Mül­ler

Die The­ra­pien bei Pro­sta­ta­krebs sind für die meis­ten Män­ner kein Sonn­tags­spa­zier­gang. Sie set­zen nicht nur dem Kör­per und der Psy­che zu, son­dern dämp­fen auch die Lebens­qua­li­tät. Denn nach einer Ope­ra­ti­on oder Strah­len­the­ra­pie haben vie­le mit uner­freu­li­chen Neben­wir­kun­gen wie Erek­ti­ler Dys­funk­ti­on und Inkon­ti­nenz zu kämp­fen. Es sind jedoch weit­aus mehr Män­ner und die Lebens­freu­de ist stär­ker im Kel­ler, als Ärz­te eigent­lich ange­nom­men hat­ten.

Zu die­sem Schluss kommt die ers­te inter­na­tio­na­le Stu­die zur Lebens­qua­li­tät von Män­nern mit Pro­sta­ta­krebs der Ver­ei­ni­gung Euro­pa Uomo. Sie gilt als bis­lang größ­te Unter­su­chung, bei der die erkrank­ten Män­ner selbst zu Wort kamen. André Deschamps, Vor­sit­zen­der der Euro­pa Uomo, stell­te die Ergeb­nis­se auf dem – Coro­na bedingt – vir­tu­el­len 35. Kon­gress der Euro­pean Asso­cia­ti­on of Uro­lo­gy in Ams­ter­dam vor.

Jede Krebs­the­ra­pie – mit Aus­nah­me der akti­ven Über­wa­chung – beein­flusst die Lebens­qua­li­tät nega­tiv, und zwar stär­ker als wir frü­her ange­nom­men haben.

Autoren der EUPROMS-Stu­die

Lebensqualität messen – drei Fragebögen mit Selbstauskunft

In die Stu­die namens EUPROMS – ein Kür­zel für Euro­pa Uomo Pati­ent Repor­ted Out­co­mes Stu­dy – flos­sen die Daten von knapp 3.000 Män­nern aus 25 euro­päi­schen Län­dern mit ein. Die Män­ner gaben in einem Fra­gen­bo­gen selbst Aus­kunft über ihr Befin­den, ihre Pro­ble­me und die Lebens­qua­li­tät nach den Krebs­be­hand­lun­gen. Im Schnitt waren die Krebs­über­le­ben­den 70 Jah­re alt, kei­ner war jün­ger als 45 Jah­re. Ihre Krebs­dia­gno­se erhiel­ten sie durch­schnitt­lich mit 64 Jah­ren. Sie beschrie­ben also zum Zeit­punkt der Befra­gung, wie gut ihre Lebens­qua­li­tät etwa sechs Jah­re nach dem Ende der Krebs­the­ra­pien war.

Die For­scher setz­ten drei ver­schie­de­ne, stan­dar­di­sier­te Fra­gen­bo­gen zur Lebens­qua­li­tät ein:

  1. EPIC-26 (Expan­ded Pro­sta­te Can­cer Index Com­po­si­te): Der Fra­ge­bo­gen umfasst 26 Fra­gen, unter ande­rem zur Inkon­ti­nenz, Sexua­li­tät und Libi­do.
  2. EORTC-QLQ-C30: Pati­en­ten beant­wor­ten hier 30 Fra­gen. Anhand der Ant­wor­ten lässt sich die Lebens­qua­li­tät von Krebs­pa­ti­en­ten beur­tei­len. Im Fokus ste­hen zum Bei­spiel kör­per­li­che, kogni­ti­ve und emo­tio­na­le Funk­tio­nen, Sym­pto­me wie Schmer­zen und Erschöp­fung sowie der all­ge­mein Gesund­heits­zu­stand und die Lebens­qua­li­tät.
  3. EQ-5D-5L: Bei die­sem Fra­ge­bo­gen ste­hen die Mobi­li­tät, die Fähig­keit zur Selbst­ver­sor­gung und zur Aus­übung all­ge­mei­nen Tätig­kei­ten, Schmerz und kör­per­li­che Beschwer­den sowie Angst und Nie­der­ge­schla­gen­heit im Zen­trum

Verlorene Sexualfunktion ist größtes Problem

Mehr als 50 Pro­zent der befrag­ten Män­ner sag­ten, dass der Ver­lust der Sexu­al­funk­ti­on – ein­schließ­lich der Fähig­keit, eine Erek­ti­on und einen Orgas­mus zu bekom­men – ein gro­ßes (28 Pro­zent) oder mitt­le­res (22 Pro­zent) für sie sei. Deschamps sagt: „Wir hören oft, dass die Abnah­me der Sexu­al­funk­ti­on für Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs kaum eine Rol­le spielt und dass wir den Ein­fluss sexu­el­ler Pro­ble­me auf die Lebens­qua­li­tät nicht über­trei­ben soll­ten.“

Außer­dem sei die Ansicht weit ver­brei­tet, dass Pro­sta­ta­krebs eine typi­sche Erkran­kung „alter Män­ner“ sei. Dies impli­zie­re schon, dass der Ein­bu­ßen bei der Sexu­al­funk­ti­on für die Män­ner nicht beson­ders wich­tig sei. „Unse­re Stu­die zeich­net aber ein ande­ren Bild“, so Deschamps. Auch ande­re Unter­su­chun­gen hat­ten her­aus­ge­fun­den, dass Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs sich zwar ein lan­ges Leben wün­schen, aber nicht um jeden Preis. In einer Stu­die gaben sie an, auf ein län­ge­res Über­le­ben zu ver­zich­ten, wenn im Gegen­zug die Neben­wir­kun­gen gerin­ger aus­fie­len.

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Lebensqualität: Therapien wirken sich verschieden aus

Die Män­ner berich­te­ten außer­dem, dass unter­schied­li­che Behand­lun­gen die Lebens­qua­li­tät auch ver­schie­den beein­fluss­ten:

Deschamps: „Die Harn­in­kon­ti­nenz und die ver­lo­re­ne Sexu­al­funk­ti­on waren die bei­den Berei­che, für die Män­ner die wenigs­ten Punk­te bei der Lebens­qua­li­tät ver­ga­ben – und zwar viel weni­ger, als frü­he­re Stu­di­en her­aus­ge­fun­den hat­ten.“ Die Ergeb­nis­se unter­schie­den sich deut­lich von jenen aus ande­ren kli­ni­schen Stu­di­en, in denen For­scher genau die glei­chen zuver­läs­si­gen Fra­ge­bö­gen ver­wen­det hät­ten. Dies bedeu­te jedoch nicht, dass die frü­he­ren Unter­su­chun­gen kei­ne Gül­tig­keit hät­ten. Viel­mehr müss­ten wei­te­re Stu­di­en fol­gen.

Prostatakrebs: Je früher entdeckt, desto höher die Lebensqualität

All­ge­mein hat­ten Män­ner, deren Pro­sta­ta­krebs früh und in einem heil­ba­ren Sta­di­um ent­deckt wur­de, die bes­te Lebens­qua­li­tät – was nicht wei­ter ver­wun­der­lich ist. Denn die Krebs­be­hand­lun­gen fal­len scho­nen­der aus und die Aus­sicht auf Hei­lung dürf­te bei den meis­ten wohl die Lebens­freu­de stei­gen las­sen. Grund genug also für Män­ner, die Früh­erken­nung für Pro­sta­ta­krebs regel­mä­ßig und recht­zei­tig wahr­zu­neh­men. „Wir müs­sen grö­ße­re Anstren­gun­gen bei der Krebs­früh­erken­nung unter­neh­men und mehr Bewusst­sein dafür schaf­fen“, fin­det Deschamps. „Nur so kön­nen wir einen unnö­ti­gen Ver­lust der Lebens­qua­li­tät ver­mei­den.“ Außer­dem soll­ten Ärz­te ihren Pati­en­ten zunächst eine akti­ve Über­wa­chung vor­schla­gen – wann immer dies mög­lich sei und es kei­ne Sicher­heits­be­den­ken wegen der Rück­fall­ge­fahr gebe.

Die Stu­di­en­ergeb­nis­se lie­fer­ten betrof­fe­nen Män­nern und Ärz­ten eine „Moment­auf­nah­me, was Krebs­the­ra­pien wirk­lich bedeu­ten“. Es gehe dar­um, rea­lis­ti­sche Erwar­tun­gen bei den ver­schie­de­nen Behand­lun­gen und deren Ein­fluss auf die Lebens­qua­li­tät zu ent­wi­ckeln. „Die Neben­wir­kun­gen sind mit dem Ende der The­ra­pien nicht vor­bei. Auch jene Män­ner, deren Krebs erfolg­reich behan­delt wur­de, kön­nen danach wei­ter erheb­li­che Pro­ble­me haben.“

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Lebensqualität: „Müssen den Männern zukünftig besser zuhören“

Prof. Arnulf Stenzl von der Uni­ver­si­tät Tübin­gen kom­men­tiert die Stu­die so: „Das ist eine aus­sa­ge­kräf­ti­ge Stu­die, und zudem die größ­te, die wir jemals unter­nom­men haben“. Einen Knack­punkt sieht er jedoch. Auch wenn die neue Stu­die die glei­chen, stan­dar­di­sier­ten Fra­ge­bö­gen genutzt hat – es gebe qua­li­ta­ti­ve und quan­ti­ta­ti­ve Unter­schie­de zu den kli­ni­schen Stu­di­en, die Wis­sen­schaft­ler nor­ma­ler­wei­se durch­füh­ren. Die aktu­el­len Ergeb­nis­se sei­en also jen­seits frü­he­rer Stu­di­en­erkennt­nis­se zu lesen und zu inter­pre­tie­ren.

Die Stu­die habe jedoch eini­ge Stär­ken, etwa dass sie vie­le Län­der mit unter­schied­li­chen Gesund­heits­sys­te­men umfas­se. Sie spieg­le damit den Ein­fluss der Krebs­the­ra­pien auf eine gro­ße Band­brei­te von Pati­en­ten wider. „Für vie­le Män­ner kann die Lebens­qua­li­tät nach den meis­ten Krebs­be­hand­lun­gen sehr beschei­den sein, beson­ders wenn der Krebs schon fort­ge­schrit­ten ist. Die­se Bot­schaft ist klar, und wir müs­sen den Män­nern zukünf­tig bes­ser zuhö­ren“, so Stenzl.

Sexualfunktion soll mehr Gewicht bekommen

Mög­li­che sexu­el­le Pro­ble­me nach den Krebs­be­hand­lun­gen sind auf der Prio­ri­tä­ten­lis­te vie­ler Ärz­te weit hin­ten ange­sie­delt. Am wich­tigs­ten ist nach wie vor die Hei­lung des Pro­sta­ta­kreb­ses. Dar­an bemisst sich auch der The­ra­pie­er­folg. Dass sich an die­ser Sicht­wei­se etwas ändern müss­te, fin­det auch der Uro­lo­ge Dr. Jost von Har­den­berg von der Uni­ver­si­täts­me­di­zin Mann­heim. „Der Erhalt der Sexu­al­funk­ti­on gehört heu­te aus mei­ner Sicht viel stär­ker in den Fokus des Bera­tungs­ge­sprächs gerückt.“ Die wich­tigs­te Vor­aus­set­zung sei es aller­dings, dass das Tumor­sta­di­um und der Befund wäh­rend der Ope­ra­ti­on dies auch zulie­ßen.

Prof. Moni­que Roo­bol vom Eras­mus Uni­ver­si­ty Medi­cal Cent­re in Rot­ter­dam, die die Daten­ana­ly­se durch­ge­führt hat, sagt: „Die­se Stu­die ist wich­tig, weil sie von Pati­en­ten initi­iert und für Pati­en­ten gedacht ist.“ Die Fra­ge­bö­gen sei­en unab­hän­gig von einem Besuch im Kran­ken­haus oder beim Arzt aus­ge­füllt wor­den. Dies bedeu­te, dass die Män­ner frei­er ant­wor­ten konn­ten. „So erhal­ten wir über einen län­ge­ren Zeit­raum Ein­bli­cke in die Aus­wir­kun­gen der Krebs­be­hand­lun­gen auf die Lebens­qua­li­tät.“

Quellen
  • André Deschamps: EUPROMS stu­dy – EUROPA UOMO pati­ent repor­ted out­co­me stu­dy The first ever sur­vey in PCa from pati­ents for pati­ents, Euro­pa Uomo, https://www.europa-uomo.org/wp-content/uploads/2020/03/QOL-esou-dublin-template-Europa-Uomo-kopie.pdf (Abruf: 22.8.2020)
  • Euro­pa Uomo: Qua­li­ty of life worse than pre­vious­ly thought, Euro­pa Uomo reports , press release, 18. 7.2020, https://www.europa-uomo.org/news/quality-of-life-worse-than-previously-thought-europa-uomo-reports/ (Abruf: 22.8.2020)

Datum: 3.9.2020

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