Prostatakrebs: Nachsorge-App für mehr Fitness

Eine Nach­sor­ge-App soll Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs jetzt zu Hau­se bes­ser in Bewe­gung brin­gen und fit machen. Außer­dem hilft die App bei der Orga­ni­sa­ti­on von Arzt­ter­mi­nen oder der Ein­nah­me von Medi­ka­men­ten. Von Ingrid Mül­ler

Das Coro­na­vi­rus zwingt vie­le Krebs­pa­ti­en­ten in die eige­nen vier Wän­de. Kaum einer traut sich wegen der Anste­ckungs­ge­fahr, ein Fit­ness­stu­dio oder eine Sport­grup­pe zu besu­chen. Die Nach­sor­ge-App mit dem Namen „Onko-Nach­sor­ge­Ak­tiv“ soll jetzt auch Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs dabei unter­stüt­zen, kör­per­lich fit zu wer­den. Das Bewe­gungs­pro­gramm hilft Krebs­pa­ti­en­ten, auch zuhau­se aktiv zu wer­den und es zu blei­ben. Außer­dem unter­stützt die Nach­sor­ge-App zum Bei­spiel bei der Orga­ni­sa­ti­on von Arzt­ter­mi­nen. Sie kön­nen alle Daten an einem Ort bün­deln und jeder­zeit auf sie zugrei­fen. Die App ist ein Gemein­schafts­pro­jekt des Natio­na­len Cen­trums für Tumor­er­kran­kun­gen (NCT) Hei­del­berg,  des Onko­lo­gi­schen Schwer­punkts Stutt­gart und des Krebs­ver­ban­des Baden-Würt­tem­berg.

Bewe­gung und Sport sind wäh­rend und nach einer Krebs­er­kran­kung die bes­te beglei­ten­de The­ra­pie.

Joa­chim Wis­ke­mann

Lei­ter der Arbeits­grup­pe Onko­lo­gi­sche Sport- und Bewe­gungs­the­ra­pie am NCT Hei­del­berg und UKHD

Sport: Fit werden bei Prostatakrebs

Dass kör­per­li­che Akti­vi­tät nicht nur einen gewis­sen Schutz vor einer Krebs­er­kran­kung bie­tet, son­dern sich posi­tiv bei Krebs aus­wirkt, ist schon län­ger bekannt. Bewe­gung und Sport sen­ken das Rück­fall­ri­si­ko und bes­sern die dau­er­haf­te Erschöp­fung (Fati­gue), die ein häu­fi­ger Beglei­ter bei einer Krebs­er­kran­kung ist. „Das sind alles Fak­to­ren, die sich auf die Lebens­qua­li­tät der Krebs­pa­ti­en­ten aus­wir­ken und dar­auf, wie schnell sie nach der Erkran­kung wie­der arbei­ten kön­nen“, weiß Wis­ke­mann.

Die Nach­sor­ge-App soll Krebs­pa­ti­en­ten den ers­ten Schritt erleich­tern, wie­der in Bewe­gung zu kom­men. Denn oft siegt der „inne­re Schwei­ne­hund“ und der Ein­stieg ins Sport­pro­gramm fällt den meis­ten schwer. Das gilt umso mehr, je län­ger sie kei­nen Sport getrie­ben haben. Zu Beginn kön­nen Sie den Schwie­rig­keits­grad der Übun­gen selbst bestim­men und fest­le­gen, ob Sie sport­li­cher Ein­stei­ger oder schon wei­ter fort­ge­schrit­ten sind. Die Ent­wick­ler der App haben zudem ein kom­plet­tes Ein­stei­ger­pro­gramm mit ver­schie­de­nen Übun­gen zusam­men­ge­stellt.

Die Nach­sor­ge-App zeigt anhand von Bil­dern, Vide­os und kur­zen Tex­ten ver­schie­de­ne Übun­gen und erklärt, wie Sie die Trai­nings rich­tig aus­füh­ren:

  • Auf­wär­men: z.B. Trep­pen­lau­fen, Räkeln
  • Arme: z.B. Wand-Push, Arm­zug mit Ther­a­band, Bank­drü­cken mit Fla­schen
  • Bei­ne: Knie­beu­gen, Wand­sitz, Waden­he­ber
  • Rumpf: Ober­schen­kel­pres­se, Schul­ter­brü­cke, Vier­füß­ler­stand
  • Deh­nen: Übun­gen für Waden, Ober­schen­kel, Schul­tern und Rücken

Nachsorge-App – Medikamente, Termine, Befunde organisieren

Die­se Funk­tio­nen bie­tet die Nach­sor­ge-App zusätz­lich.

  • Nach­sor­ge­un­ter­su­chun­gen: In der Nach­sor­ge-App ist der indi­vi­du­ell emp­foh­le­ne Nach­sor­ge-Rhyth­mus hin­ter­legt. Anfangs beträgt das Zeit­in­ter­vall zwi­schen zwei Nach­sor­ge­ter­mi­nen meist drei Mona­te. Gibt es kei­ne Anzei­chen für einen Rück­fall (Rezi­div), deh­nen sich die Nach­sor­ge­inter­val­le immer wei­ter aus.
  • Den Nach­sor­ge­ter­mi­nen kön­nen Sie wei­te­re eige­ne Arzt­ter­mi­ne hin­zu­fü­gen.
  • Medi­ka­men­ten­plan: Sie kön­nen Ihre Medi­ka­men­te hin­zu­fü­gen und haben alle Arz­nei­en so jeder­zeit im Blick. Sie kön­nen den Plan jeder­zeit ändern und ver­wal­ten.
  • Die Nach­sor­ge-App besitzt eine Erin­ne­rungs­funk­ti­on, damit Sie kei­ne Medi­ka­men­ten­ein­nah­me ver­pas­sen.
  • Sie kön­nen sämt­li­che Arzt­be­rich­te und Befun­de in der Nach­sor­ge-App hin­ter­le­gen und in eine per­sön­li­che Pati­en­ten­ak­te inte­grie­ren.
  • Infos: Die App bie­tet nütz­li­che Infor­ma­tio­nen rund um die Nach­sor­ge. Dazu gehö­ren zum Bei­spiel aktu­el­le Ver­an­stal­tungs­hin­wei­se und zen­tra­le Kon­takt­adres­sen. Sie kön­nen auch eige­ne Adres­sen hin­zu­fü­gen. So bie­tet die App zum Bei­spiel Webi­na­re zur Ernäh­rung oder der Ein­nah­me von Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­teln bei Krebs.
  • Die Nach­sor­ge-App funk­tio­niert off­line. Sie brau­chen kei­ne Inter­net­ver­bin­dung, um sie nut­zen zu kön­nen.
  • Daten­schutz und Daten­si­cher­heit: Ohne Ihre akti­ve Ein­wil­li­gung über­mit­telt die App kei­ne Daten an den Ser­ver.

Wer mit der Nach­sor­ge-App nicht allei­ne klar­kommt, eine aus­führ­li­che­re Bera­tung oder per­sön­li­che Betreu­ung benö­tigt, kann sich jeder­zeit an der Netz­werk Onko­Ak­tiv (www.netzwerk-onkoativ.de) oder an eine der 14 Krebs­be­ra­tungs­stel­len in Baden-Würt­tem­berg wen­den.

Nachsorge-App zum Download

Die Nach­sor­ge-App ist kos­ten­los. Es gibt sie zum Down­load in den jewei­li­gen Stores:
• Goog­le Play (Andro­id): https://play.google.com/store/apps/details?id=de.osp_stuttgart.app&hl=gsw
• Apple-Store (iOS): https://apps.apple.com/de/app/nachsorge-app‑f%C3%BCr-brustkrebs/id1396468089

Sport und Bewegung – positive Auswirkungen bei Krebs

Kör­per­li­che Akti­vi­tät besitzt nach­ge­wie­se­ner­ma­ßen vie­le posi­ti­ve Effek­te bei Krebs. Aber wel­che sind es genau? Ein Über­blick.

Kraft und Ausdauer

Kör­per­li­che Akti­vi­tät stei­gert die Leis­tungs­fä­hig­keit, Kraft und Aus­dau­er. Die­se Wir­kung haben Wis­sen­schaft­ler für vie­le Krebs­ar­ten nach­ge­wie­sen, auch für Pro­sta­ta­krebs. Men­schen, die sich einer Che­mo­the­ra­pie unter­zie­hen, pro­fi­tie­ren von einem Bewe­gungs­pro­gramm. Sport kann die kör­per­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit erhal­ten. Aber auch vor und nach einer Krebs­the­ra­pie scheint es die­se posi­ti­ven Effek­te zu geben.

Alltag bewältigen

Sport und Bewe­gung steu­ern kör­per­li­chen Ein­schrän­kun­gen ent­ge­gen. Sie kön­nen nor­ma­le Auf­ga­ben im All­tag bes­ser bewäl­ti­gen. Die­se Wir­kung ist auch für Pro­sta­ta­krebs nach­ge­wie­sen. So sor­gen Sie dafür, dass Sie län­ger selbst­stän­dig blei­ben und eine selbst­be­stimm­tes Leben füh­ren kön­nen.

Körpergewicht

Kör­per­li­ches Trai­ning senkt den Anteil an Kör­per­fett und erhöht die Mus­kel­mas­se. Nach­ge­wie­sen ist die­ser Effekt auch für Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs, die sich einer Hor­mon­the­ra­pie unter­zie­hen.

Fatigue

Die Fati­gue ist eine sehr unan­ge­neh­me Begleit­erschei­nung einer Krebs­er­kran­kung und der Krebs­the­ra­pi­en, die bis zu 90 Pro­zent aller Krebs­pa­ti­en­ten betrifft. Sie füh­len sich chro­nisch erschöpft, abge­schla­gen und blei­ern müde. Die Fati­gue betrifft den Kör­per, Geist und die See­le. Sie beein­träch­tigt den All­tag, die Lebens­qua­li­tät und Lebens­freu­de enorm. Auch auf die Rück­kehr in den Beruf wirkt sie sich oft aus. Für Pro­sta­ta­krebs ist es nach­ge­wie­sen, dass Sport und Bewe­gung die Fati­gue redu­zie­ren kön­nen. Ein geziel­tes Bewe­gungs­pro­gramm gilt als sehr wirk­sa­me Maß­nah­me.

Ängste und Depressionen

Eine Krebs­er­kran­kung betrifft nicht nur den Kör­per, son­dern auch die Psy­che. Vie­le wer­den von Ängs­ten, Sor­gen, Stim­mungs­tiefs oder Depres­sio­nen geplagt. Sport und Bewe­gung kön­nen Ängst­lich­keit und Depres­si­vi­tät ver­min­dern. Auch die Stim­mung, das emo­tio­na­le Wohl­be­fin­den und Selbst­wert­ge­fühl schei­nen sich zu ver­bes­sern. So lässt sich der All­tag mit der Krebs­er­kran­kung oft wie­der bes­ser meis­tern.

Schlaf

Kör­per­li­ches Trai­ning scheint die Schlaf­qua­li­tät zu ver­bes­sern. Dar­auf deu­ten jeden­falls eini­ge Stu­di­en hin. Sie schla­fen schnel­ler ein und wachen nachts sel­te­ner auf.

Sexualfunktion

Bei Män­nern mit Pro­sta­ta­krebs könn­ten Sport und Bewe­gung die Sexu­al­funk­ti­on för­dern. Das jeden­falls las­sen man­che Stu­di­en ver­mu­ten. Aller­dings ist der Zusam­men­hang noch nicht aus­rei­chend wis­sen­schaft­lich belegt.

Knochen

Man­che Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs unter­zie­hen sich einer Hor­mon­the­ra­pie, um das Krebs­wachs­tum zu brem­sen. Denn Pro­sta­ta­krebs wächst in man­chen Fäl­len unter dem Ein­fluss von Hor­mo­nen. Ein nega­ti­ver Effekt: Die Kno­chen­dich­te nimmt auf­grund des nied­ri­gen Hor­mon­spie­gels ab – es droht ein Kno­chen­schwund, die Osteo­po­ro­se. Die Kno­chen ver­lie­ren ihre Fes­tig­keit und bre­chen leich­ter. Posi­tiv auf die Kno­chen könn­te sich ein Kraft­trai­ning in Kom­bi­na­ti­on mit Sprung- und Stampf­übun­gen (Impact-Trai­ning) aus­wir­ken. Das Trai­ning bremst den Ver­lust der Kno­chen­dich­te und könn­te sogar beim Kno­chen­auf­bau hel­fen. Wei­te­re Stu­di­en sind nötig, um dies wis­sen­schaft­lich zu bewei­sen.

Nervenschäden (Neuropathie)

Eini­ge Che­mo­the­ra­pi­en zie­hen auch die Ner­ven in Mit­lei­den­schaft. Betrof­fe­ne lei­den unter Ner­ven­schmer­zen und Miss­emp­fin­dun­gen (Neu­ro­pa­thie). Häu­fig sind Gefühls­stö­run­gen wie Krib­beln oder Taub­heit, meist in den Fin­gern und Hän­den. Eini­ge Stu­di­en las­sen ver­mu­ten, dass kör­per­li­ches Trai­ning sol­che Sym­pto­me lin­dern kann. Das Hit­ze- und Käl­te­emp­fin­den, die Moto­rik und Koor­di­na­ti­on könn­ten pro­fi­tie­ren. Wirk­sam waren Kraft- und Aus­dau­er­trai­ning sowie Übun­gen zur Koor­di­na­ti­on oder auf Vibra­ti­ons­plat­ten.

Übelkeit und Wirkungen der Chemotherapie

Man­che Stu­di­en wei­sen dar­auf hin, dass Pati­en­ten, die wäh­rend der Che­mo­the­ra­pie regel­mäs­sig kör­per­lich aktiv sind, weni­ger unter Übel­keit lei­den. Auch bre­chen sie die Che­mo­the­ra­pie sel­te­ner ab und Ärz­te müs­sen weni­ger oft die Dosis redu­zie­ren. Aller­dings müs­sen Wis­sen­schaft­ler die­se Zusam­men­hän­ge noch in wei­te­ren Stu­di­en bewei­sen.

Schmerzen

Ein spe­zi­el­les kör­per­li­ches Trai­ning könn­te auch Schmer­zen bei Krebs­pa­ti­en­ten redu­zie­ren, wie eini­ge Stu­die ver­mu­ten las­sen. Das gilt zum Bei­spiel für Gelenk­schmer­zen durch soge­nann­te Aro­ma­ta­se­hem­mer. Die­se Medi­ka­men­te sind Teil der Hor­mon­the­ra­pie, die man­che Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs durch­füh­ren. Auch hier muss noch wei­ter geforscht wer­den.

Lebensqualität

Sport und Bewe­gung tun nicht nur dem Kör­per, son­dern auch der Psy­che und dem Kopf gut. Ein kör­per­li­ches Trai­ning wirkt sich posi­tiv auf die Lebens­qua­li­tät aus. Umge­kehrt scheint kör­per­li­che Inak­ti­vi­tät die Lebens­qua­li­tät zu ver­schlech­tern. Grün­de genug also für mehr Bewe­gung.

Prognose und Überleben

Eini­ge Stu­di­en deu­ten dar­auf hin, dass kör­per­li­che Akti­vi­tät das Gesamt­über­le­ben sowie das krebs­spe­zi­fi­sche Über­le­ben bei Pro­sta­ta­krebs ver­mut­lich erhö­hen kann. Aus­rei­chend wis­sen­schaft­lich bewie­sen sind die Zusam­men­hän­ge noch nicht, aber Wis­sen­schaft­ler for­schen wei­ter dar­an.

Quellen
  • Natio­na­les Cen­trum für Tumor­er­kran­kun­gen (NCT) Hei­del­berg, https://www.nct-heidelberg.de/fuer-patienten/beratungsangebote/bewegung/netzwerk-onkoaktiv/news/details/nachsorge-app-unterstuetzt-krebspatienten-dabei-aktiv-zu-bleiben.html und https://www.nct-heidelberg.de/fuer-patienten/beratungsangebote/bewegung/netzwerk-onkoaktiv/wissenschaftliche-erkenntnisse.html
  • Deut­sche Krebs­hil­fe: Sport und Bewe­gung bei Krebs, https://www.krebshilfe.de/informieren/ueber-krebs/ihr-krebsrisiko-senken/bewegung-und-krebs/bewegung-gegen-krebs/bewegung-und-sport-bei-krebs/
  • Deut­sches Krebs­for­schungs­zen­trum (DKFZ): Sport und Bewe­gung zur Krebs­vor­beu­gung, https://www.krebsinformationsdienst.de/vorbeugung/krebs-vorbeugen/sport.php und Bewe­gung und Sport: Tipps für Krebs­pa­ti­en­ten https://www.krebsinformationsdienst.de/leben/alltag/sport-nach-krebs.php

Datum: 29.6.2020

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