Prostatakrebs – Protonenbestrahlung gegen Tumoren

Bei der Pro­to­nen­be­strah­lung beschie­ßen Nukle­ar­me­di­zi­ner den Pro­sta­ta­krebs mit posi­tiv gela­de­nen Teil­chen. Die Pro­to­nen sol­len Krebs­zel­len ziel­ge­nau zer­stö­ren, gesun­des Gewe­be scho­nen und so weni­ger Neben­wir­kun­gen ver­ur­sa­chen. Alle Fak­ten zur Pro­to­nen­the­ra­pie. Von Ingrid Mül­ler

Die Pro­to­nen­be­strah­lung bei Pro­sta­ta­krebs ist ein rela­tiv neu­es nukle­ar­me­di­zi­ni­sches Ver­fah­ren und eine moder­ne Vari­an­te der bekann­ten Strah­len­the­ra­pie. Sie arbei­tet jedoch nicht mit hoch­en­er­ge­ti­scher Rönt­gen­strah­lung und Pho­to­nen („Licht­teil­chen“), son­dern beschießt den Tumor in der Pro­sta­ta mit Pro­to­nen – das sind posi­tiv gela­de­ne Teil­chen. Ziel ist es, die Krebs­zel­len sehr prä­zi­se zu tref­fen und das gesun­de Gewe­be in der Nähe des Tumors noch bes­ser zu scho­nen als dies mit ande­ren Krebs­the­ra­pi­en mög­lich ist. So sol­len Män­ner nach der Pro­to­nen­be­strah­lung weni­ger Neben­wir­kun­gen erle­ben, zum Bei­spiel eine Erek­ti­len Dys­funk­ti­on oder Inkon­ti­nenz. Bei­de sind häu­fi­ge Fol­gen einer Bestrah­lung von außen und innen, aber auch der Ope­ra­ti­on (radi­ka­le Pro­sta­tek­to­mie). Dar­un­ter lei­det die Lebens­qua­li­tät der Män­ner am meis­ten – das ist seit lan­gem bekannt.

Protonenbestrahlung – so funktioniert sie

Pro­to­nen für eine Pro­to­nen­be­strah­lung las­sen sich nicht mit einem Line­ar­be­schleu­ni­ger pro­du­zie­ren wie bei der „nor­ma­len“ Strah­len­the­ra­pie. Radio­lo­gen brau­chen dafür gigan­tisch gro­ße und ton­nen­schwe­re Teil­chen­be­schleu­ni­ger, die tech­nisch deut­lich auf­wän­di­ger und des­halb auch sehr viel teu­rer sind. Die­se Gerä­te hei­ßen Zyklo­tro­ne.

Mit Hil­fe elek­tri­scher Fel­der las­sen sich Pro­to­nen enorm beschleu­ni­gen (auf etwa 180.000 Kilo­me­ter pro Sekun­de). Auch die Rich­tung der posi­ti­ven Teil­chen kön­nen Radio­lo­gen mit­tels Magnet­fel­dern steu­ern. Pro­to­nen kön­nen tief ins Gewe­be ein­drin­gen. Ihre vol­le Wirk­do­sis ent­fal­ten sie erst, wenn sie zum Still­stand kom­men, also „ste­cken blei­ben“. Auf ihrem Weg zum Tumor geben sie kaum Ener­gie ab und set­zen dann kon­zen­triert sehr viel Ener­gie im Tumor selbst frei. Fach­leu­te spre­chen vom soge­nann­ten Bragg-Effekt. Die Wir­kung ist also im Tumor am höchs­ten. Pro­to­nen schä­di­gen das Erb­gut (DNA) der Krebs­zel­len und las­sen sie abster­ben.

Außer­halb ihres Ziel­ge­biets ver­lie­ren Pro­to­nen sehr schnell ihre Wir­kung und gesun­des Gewe­be nimmt kaum Scha­den. Pro­to­nen arbei­ten also punkt­ge­nau. Radio­lo­gen kön­nen des­halb mit einer höhe­ren Strah­len­do­sis arbei­ten als bei der „nor­ma­len“ Bestrah­lung. Denn bei die­ser durch­drin­gen die Pho­to­nen das Gewe­be gleich­mä­ßig und kön­nen auf ihrer gesam­ten „Rei­se“ Schä­den anrich­ten. Aller­dings töten Pro­to­nen die Tumor­zel­len in der Pro­sta­ta nicht bes­ser ab als die her­kömm­li­che Strah­len­the­ra­pie.

Protonenbestrahlung nur in spezialisierten Zentren

Die Pro­to­nen­be­strah­lung ist der­zeit noch kei­ne Rou­ti­ne­be­hand­lung bei Pro­sta­ta­krebs. Die Fach­ge­sell­schaf­ten emp­feh­len sie in ihren Leit­li­ni­en nur in bestimm­ten Fäl­len und im Rah­men kli­ni­scher Stu­di­en. Der Hin­ter­grund: Bis­lang haben sie kei­ne aus­rei­chen­den Bele­ge dafür gefun­den, dass eine Pro­to­nen­the­ra­pie Vor­tei­le gegen­über der Bestrah­lung über die Haut besitzt.

In Deutsch­land gibt es eini­ge spe­zia­li­sier­te nukle­ar­me­di­zi­ni­sche Zen­tren, die die Pro­to­nen­be­strah­lung anbie­ten.

Eini­ge gesetz­li­che und pri­va­te Kran­ken­kas­sen haben Ver­trä­ge mit die­sen Zen­tren abge­schlos­sen und über­neh­men die Kos­ten für die Behand­lung. Die Pro­to­nen­the­ra­pie ist etwa drei­mal so teu­er wie eine kon­ven­tio­nel­le Bestrah­lung, kos­tet aber etwa genau­so viel wie eine auf­wän­di­ge Ope­ra­ti­on oder Che­mo­the­ra­pie. Fra­gen Sie immer vor der Behand­lung nach, ob Ihre Kran­ken­ver­si­che­rung die The­ra­pie bezahlt – sonst blei­ben Sie am Ende auf meh­re­ren Tau­send Euro sit­zen.

Protonenbestrahlung – für wen geeignet und wie lange dauert sie?

Eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung für eine Pro­to­nen­the­ra­pie ist, dass der Pro­sta­ta­krebs noch auf die Pro­sta­ta oder die unmit­tel­ba­re Umge­bung begrenzt ist (lokal begrenzt oder lokal fort­ge­schrit­ten). Es dür­fen kei­ne  Fern­me­ta­sta­sen in ande­ren Orga­nen vor­lie­gen, etwa in den Kno­chen, der Leber, Lun­ge oder im Gehirn.

Die Pro­to­nen­the­ra­pie dau­ert – wie eine Strah­len­the­ra­pie über die Haut – vier bis sie­ben Wochen. Sie kön­nen die Behand­lung ambu­lant durch­füh­ren. Das heißt: Sie gehen zur Pro­to­nen­be­strah­lung in die Kli­nik und anschlie­ßend wie­der nach Hau­se. Meist müs­sen Sie fünf­mal pro Woche im Pro­to­nen­zen­trum erschei­nen. Vor dem Beginn der Behand­lung pla­nen Radio­lo­gen die Pro­to­nen­be­strah­lung sorg­fäl­tig. Dabei nut­zen sie bild­ge­ben­de Ver­fah­ren wie die Com­pu­ter­to­mo­gra­fie und die Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie (MRT).

Protonenbestrahlung – besser für die Potenz und Kontinenz?

Eine Stu­die aus dem Jahr 2012 ergab, dass bei Pati­en­ten nach einer Pro­to­nen­be­strah­lung mehr Neben­wir­kun­gen im Darm auf­tra­ten als nach einer Stan­dard­be­strah­lung. Jetzt wies eine aktu­el­le Stu­die aus dem Jahr 2018 nach, dass vor allem jün­ge­re Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs von einer Pro­to­nen­be­strah­lung pro­fi­tie­ren könn­ten. Sie erle­ben sel­te­ner Erek­ti­ons­stö­run­gen und Inkon­ti­nenz. Die Ergeb­nis­se wur­den im Fach­blatt Acta Onco­lo­gi­ca ver­öf­fent­licht.

Teil­neh­mer der Stu­die waren 254 Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs, die höchs­tens 60 Jah­re alt waren. 56 Pro­zent hat­ten einen Tumor mit nied­ri­gem Risi­ko, 42 Pro­zent mit mitt­le­rem und zwei Pro­zent mit einem hohen Risi­ko. Alle Män­ner erhiel­ten nur eine Pro­to­nen­be­strah­lung als Krebs­be­hand­lung. Vor Beginn der Bestrah­lung mit Pro­to­nen und fünf Jah­re danach unter­such­ten sie die For­scher alle sechs und zwölf Mona­te kör­per­lich. Außer­dem soll­ten die Män­ner anhand eines Fra­ge­bo­gens ein­schät­zen, wie gut ihr Befin­den und Ihre Lebens­qua­li­tät waren.

Sie­ben Jah­re nach der Pro­to­nen­the­ra­pie war bei fast allen Män­nern (98 Pro­zent) kein Anstieg des PSA-Wer­tes fest­zu­stel­len. Die­ses PSA-Rezi­div (bio­che­mi­sches Rezi­div) gilt als Hin­weis dar­auf, dass der Pro­sta­ta­krebs erneut wächst. Den­noch litt die männ­li­che Potenz unter der Pro­to­nen­be­strah­lung: Vor der Behand­lung hat­ten 90 Pro­zent der Män­ner eine aus­rei­chen­de Erek­ti­ons­fä­hig­keit. Im ers­ten Jahr waren es noch 72 Pro­zent und nach fünf Jah­ren nur noch 67 Pro­zent. Den­noch sei dies ein guter Wert, erklä­ren die For­scher. Nur zwei Pro­zent der Män­ner erleb­ten dage­gen eine Inkon­ti­nenz. Die Funk­ti­on des Darms war zwar bei eini­gen Män­nern kurz­fris­tig beein­träch­tigt, erhol­te sich aber bei den meis­ten im ers­ten Jahr nach der Pro­to­nen­be­strah­lung wie­der.

Das Fazit der Stu­di­en­au­toren: Beson­ders jün­ge­re Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs pro­fi­tier­ten von der The­ra­pie hin­sicht­lich der Rück­fall­ge­fahr, Erek­ti­len Dys­funk­ti­on und Inkon­ti­nenz. Es müss­ten jedoch wei­te­re Stu­di­en fol­gen, wel­che die Wirk­sam­keit und Sicher­heit der Pro­to­nen­be­strah­lung mit jener der Ope­ra­ti­on und Strah­len­the­ra­pie ver­glei­chen, beto­nen die For­scher.

Quellen

• Hei­del­ber­ger Ionen­strahl-Zen­trum (HIT), https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Kostenuebernahme.112996.0.html (Abruf: 26.3.2019)
• Uni­ver­si­täts Pro­to­nen The­ra­pie Dres­den am Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Carl Gus­tav Carus, https://www.uniklinikum-dresden.de/de/das-klinikum/kliniken-polikliniken-institute/universitaets-protonen-therapie-dresden (Abruf: 26.3.2019)
• Rinecker Pro­ton The­ra­py Cen­ter, https://www.rptc.de/de/protonentherapie.html (Abruf: 26.3.2019)
• West­deut­sches Pro­to­nen­the­ra­pie­zen­trum Essen (WPE) des Uni­kli­ni­kums Essen, https://www.wpe-uk.de/protonentherapie/ (Abruf: 26.3.2019)
• Ho CK et al.: Long-term out­co­mes fol­lo­wing pro­ton the­ra­py for pro­sta­te can­cer in young men with a focus on sexu­al health. Acta Onco­lo­gi­ca, Volu­me 57, 2018, Online-Vor­ab­ver­öf­fent­li­chung am 23. Janu­ar 2018, https://doi.org/10.1080/0284186X.2018.1427886
• She­ets NC et al.: Inten­si­ty-Modu­la­ted Radia­ti­on The­ra­py, Pro­ton The­ra­py, or Con­for­mal Radia­ti­on The­ra­py and Mor­bi­di­ty and Disea­se Con­trol in Loca­li­zed Pro­sta­te Can­cer, JAMA, 2012;307(15):1611–1620. doi:10.1001/jama.2012.460
• 18. April 2012, https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/1148148
• Deut­sche Krebs­hil­fe, Blaue Rat­ge­ber „Strah­len­the­ra­pie“, https://www.krebshilfe.de/fileadmin/Downloads/PDFs/Blaue_Ratgeber/053_0116.pdf

Datum: 29.3.2019

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