Niemand muss mit einer Windel herumlaufen“

Eine Becken­bo­den­trai­ning hilft Män­nern, die nach einer Pro­sta­ta­krebs-Op oder Bestrah­lung unter Inkon­ti­nenz lei­den. Wie es genau funk­tio­niert erklärt die Phy­sio­the­ra­peu­tin Ute Schmuck im Inter­view. Von Mar­ti­na Häring

Inkon­ti­nenz ist eine häu­fi­ge Fol­ge der radi­ka­len Pro­sta­tek­to­mie, aber auch der Bestrah­lung nach Pro­sta­ta­krebs. Selbst wenn die Inkon­ti­nenz oft nur vor­über­ge­hend ist – vie­le Män­ner lei­den sehr dar­un­ter. Ute Schmuck, Phy­sio­the­ra­peu­tin mit Schwer­punkt Män­ne­r­u­ro­lo­gie, erklärt im Inter­view, wie die Inkon­ti­nenz ent­steht und was Mann tun kann.


Frau Schmuck, war­um ist nach einer Pro­sta­ta-Op über­haupt ein Becken­bo­den­trai­ning sinn­voll?

Nach einer Pro­sta­ta­ope­ra­ti­on müs­sen Män­ner Din­ge ein­üben, die sonst auto­ma­tisch funk­tio­niert haben. Das ist sozu­sa­gen der ana­to­mi­schen Neu­kon­fi­gu­ra­ti­on geschul­det, wel­che die Ent­fer­nung der Pro­sta­ta mit sich bringt: Der inne­re Schließ­mus­kel wird kom­plett ent­fernt. Sei­ne Arbeit muss anschlie­ßend der äuße­re Schließ­mus­kel mit über­neh­men. Er kann die­se Mehr­ar­beit pro­blem­los leis­ten, aller­dings ist es sehr hilf­reich, ihn gezielt zu trai­nie­ren.

Wie macht Mann das?

Der äuße­re Schließ­mus­kel wird über den soge­nann­ten Puden­dus-Nerv gesteu­ert, der aus dem Rücken­mark kommt. Wäh­rend der inne­re Schließ­mus­kel kom­plett auto­nom – also ohne bewuss­te Betä­ti­gung – arbei­tet, ist der äuße­re Schließ­mus­kel ein Mix aus ver­schie­den arbei­ten­den Mus­kel­fa­sern: 70 Pro­zent auto­nom, 30 Pro­zent bewusst steu­er­bar. Letz­te­re kann man über ein gedank­li­ches Kom­man­do in Span­nung ver­set­zen – zum Bei­spiel durch die Vor­stel­lung, einen ima­gi­nä­ren Trop­fen in der Harn­röh­re anzu­hal­ten. Aber prin­zi­pi­ell las­sen sich bei­de Antei­le durch spe­zi­el­le Übun­gen trai­nie­ren.

Einen ima­gi­nä­ren Trop­fen?

Allein ein Gedan­ke reicht, um einen Nerv zu trai­nie­ren. Das ist durch meh­re­re Stu­di­en belegt. Wenn man nur dar­an denkt, einen ima­gi­nä­ren Trop­fen, der die Harn­bla­se ver­lässt, fest­zu­hal­ten, trai­niert man die­sen Nerv bereits. Übri­gens kom­men die Fra­gen, die Sie jetzt stel­len, prak­tisch bei jedem Mann auf. Ich habe die Erfah­rung gemacht, dass man Män­ner am bes­ten über die lin­ke Hirn­hälf­te erreicht: Män­ner wol­len immer ver­ste­hen, was pas­siert und war­um sie eine bestimm­te Übung machen sol­len. Und sie wol­len wis­sen, wann sie wie­der kon­ti­nent wer­den. Hat man die­se Fra­gen ein­mal geklärt, sind die meis­ten sehr moti­viert.

Wie lan­ge dau­ert es, bis man nach einer radi­ka­len Pro­sta­tek­to­mie wie­der kon­ti­nent wird? Und schafft das jeder Mann?

Anspruch und Ziel einer guten Phy­sio­the­ra­pie sind immer, kom­plett tro­cken zu wer­den. Wer von einem guten Uro­lo­gen ope­riert wur­de und bereits vor der Ope­ra­ti­on mit dem Becken­bo­den-Trai­ning begon­nen hat, ist bei mir mit ein bis zwei Tra­nings­ein­hei­ten pro Woche nach maxi­mal acht bis zwölf Wochen wie­der kon­ti­nent. Frü­he­re Bestrah­lun­gen oder beglei­ten­de Pro­ble­me wie zum Bei­spiel Rücken­schmer­zen kön­nen das Üben erschwe­ren. Dann kann es auch mal ein biss­chen län­ger dau­ern. Aber mit einer Erwach­se­nen­win­del muss heu­te bei den ver­füg­ba­ren guten Ope­ra­ti­ons­me­tho­den nie­mand mehr her­um­lau­fen.

Ute Schmuck ist Phy­sio­the­ra­peu­tin mit lang­jäh­ri­gem Schwer­punkt männ­li­che Uro­lo­gie, Dozen­tin, Autorin und Online-Trai­ne­rin.

Erle­ben Sie, dass Män­ner sol­che Ängs­te haben?

Die zen­tra­le Fra­ge der meis­ten Män­ner ist: Was muss ich tun, damit ich bloß schnell von den Vor­la­gen weg­kom­me? Für Män­ner ist das noch schlim­mer als für Frau­en, auch weil sie das über­haupt nicht ken­nen. Frau­en ken­nen Vor­la­gen durch die Monats­blu­tung. Män­ner haben noch mehr als Frau­en das Gefühl, dadurch zum Klein­kind degra­diert zu wer­den. Die Scham und die Angst, dass Außen­ste­hen­de die Vor­la­gen bemer­ken, sind oft groß. Oft wer­den die Vor­la­gen des­halb von den Ehe­frau­en gekauft. Die Män­ner wol­len damit ein­fach gar nichts zu tun haben – was wie­der­um die Gefahr birgt, bei die­sem The­ma in eine Abhän­gig­keit zu gera­ten.
Aber die Moti­va­ti­on, die Kon­ti­nenz mög­lichst schnell wie­der­zu­er­lan­gen, ist jeden­falls sehr hoch.

Kommt man denn um die Vor­la­gen irgend­wie her­um?

Vor­la­gen sind in der ers­ten Zeit not­wen­dig. Ziel in mei­ner Pra­xis ist immer, mit Hil­fe der Phy­sio­the­ra­pie kom­plett von den Vor­la­gen weg­zu­kom­men. Außer­dem ist es sinn­voll, sich Zwi­schen­zie­le zu set­zen: Je bes­ser der Pati­ent den Harn­ab­gang kon­trol­lie­ren kann, des­to dün­ner soll­ten nach und nach die Vor­la­gen wer­den. Und auch die Anzahl der Vor­la­gen lässt sich suk­zes­si­ve redu­zie­ren. Bei man­chen Män­nern läuft es dann so, dass sie nach einem Vier­tel­jahr Becken­bo­den­trai­ning nur noch eine ganz dün­ne, unauf­fäl­li­ge Ein­la­ge für den Fall der Fäl­le mit sich her­um­tra­gen.

Wann soll­te man mit dem Üben anfan­gen?

Opti­ma­ler­wei­se schon vor der Ope­ra­ti­on. Wenn die Män­ner wis­sen, wor­auf es ankommt und die Übun­gen schon beherr­schen, dann haben sie nach der Ope­ra­ti­on wenig oder sogar gar kei­ne Pro­ble­me mit der Kon­ti­nenz.

In der Reha wird auch Phy­sio­the­ra­pie gemacht. Reicht das denn nicht aus?

Lei­der nein, weil da nur in gro­ßen Grup­pen geübt wird. Sie brau­chen aber den 1:1‑Kontakt mit dem The­ra­peu­ten, damit Sie die Übun­gen rich­tig machen und ein Gefühl für den Becken­bo­den bekom­men. Sie kön­nen die Übun­gen so oft wie­der­ho­len, wie Sie wol­len. Wenn Sie sie falsch machen, brin­gen sie trotz­dem nichts.

Kann das jeder Phy­sio­the­ra­peut?

Lei­der gibt es noch nicht so vie­le Phy­sio­the­ra­peu­ten, die den männ­li­chen Becken­bo­den als ihr Ste­cken­pferd haben. Ich beschäf­ti­ge mich schon sehr lan­ge mit dem The­ma und bil­de Kol­le­gen aus. Die Uro­lo­gie ist erst seit kur­zem fes­ter Bestand­teil der Phy­sio­the­ra­peu­ten-Aus­bil­dung, des­we­gen haben die meis­ten erst­mal sehr wenig Pra­xis. Aber das Bewusst­sein hat in den letz­ten Jah­ren zuge­nom­men, das Inter­es­se bei mei­nen Kol­le­gen ist da, und es kom­men vie­le zu mir, um sich wei­ter­zu­bil­den. Und auch bei den Män­nern nimmt das Inter­es­se zu. Gera­de bei den jün­ge­ren Pati­en­ten ist das Bewusst­sein heu­te ein ande­res. Die Män­ner eman­zi­pie­ren sich und ergrei­fen öfter die Initia­ti­ve, das fin­de ich super. Das ist der rich­ti­ge Weg: recht­zei­tig zur Vor­sor­ge gehen, und wenn eine OP nötig ist, sich schon vor­her infor­mie­ren. Infor­ma­tio­nen sind das A und O. Das gan­ze The­ma ver­liert sei­nen Schre­cken, sobald man sich infor­miert.

Wie fin­det man einen guten Phy­sio­the­ra­peu­ten, der sich mit dem Becken­bo­den aus­kennt?

Die ein­fachs­te Mög­lich­keit: Man geht ins Inter­net und sucht nach Phy­sio­the­ra­peu­ten, die auf den Becken­bo­den spe­zia­li­siert sind. Eini­ge geben das auf ihrer Home­page an. Ansons­ten kann man sich auch an den Deut­schen Ver­band für Phy­sio­the­ra­pie (ZVK), den
Phy­sio­the­ra­pie­ver­band VdB, eines der Becken­bo­den­zen­tren oder direkt an die Deut­sche Kon­ti­nenz­ge­sell­schaft wen­den. Ich emp­feh­le außer­dem immer, direkt beim Phy­sio­the­ra­peu­ten nach­zu­fra­gen: Wie oft machen Sie das? Sind Sie auf das The­ma spe­zia­li­siert? Und wenn nein: Ken­nen Sie jeman­den, der spe­zia­li­siert ist? Die Ide­al­vor­stel­lung wäre für mich, dass der Uro­lo­ge bereits den Weg ebnet und auf Nach­fra­ge einen Phy­sio­the­ra­peu­ten emp­fiehlt. Das ist aber lei­der nicht immer so.

Neben der Kon­ti­nenz lei­det durch die Ope­ra­ti­on oder Bestrah­lung oft auch die Potenz. Hilft das Becken­bo­den­trai­ning da auch?

Ja, aller­dings braucht man dabei meist die Kom­bi­na­ti­on aus Phy­sio­the­ra­pie und Medi­ka­men­ten. Hier gilt: erst die Kon­ti­nenz, dann die Erek­ti­le Funk­ti­on trai­nie­ren. Das Eine muss zuerst funk­tio­nie­ren, da man für die Wie­der­erlan­gung der erek­ti­len Funk­ti­on mehr Kraft braucht. Da steht den Pati­en­ten oft der Schweiß auf der Stirn. Prin­zi­pi­ell beübt man aber bei­des par­al­lel vom ers­ten Tag an.

Keine Zeit zum Üben? Gilt nicht!

Das Argu­ment, dass man kei­ne Zeit zum Üben hat, zählt nicht“, sagt Ute Schmuck. Denn vie­le Übun­gen kann man ganz neben­bei machen und in all­täg­li­che Situa­tio­nen inte­grie­ren – z.B. wenn man mor­gens im Stau steht oder im War­te­zim­mer beim Arzt sitzt. „Bauch ein­zie­hen, Ober­kör­per lang machen, die Fer­sen in den Boden stem­men: Das sind zwar Klei­nig­kei­ten, aber der Schließ­mus­kel braucht das. Er möch­te unter­stützt wer­den.“

Die­se Übun­gen kön­nen Sie neben­bei machen und so etwas für Ihre Kon­ti­nenz tun:

  • Abwech­selnd den Bauch­na­bel rau­schie­ben und rein­zie­hen, bis es im Bauch glu­ckert: För­dert die Durch­blu­tung der Bla­se.
  • Set­zen Sie sich auf einen Stuhl und schie­ben Sie Ihre Hän­de von der Sei­te unter Ihre bei­den Sitz­be­in­hö­cker (das sind die knö­cher­nen Vor­sprün­ge, die man im unte­ren Bereich des Pos ertas­ten kann). In die­ser Posi­ti­on kip­pen Sie Ihr Becken zur Sei­te, nach hin­ten, nach vorn. Stel­len Sie sich vor, Sie wür­den auf einer ima­gi­nä­ren Uhr sit­zen, und kip­pen Sie Ihr Becken abwech­selnd in Rich­tung der 3, 6, 9 und der 12 auf dem vor­ge­stell­ten Zif­fern­blatt.
  • Im Ste­hen: Ver­la­gern Sie Ihr gan­zes Kör­per­ge­wicht erst auf das eine, dann auf das ande­re Bein. Damit trai­nie­ren Sie bereits Ihren Becken­bo­den. Ver­stär­ken kön­nen Sie den Effekt, indem Sie mit Ihrem Spiel­bein eine ima­gi­nä­re Luft­ma­trat­ze auf­pum­pen.
  • Auch durch die Atmung kön­nen Sie Ihren Becken­bo­den trai­nie­ren: Atmen Sie durch die Nase ein und stac­ca­to-artig durch den Mund wie­der aus und spü­ren Sie dabei, wie Ihr Becken­bo­den beim Aus­at­men „zusam­men­schnurrt“, also akti­viert wird.
  • Beim Tele­fo­nie­ren oder in der Super­markt-Schlan­ge: Abwech­selnd hoch auf die Zehen­spit­zen und wie­der run­ter gehen. Stärkt die Kraft in den Bei­nen, und durch das Abdrü­cken der gro­ßen Zehe vom Fuß­bo­den för­dern Sie den Schluss Ihrer Harn­röh­re.
  • Wenn Sie beim Hus­ten den Kopf über die Schul­ter dre­hen, ver­lie­ren Sie kei­nen Urin.
  • Wenn Sie im Stau ste­hen und auf die Toi­let­te müs­sen, ist es gut, eine Auf­schub­stra­te­gie zu haben. Lut­schen Sie ein Bon­bon oder kau­en Sie Kau­gum­mi, wird die Spei­chel­pro­duk­ti­on ange­regt, und der Harn­drang lässt nach.

Mehr zum The­ma und zu geeig­ne­ten Übun­gen fin­den Sie in Ute Schmucks Hand­buch, das unter ihrem Mäd­chen­na­men über­all erhält­lich ist: Ute Michae­lis „Becken­bo­den­trai­ning für Män­ner“, Else­vier Mün­chen, 5. Aufl.

Datum: 4.2.2019

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