Irreversible Elektroporation – Starkstrom gegen Prostatakrebs

Lässt sich Pro­sta­ta­krebs mit meh­re­ren 1000 Volt besie­gen? Die irrever­si­ble Elek­tro­po­ra­ti­on (IRE) ver­sucht genau das. Die Behand­lung steckt jedoch noch in den Kin­der­schu­hen. Lesen Sie, wie die The­ra­pie genau funk­tio­niert und wie sie abläuft. Von Ingrid Mül­ler

Die Irrever­si­ble Elek­tro­po­ra­ti­on, abge­kürzt IRE, ist eine rela­tiv neue Behand­lungs­me­tho­de für Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs, die mit elek­tri­schen Fel­dern und Stark­strom arbei­tet. Eine Span­nung von meh­re­ren 1000 Volt soll Krebs­zel­len in der Pro­sta­ta gezielt zum Abster­ben brin­gen. Auch wenn das Wort „Stark­strom“ in Ver­bin­dung mit ihrer Pro­sta­ta wohl vie­len Män­ner die Schweiß­per­len auf die Stirn trei­ben dürf­te: Die Metho­de ist nicht schmerz­haft und gesun­des Gewe­be soll dabei so weit wie ver­schont blei­ben. Denn Ärz­te beschie­ßen die Tumor­zel­len in der Pro­sta­ta nur Bruch­tei­le von Sekun­den und ört­lich begrenzt mit Strom­stö­ßen.

Wie die HIFU, Käl­te- oder Wär­me­the­ra­pie zählt die irrever­si­ble Elek­tro­po­ra­ti­on zu den foka­len The­ra­pi­en, die nur auf den Krank­heits­herd selbst abzie­len. „Die IRE ist ein inter­es­san­tes Ver­fah­ren, weil es nur die Krebs­zel­len zer­schießt und weni­ge Neben­wir­kung hat“, sagt Dr. Tobi­as Egner, Uro­lo­ge an der Mis­sio­kli­nik in Würz­burg. Auch bei Bauch­spei­chel­drü­sen- und Leber­krebs wer­de es schon ein­ge­setzt.

Irreversible Elektroporation nur im Rahmen von Studien“

Die irrever­si­ble Elek­tro­po­ra­ti­on ist der­zeit noch kei­ne eta­blier­te Behand­lung bei Pro­sta­ta­krebs. „Die­se The­ra­pie ist hoch­ex­pe­ri­men­tell und darf nur im Rah­men von Sta­di­um ange­wen­det wer­den“, erklärt Egner. Ob die Metho­de tat­säch­lich wirkt, müs­sen For­scher erst noch bewei­sen. Sie eig­net sich auch nur für Män­ner mit frü­hem Pro­sta­ta­krebs, der noch auf die Vor­ste­her­drü­se beschränkt ist. In die­sem Fall hat er die Kap­sel noch nicht durch­bro­chen und womög­lich in ande­re Orga­ne gestreut.

Wie funktioniert die irreversible Elektroporation? Der Ablauf

Ärz­te ver­su­chen bei der irrever­si­blen Elek­tro­po­ra­ti­on, die Tumor­zel­len in der Pro­sta­ta punkt­ge­nau durch eine sehr star­ke, ört­lich ange­leg­te elek­tri­sche Span­nung zu zer­stö­ren. Dafür plat­zie­ren sie über den Damm – wie bei der Pro­statabi­op­sie – eini­ge Elek­tro­den in jenem Bereich der Pro­sta­ta, den sie behan­deln wol­len. Die Elek­tro­den sind unge­fähr so groß und dick wie Stopf­na­deln. Zwi­schen jeweils zwei Elek­tro­den wird das elek­tri­sche Feld auf­ge­baut und der star­ke Strom erzeugt. Die Span­nung beträgt meh­re­re 1000 Volt. Aller­dings sind die elek­tri­schen Strom­im­pul­se, die Ärz­te wie­der­holt ins Tumor­ge­we­be schi­cken, extrem kurz und betra­gen nur weni­ge Mikro­se­kun­den. „Es sind etwa 90 Puls­schüs­se über 60 Minu­ten“, erklärt Uro­lo­ge Egner. Daher erhitzt sich auch das Gewe­be nicht.

Was genau mit den Zel­len durch Strom­be­schuss pas­siert, ist noch nicht voll­stän­dig auf­ge­klärt. For­scher gehen davon aus, dass der Stark­strom win­zi­ge Poren in den Zell­hül­len (Mem­bra­nen) der Krebs­zel­len reißt. Die­se öff­nen sich und wer­den durch­läs­sig, was schließ­lich die Zel­len abster­ben lässt. Der Kör­per trans­por­tiert die toten Zel­len schließ­lich ab und ent­sorgt sie als „Zell­müll“. Gesun­des Gewe­be, Ner­ven und Blut­ge­fä­ße schont die irrever­si­ble Elek­tro­po­ra­ti­on bezie­hungs­wei­se es erholt sich schnell wie­der.

Den Ein­griff füh­ren Ärz­te sta­tio­när im Kran­ken­haus unter Voll­nar­ko­se durch. Män­ner müs­sen also kurz in der Kli­nik blei­ben. Die irrever­si­ble Elek­tro­po­ra­ti­on ist auch unter dem Namen „Nano­Kni­fe®“, bekannt – nach dem Anbie­ter, der die Aus­rüs­tung für die Behand­lung lie­fert. Dahin­ter steckt nichts ande­res als ein ultra­fei­nes Elek­tro­mes­ser oder elek­tro­ni­sches Skal­pell, das Krebs­zel­len abtö­tet.

Strom nicht nur gegen Krebs

Dass sich Zel­len auf die­se Wei­se abtö­ten machen las­sen, macht sich die Lebens­mit­tel­in­dus­trie übri­gens schon seit Jahr­zehn­ten zu Nut­ze: Her­stel­ler ent­kei­men und ste­ri­li­sie­ren ihre Lebens­mit­tel mit­tels IRE. Wenn sie frei von Mikro­or­ga­nis­men wie Bak­te­ri­en sind, hal­ten sie auch län­ger.

Welche Nebenwirkungen hat die irreversible Elektroporation?

For­scher gehen davon aus, die die IRE weni­ger Neben­wir­kun­gen ver­ur­sacht als Behand­lun­gen, die Tumo­ren mit­tels Hit­ze zer­stö­ren. Kom­pli­ka­tio­nen wie eine Ent­zün­dung des Ein­stich­ka­nals oder Blu­tun­gen sind den­noch mög­lich. Auch die lang­fris­ti­gen Neben­wir­kun­gen und mög­li­che Kom­pli­ka­tio­nen der IRE sind noch nicht gut erforscht.

Wie gut die irrever­si­ble Elek­tro­po­ra­ti­on bei Pro­sta­ta­krebs wirkt, dar­über lässt sich noch kei­ne abschlie­ßen­de Aus­sa­ge tref­fen. Die Schwach­punk­te der vor­lie­gen­den Stu­di­en sind unter ande­ren, dass zu weni­ge Män­ner teil­ge­nom­men haben und die Nach­be­ob­ach­tungs­zeit zu kurz aus­ge­fal­len ist. Eine klei­ne Stu­die mit 34 Pro­sta­ta­krebs­pa­ti­en­ten ergab, dass nur 61 Pro­zent der Män­ner ein Jahr nach der IRE tumor­frei waren. Dage­gen lie­ßen sich bei 39 Pro­zent noch Krebs­zel­len in der Biop­sie nach­wei­sen. Aller­dings waren die Tumo­ren nur in einem Drit­tel die­ser Fäl­le wei­ter behand­lungs­be­dürf­tig. Um die Kon­ti­nenz und Potenz der Män­ner war es nach der Behand­lung aller­dings noch genau­so gut bestellt wie zuvor (100 und 95 Pro­zent). „Die Behand­lung ist gut ver­träg­lich“, sagt Uro­lo­ge Egner.

Die Fach­ge­sell­schaf­ten emp­feh­len die IRE der­zeit in ihren Leit­li­ni­en für Pro­sta­ta­krebs nicht. Erst müss­ten Ergeb­nis­se aus grö­ße­ren, qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen kli­ni­schen Stu­di­en vor­lie­gen, so die Autoren.

Was kostet die irreversible Elektroporation?

Die IRE ist in Deutsch­land kei­ne Stan­dard­the­ra­pie – wie zum Bei­spiel die Ope­ra­ti­on oder Strah­len­the­ra­pie – und des­halb auch kei­ne nor­ma­le Leis­tung der gesetz­li­chen und pri­va­ten Kran­ken­kas­sen. Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs müs­sen in der Regel für die Kos­ten selbst auf­kom­men. Und das kann teu­er wer­den. Egner weiß: „Bis zu 20.000 Euro müs­sen sie für die irrever­si­ble Elek­tro­po­ra­ti­on bezah­len“. Das dürf­te für die meis­ten Män­ner nicht gera­de ein Pap­pen­stil sein.

Bespre­chen Sie des­halb unbe­dingt vor Begin­ne der IRE, ob Ihre Kran­ken­kas­se die Kos­ten ganz oder teil­wei­se über­nimmt. Sonst blei­ben Sie womög­lich auf der Rech­nung der Kli­nik selbst sit­zen. Eini­ge spe­zia­li­sier­te Pri­vat­kli­ni­ken in Deutsch­land bie­ten die irrever­si­ble Elek­tro­po­ra­ti­on an. Anders in den USA: Hier set­zen Ärz­te die irrever­si­ble Elek­tro­po­ra­ti­on schon bei vie­len Krebs­ar­ten ein. Die Metho­de ist von der ame­ri­ka­ni­schen Arz­nei­mit­tel­be­hör­de FDA zuge­las­sen.

Alle Prostatakrebs-Therapien

Von Ope­ra­ti­on und Strah­len­the­ra­pie bis hin zu alter­na­ti­ven Heil­me­tho­den - alle Behand­lun­gen bei Pro­sta­ta­krebs!

Fokale Therapien bei Prostatakrebs – die Idee dahinter

Ziel aller foka­len Behand­lun­gen bei Pro­sta­ta­krebs ist es, den Tumor­herd in der Pro­sta­ta gezielt zu besei­ti­gen, das Organ zu erhal­ten und die Neben­wir­kun­gen zu redu­zie­ren. Und die­se kön­nen für Män­ner bei einer radi­ka­le Pro­sta­tek­to­mie oder Strah­len­the­ra­pie sehr gra­vie­rend aus­fal­len. Eine (vor­über­ge­hen­de) Inkon­ti­nenz und Erek­ti­le Dys­funk­ti­on sind oft die Fol­gen. Die akti­ve Über­wa­chung ist zwar scho­nen­der, birgt aber das Risi­ko, dass der Pro­sta­ta­krebs fort­schrei­tet. So könn­ten die foka­len The­ra­pi­en eine Brü­cke sein zwi­schen akti­ver Über­wa­chung sowie Ope­ra­ti­on und Bestrah­lung. Im bes­ten Fall kön­nen sich Män­ner eine aggres­si­ve­re The­ra­pie ihres Pro­sta­ta­krebs mit den jewei­li­gen Risi­ken erspa­ren.

Als Hin­der­nis für den Ein­satz der foka­len The­ra­pi­en galt es lan­ge Zeit, dass Pro­sta­ta­krebs in 50 bis 80 Pro­zent meh­re­re Tumo­ren in der Pro­sta­ta bil­det. „Häu­fig haben Män­ner meh­re­re Krebs­her­de, und zwar gleich auf bei­den Lap­pen der Pro­sta­ta“, erklärt Dr. Frank Schie­fel­bein, Uro­lo­ge an der Würz­bur­ger Mis­sio­kli­nik. Dazu kommt, dass die­se Tumo­ren oft auch noch unter­schied­lich aggres­siv sind. So erschien es wenig sinn­voll, einen ein­zel­nen Herd mit Käl­te, Wär­me oder Strom zu trak­tie­ren, wäh­rend die ande­ren wei­ter­wach­sen.

Heu­te gehen Ärz­te jedoch von einer ande­ren Hypo­the­se aus: Nur ein ein­zi­ger Tumor­herd hat das Poten­zi­al, Meta­sta­sen zu bil­den – näm­lich der größ­te und aggres­sivs­te mit dem höchs­ten Glea­son-Score. Und genau die­sen behan­deln Ärz­te gezielt. „Die aggres­si­ven Her­de bestim­men die Zukunft des Pati­en­ten“, betont Schie­fel­bein. Alle klei­ne­ren Her­de mit gerin­ge­rem Glea­son-Score beein­flus­sen dage­gen den Krank­heits­ver­lauf nicht.

Die HIFU und Brachythe­ra­pie sind foka­le The­ra­pi­en bei Pro­sta­ta­krebs, deren Wirk­sam­keit heu­te schon gut belegt ist. Die­ser Nach­weis steht für die irrever­si­ble Elek­tro­po­ra­ti­on noch aus.

Quellen
  • Inter­dis­zi­pli­nä­re S3-Leit­li­nie der zur Früh­erken­nung, Dia­gno­se und The­ra­pie der ver­schie­de­nen Sta­di­en des Pro­statakar­zi­noms, April 2018
  • Deut­sches Krebs­for­schungs­zen­trum (DKFZ), https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/prostatakrebs/behandlung-experimentelle-verfahren.php
  • Apfel­beck M et. al. „Foka­le The­ra­pie des Pro­statakar­zi­noms in Deutsch­land“, Uro­lo­ge 2016 · 55:584–592DOI 10.1007/s00120-016‑0104-7Online publi­ziert: 3. Mai 2016© Sprin­ger-Ver­lag Ber­lin Hei­del­berg 2016, http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Urologische-Klinik-und-Poliklinik/download/de/UROLOGE-2016-Fokale-Therapie-des-Prostatakarzinoms.pdf
  • Vale­rio M et al.: New and Estab­lished Tech­no­lo­gy in Focal Abla­ti­on of the Pro­sta­te: A Sys­te­ma­tic Review, European Uro­lo­gy, Janu­a­ry 2017, Volu­me 71, Issue 1, Pages 17–34, https://doi.org/10.1016/j.eururo.2016.08.044
  • Henk G. van der Poel et al.: Focal The­ra­py in Pri­ma­ry Loca­li­sed Pro­sta­te Can­cer: The European Asso­cia­ti­on of Uro­lo­gy Posi­ti­on in 2018, Volu­me 74, Issue 1, Pages 84–91, July 2018, https://doi.org/10.1016/j.eururo.2018.01.001
  • Vale­rio M et al.: A pro­s­pec­tive deve­lop­ment stu­dy inves­ti­ga­ting focal irrever­si­ble elec­tro­po­ra­ti­on in men with loca­li­sed pro­sta­te­can­cer: Nano­kni­fe Elec­tro­po­ra­ti­on Abla­ti­on Tri­al (NEAT). Con­temp Clin Tri­als. 2014 Sep;39(1):57–65. doi: 10.1016/j.cct.2014.07.006. Epub 2014 Jul 26.
  • Vale­rio M, et al.: Initi­al assess­ment of safe­ty and cli­ni­cal fea­si­bi­li­ty of irrever­si­ble elec­tro­po­ra­ti­on in the focal tre­at­ment of pro­sta­te can­cer. Pro­sta­te Can­cer Pro­sta­tic Dis. 2014 Sep 2. doi: 10.1038/pcan.2014.33.

Datum: 7.3.2019

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