Prostatakrebs – Operation bringt Lebensjahre, aber nicht jedem

Die Ope­ra­ti­on ist eine wich­ti­ge The­ra­pie­mög­lich­keit bei Pro­sta­ta­krebs, das beob­ach­ten­de Abwar­ten auch. Wel­cher Mann von der radi­ka­len Pro­sta­tek­to­mie beson­ders pro­fi­tiert, zeigt eine neue Stu­die. Von Ingrid Mül­ler

Sol­len sich Män­ner mit loka­lem Pro­sta­ta­krebs einer Ope­ra­ti­on, der radi­ka­len Pro­sta­tek­to­mie, unter­zie­hen oder den Krebs ein­fach nur beob­ach­ten las­sen? Dies ist manch­mal sowohl für die behan­deln­den Ärz­te als auch die betrof­fe­nen Män­ner eine kniff­li­ge Fra­ge. Eine Stu­die schwe­di­scher For­scher bringt jetzt mehr Licht ins Dun­kel: Eine Ope­ra­ti­on bei Pro­sta­ta­krebs kann das Leben von Män­nern um fast drei Jah­re ver­län­gern. Dies gilt jedoch nicht für jeden Mann, son­dern hängt davon ab, wie weit der Pro­sta­ta­krebs schon fort­ge­schrit­ten.

Am meis­ten pro­fi­tie­ren Män­ner mit lokal begrenz­tem Pro­sta­ta­krebs von einer Op. Dann ist der Tumor noch auf die Pro­sta­ta beschränkt und hat die Kap­sel noch nicht ver­las­sen. Doch bei lokal fort­ge­schrit­te­nem Pro­sta­ta­krebs ist das beob­ach­ten­de Abwar­ten, das watch­ful wai­ting, womög­lich die bes­se­re Alter­na­ti­ve. Zu die­sem Schluss kommt eine Lang­zeit­stu­die des schwe­di­schen Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums Upp­sa­la. „Vie­le Män­ner mit ört­lich fort­ge­schrit­te­nem Pro­sta­ta­krebs brau­chen die Ope­ra­ti­on nicht“, schrei­ben die For­scher um Anna Bill-Axel­son im renom­mier­ten Fach­ma­ga­zin New Eng­land Jour­nal of Medi­ci­ne (NEJM).  

Operieren oder abwarten bei Prostatakrebs?

An der Stu­die nah­men 695 Män­ner aus Skan­di­na­vi­en teil, die zwi­schen 1989 und 1999 die Dia­gno­se Pro­sta­ta­krebs erhal­ten hat­ten. Nur bei den wenigs­ten – näm­lich zwölf Pro­zent – war der Krebs früh­zei­tig auf­grund eines PSA-Tests ent­deckt wor­den. Die Stu­die war jedoch schon gestar­tet, bevor der PSA-Test flä­chen­de­ckend in Skan­di­na­vi­en ein­ge­setzt wur­de.

Die Män­ner wur­den per Zufall einer von zwei Grup­pen zuge­teilt: Die einen erhiel­ten eine radi­ka­le Pro­sta­tek­to­mie, bei den ande­ren Män­nern behan­del­ten Ärz­te nur die Sym­pto­me im Zuge des watch­ful wai­tings. Dann ver­folg­ten die For­scher den Gesund­heits­zu­stand der Män­ner über 29 Jah­re bis zum Jahr 2017.

Operation bringt fast drei zusätzliche Lebensjahre

Nach die­sem sehr lan­gen Beob­ach­tungs­zeit­raum leb­ten 80 Pro­zent der Män­ner nicht mehr. In der Grup­pe der Män­ner mit der radi­ka­len Pro­sta­tek­to­mie waren 261 von 347 Män­nern mitt­ler­wei­le gestor­ben, in der watch­ful wai­ting-Grup­pe waren es dage­gen 292 von 348 Män­ner. Bei 71 Män­nern der Ope­ra­ti­ons­grup­pe und bei 110 Män­ner der „Beob­ach­tungs­grup­pe“ war der Tod auf den Pro­sta­ta­krebs zurück­zu­füh­ren. Ins­ge­samt erla­gen also rund 32 Pro­zent ihrem Pro­sta­ta­krebs. Die Mehr­zahl der Män­ner starb jedoch nicht am Pro­sta­ta­krebs, son­dern ihr Able­ben hat­te ande­re Grün­de.

Die radi­ka­le Pro­sta­tek­to­mie konn­te zwölf Pro­zent der Män­ner vor dem Krebs­tod bewah­ren, rech­ne­ten die For­scher aus. Im Schnitt leb­ten die ope­rier­ten Män­ner 2,9 Jah­re län­ger als jene, bei denen Ärz­te nur die Sym­pto­me behan­delt hat­ten. In der Grup­pe der Ope­rier­ten stell­ten die For­scher noch einen ande­ren Zusam­men­hang fest: Män­ner, bei denen der Krebs vor der Op schon durch die Kap­sel der Pro­sta­ta gebro­chen war, hat­ten ein fünf­mal höhe­res Risi­ko zu ster­ben als jene, deren Tumor noch auf die Vor­ste­her­drü­se beschränkt war.

Auch die Aggres­si­vi­tät des Pro­sta­ta­kreb­ses spiel­te eine Rol­le: Ein Glea­son-Score von 7 und höher war mit einem zehn­mal höhe­ren Ster­be­ri­si­ko ver­bun­den als ein Wert von 6 und dar­un­ter. Damit sei­en sowohl die Aus­deh­nung über die Kap­sel hin­aus als auch die Aggres­si­vi­tät des Tumors wich­ti­ge Hin­weis­ge­ber für das Risi­ko, am Pro­sta­ta­krebs zu ster­ben, schrei­ben die Autoren.

Operation: „Balance zwischen Vorteilen und Nebenwirkungen finden“

Trotz der Dia­gno­se Pro­sta­ta­krebs erleb­ten vie­le Män­ner in der Stu­die zeit­le­bens weder einen schwe­ren Rück­fall noch star­ben sie an ihrer Krebs­er­kran­kung. Um die best­mög­li­che Behand­lung her­aus­zu­fin­den, sei es wich­tig, „die rich­ti­ge Balan­ce zwi­schen den Vor­tei­len durch die Pro­sta­taek­to­mie einer­seits und den Neben­wir­kun­gen ande­rer­seits zu fin­den“, so die For­scher wei­ter. Denn die Ope­ra­ti­on hat eini­ge uner­wünsch­te Aus­wir­kun­gen, allen vor­an die Erek­ti­le Dys­funk­ti­on und Inkon­ti­nenz. Umfra­gen zei­gen, dass Män­ner unter die­sen bei­den Neben­wir­kun­gen beson­ders lei­den.

Vie­le Män­ner las­sen heu­te ihren PSA-Wert bestim­men. Damit steigt auch die Anzahl der Pro­sta­ta­krebs-Dia­gno­sen im Ver­gleich zu frü­her. Doch vie­le Män­ner wer­den im Lauf ihres Lebens kei­ne schwe­ren oder sogar lebens­be­droh­li­chen Beschwer­den ent­wi­ckeln. „Mehr Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs soll­ten aktiv über­wacht wer­den“, for­dern die For­scher. „Ärz­te soll­ten den Krebs nur behan­deln, wenn es Anzei­chen dafür gibt, dass der Pro­sta­ta­krebs fort­schrei­tet.“

Quelle
  • Anna Bill-Axel­son et al. Radi­cal Pro­sta­tec­to­my or Watch­ful Wai­ting in Pro­sta­te Can­cer — 29-Year Fol­low-up, N Engl J Med 2018; 379:2319–2329, DOI: 10.1056/NEJMoa1807801, 13. Dezem­ber 2018

Datum: 2.5.2019

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