Prostatakrebs: Erhöht eine Sterilisation das Risiko?

Die Vasek­to­mie ist ein Ein­griff, um Män­ner unfrucht­bar zu machen. Die Ste­ri­li­sa­ti­on könn­te Män­nern noch vie­le Jah­re spä­ter ein erhöh­tes Risi­ko für Pro­sta­ta­krebs besche­ren. Die Grün­de dafür sind noch unklar. Von Ingrid Mül­ler

Die Ste­ri­li­sa­ti­on ist eine Ver­hü­tungs­mög­lich­keit für Män­ner, die kei­ne Kin­der (mehr) zeu­gen wol­len. In Deutsch­land ent­schei­den sich rund fünf Pro­zent der Män­ner zwi­schen 18 und 49 Jah­ren für die Vasek­to­mie. Dabei durch­tren­nen Ärz­te bei­de Samen­lei­ter im Hoden­sack. Däni­sche For­scher fan­den jetzt in einer Stu­die her­aus, dass Män­ner nach einer Vasek­to­mie ein erhöh­tes Risi­ko für Pro­sta­ta­krebs haben. Ihre Ergeb­nis­se ver­öf­fent­lich­ten sie im Fach­blatt Jour­nal of the Natio­nal Can­cer Insti­tu­te.

Schon frü­her hat­ten Wis­sen­schaft­ler ver­schie­de­ne repro­duk­ti­ve Fak­to­ren im Leben eines Man­nes mit einer erhöh­ten Wahr­schein­lich­keit für Pro­sta­ta­krebs in Ver­bin­dung gebracht: eine nied­ri­ge Sper­mi­en­qua­li­tät, sel­te­ne Eja­ku­la­tio­nen oder die Zeu­gung von nur weni­gen Kin­dern. Umstrit­ten ist es bis­lang unter For­schern, ob die Vasek­to­mie – eine gän­gi­ge Metho­de der Ste­ri­li­sa­ti­on – auch eine Gefahr für Pro­sta­ta­krebs birgt.

Risikofaktoren für Prostatakrebs

Studie mit mehr als zwei Millionen Männern

An der Stu­die des Epi­de­mio­lo­gen Anders Hus­by und Kol­le­gen vom Sta­tens Serum Insti­tut in Kopen­ha­gen nah­men mehr als zwei Mil­lio­nen däni­sche Män­ner teil, die zwi­schen 1937 und 1996 gebo­ren wor­den waren. Die For­scher sam­mel­ten Infor­ma­tio­nen zur Vasek­to­mie, Anzahl der Arzt­be­su­che sowie zu sozio­öko­no­mi­schen Fak­to­ren, etwa zum Schul­ab­schluss, Beruf oder Ein­kom­men. Sie ana­ly­sier­ten ins­ge­samt 53.4 Mil­lio­nen Per­so­nen­jah­re. Knapp 140.000 Män­ner hat­ten sich einer Ste­ri­li­sa­ti­on per Vasek­to­mie unter­zo­gen. Im Schnitt waren sie zum Zeit­punkt des Ein­griffs 38 Jah­re alt.

Prostatakrebs: Vasektomie bedeutet 15 Prozent höheres Risiko

Mehr als 26.000 Män­ner erkrank­ten an Pro­sta­ta­krebs. Män­ner, die sich eine Vasek­to­mie unter­zo­gen hat­ten, besa­ßen zehn Jah­re spä­ter ein 15 Pro­zent höhe­res Risi­ko für ein Pro­statakar­zi­nom als Män­ner, die die­sen Ein­griff nicht hat­ten vor­neh­men las­sen.

Die­ses Risi­ko war aller­dings nicht nur vor­über­ge­hend erhöht, son­dern es bestand über einen Zeit­raum von min­des­tens 30 Jah­ren nach der Vasek­to­mie. Zudem war das Risi­ko unab­hän­gig davon erhöht, wie alt der Mann bei der Ste­ri­li­sa­ti­on war. Auch das Sta­di­um der Pro­sta­ta­kreb­ses zum Zeit­punkt der Dia­gno­se, die Zahl der Arzt­be­su­che und sozio­öko­no­mi­sche Fak­to­ren spiel­ten kei­ne Rol­le – sie konn­ten die Ver­bin­dung zwi­schen der Ste­ri­li­sa­ti­on und dem erhöh­tem Krebs­ri­si­ko nicht erklä­ren.

Reproduktive Faktoren spielen bei Prostatakrebs eventuell mit

Die Vasek­to­mie besitzt den For­schern zufol­ge Lang­zeit­ri­si­ken und erhöht die Wahr­schein­lich­keit eines Man­nes, an Pro­sta­ta­krebs zu erkran­ken. Die Ergeb­nis­se erhär­ten die The­se, dass repro­duk­ti­ve Fak­to­ren eine wich­ti­ge Rol­le als Risi­ko­fak­to­ren für Pro­sta­ta­krebs spiel­ten. So könn­ten zum Bei­spiel Sekre­te, wel­che die Pro­sta­ta bei der Eja­ku­la­ti­on durch­strö­men, einen Schutz ent­fal­ten, der nach der Vasek­to­mie ent­fällt. Auch hor­mo­nel­le Fak­to­ren könn­ten even­tu­ell einen Ein­fluss haben.

Die For­scher fan­den aber noch einen ande­ren Zusam­men­hang: Män­ner hat­ten nach einer Vasek­to­mie ein um neun Pro­zent nied­ri­ge­res Risi­ko für ande­re Krebs­ar­ten. Eini­ge davon sind mit dem Rau­chen und Alko­hol­kon­sum ver­knüpft. Dies las­se ver­mu­ten, dass Män­ner nach eine Vasek­to­mie durch­schnitt­lich gesün­der sind als die All­ge­mein­be­völ­ke­rung, so die For­scher.

Vasektomie als Ursache für Prostatakrebs weiterhin unklar

Schon die Ergeb­nis­se frü­he­rer Stu­di­en hat­ten einen Zusam­men­hang zwi­schen Vasek­to­mie und Pro­sta­ta­krebs nahe­ge­legt. Die For­scher nah­men an, dass die­se Män­ner mehr auf ihre Gesund­heit ach­ten, häu­fi­ger zum Arzt gehen und Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen stär­ker wahr­neh­men – so fin­den Ärz­te den Pro­sta­ta­krebs auch öfters und in frü­he­ren Sta­di­en.

Die däni­sche Stu­die wies jedoch nach, dass das erhöh­te Risi­ko nach einer Vasek­to­mie auch für Män­ner galt, deren Pro­sta­ta­krebs erst im mitt­le­ren und fort­ge­schrit­te­nen Sta­di­um dia­gnos­ti­ziert wor­den war. Zudem fan­den die For­scher kei­nen Zusam­men­hang zwi­schen der Häu­fig­keit der Arzt­be­su­che, dem Bil­dungs­stand, Wohn­ort oder Ein­kom­men. Aller­dings fehl­ten den For­schern Anga­ben dar­über, ob und wie häu­fig Ärz­te bei Män­nern einen PSA-Test durch­ge­führt hat­ten.

Die Stu­die ist eine rei­ne Beob­ach­tungs­stu­die. Sie kann kei­ne Aus­sa­gen dar­über tref­fen, ob die Vasek­to­mie die Ursa­che für das erhöh­te Pro­sta­ta­krebs­ri­si­ko ist oder nicht. Sie stellt nur fest, dass die Gefahr bei Män­nern nach einer Ste­ri­li­sa­ti­on erhöht ist – aber nicht war­um. Und da sich eine Vasek­to­mie in der Regel nicht mehr rück­gän­gig machen lässt, ist eine Unter­su­chung aus­ge­schlos­sen, die dies über­prü­fen könn­te.

In einem Edi­to­ri­al schrei­ben Lore­lei A. Muc­ci und Kol­le­gen: „Die­se Stu­die wird die Debat­te ver­mut­lich wei­ter befeu­ern, ob ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang zwi­schen der Vasek­to­mie und Pro­sta­ta­krebs besteht – oder ob es alter­na­ti­ve Erklä­rungs­mög­lich­kei­ten für das erhöh­te Risi­ko gibt.“

Sterilisation per Vasektomie – so funktioniert sie

Bei der Ste­ri­li­sa­ti­on bei Män­nern durch­tren­nen Ärz­te bei­de Samen­lei­ter im Hoden­sack und ver­schlie­ßen die losen Enden anschlie­ßend. Dadurch gelan­gen kei­ne Sper­mi­en mehr in die Samen­flüs­sig­keit – der Kör­per baut sie nach dem Samen­er­guss ab.

Es gibt ver­schie­de­nen Ope­ra­ti­ons­tech­ni­ken, um an die Samen­lei­ter her­an­zu­kom­men, die in der Regel sehr scho­nend sind. Die Vasek­to­mie füh­ren Ärz­te meist ambu­lant in der Arzt­pra­xis unter ört­li­chen Betäu­bung durch. Sie ist eine sehr siche­re Metho­de, wenn Män­ner kei­ne Väter wer­den wol­len.

Meist unter­su­chen Ärz­te das Eja­ku­lat anschlie­ßend noch mehr­mals, um zu prü­fen, ob tat­säch­lich kei­ne befruch­tungs­fä­hi­gen Sper­mi­en mehr vor­han­den sind. In man­chen Fäl­len wach­sen die Samen­lei­ter näm­lich von selbst wie­der zusam­men. Bis zur kom­plet­ten Unfrucht­bar­keit kön­nen meh­re­re Mona­te ver­ge­hen.

Quellen
  • Hus­by A,  Wohl­fahrt J,  Mel­bye M.: Vasec­to­my and Pro­sta­te Can­cer Risk: A 38-Year Nati­on­wi­de Cohort Stu­dy, J Natl Can­cer Inst 2020;112(1):djz099
  • Lore­lei A Muc­ci, Kathryn M Wil­son, Mark A Pres­ton, Edward L Gio­vannuc­ci: Is Vasec­to­my a Cau­se of Pro­sta­te Can­cer? JNCI: Jour­nal of the Natio­nal Can­cer Insti­tu­te, Volu­me 112, Issue 1, Janu­a­ry 2020, Pages 5–6, https://doi.org/10.1093/jnci/djz102
  • Deut­sches Krebs­for­schungs­zen­trum (DKFZ), https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/prostatakrebs/risikofaktoren.php (Abruf: 23.2.2020)
  • Bun­des­zen­tra­le für gesund­heit­li­che Auf­klä­rung (BZgA), https://www.familienplanung.de/verhuetung/verhuetungsmethoden/sterilisation/mann/ (Abruf: 23.2.2020)
  • Pro Fami­lia, https://www.profamilia.de/fileadmin/publikationen/Reihe_Verhuetungsmethoden/Bro_Sterilisation_131018.pdf (Abruf: 23.2.2020)

Datum: 27.2.2020

Künstliche Intelligenz: KI diagnostiziert Prostatakrebs sicher

Die Künst­li­che Intel­li­genz (KI) kann Pro­sta­ta­krebs mit hoher Sicher­heit iden­ti­fi­zie­ren, ergab eine neue Stu­die. Aber der spe­zi­ell trai­nier­te Algo­rith­mus kann noch mehr: Er erkennt wei­te­re Krebs­merk­ma­le, etwa die Grö­ße oder Aggres­si­vi­tät des Pro­sta­ta­tu­mors.

MRT

Fusionsbiopsie kann unnötige Biopsien vermeiden, aber …

Bei einer Fusi­ons­bi­op­sie neh­men Radio­lo­gen vor der eigent­li­chen Gewe­be­ent­nah­me Bil­der der Pro­sta­ta mit­tels Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie auf. Doch was bringt die Metho­de Män­nern bei einem Pro­sta­ta­krebs­ver­dacht? Es gibt neue Ant­wor­ten.

Früherkennung von Prostatakrebs: Zuckertest im Blut

Pro­sta­ta­krebs lässt sich umso bes­ser hei­len, je frü­her Ärz­te ihn ent­de­cken. Jetzt haben bri­ti­sche For­scher eine neue Metho­de ent­wi­ckelt, um bös­ar­ti­ge Tumo­ren in der Pro­sta­ta schnel­ler und ziel­ge­nau­er aus­zu­spü­ren: einen spe­zi­el­len Zucker­test fürs Blut.

Biopsie: Zwei kombinierte Methoden sind besser

Die Kom­bi­na­ti­on zwei­er Bio­p­­sie-Ver­­­fah­­ren kann Pro­sta­ta­krebs geziel­ter und ver­läss­li­cher auf­spü­ren. Auch aggres­si­ve­re Vari­an­ten von Pro­statakar­zi­no­men las­sen sich bes­ser iden­ti­fi­zie­ren, wie eine aktu­el­le US-Stu­­die ergab.

Prostatabiopsie: Bauchatmung lindert die Angst

Eine Pro­stata­bi­op­sie kön­nen Män­ner durch die rich­ti­ge Atmung ent­spann­ter und gelas­se­ner über­ste­hen. Die Bau­ch­at­mung lin­dert die Angst und ver­min­dert Stress, ergab eine Stu­die.

Transrektaler Ultraschall – so funktioniert TRUS

Ein trans­rek­ta­ler Ultra­schall (TRUS) ist aus der Dia­gnos­tik von Pro­sta­taer­kran­kun­gen nicht mehr weg­zu­den­ken. Lesen Sie, wie die Sono­gra­fie funk­tio­niert, abläuft und wel­che Risi­ken sie besitzt.

Prostata Hilfe Deutschland: Portrait von Dr. Frank Schiefelbein

Würzburger Urologe warnt vor Verteufelung des PSA-Tests

Der Mit­be­grün­der der „Pro­sta­ta Hil­fe Deutsch­land“ warnt vor einer Ver­teu­fe­lung des PSA-Tests und plä­diert für eine risi­ko­ad­ap­tier­te Vor­sor­ge. Das Insti­tut IQWIG hat­te dem PSA-Test kürz­lich den Nut­zen abge­spro­chen.

Vor­sor­ge

Prostata Hilfe Deutschland: Früherkennung von Prostatakrebs

Früh­erken­nung von Pro­sta­ta­krebs – für jeden Mann!

Sym­pto­me

Prostata Hilfe Deutschland: Illustrationsbild - Grüne Tür

Pro­sta­ta­krebs: Die­se Warn­zei­chen soll­ten Män­ner ernst neh­men!

PSA erhöht?

Prostata Hilfe Deutschland: Illustrationsbild - Mann fährt Fahrrad im Grünen

Erhöh­ter PSA-Wert: Auch Rad­fah­ren kann dahin­ter ste­cken

Unterstützen Sie uns mit Ihrer Spende

© Pro­sta­ta Hil­fe Deutsch­land | Impres­sum | Daten­schutz