Unfruchbarkeit erhöht das Risiko für Prostatakrebs

Unfrucht­bar­keit bei Män­nern und die Wahl der künst­li­chen Befruch­tung, um Vater zu wer­den, schei­nen die Gefahr für Pro­sta­ta­krebs klet­tern zu las­sen. Zu die­sem Schluss kommt eine schwe­di­sche Stu­die. Von Ingrid Mül­ler

Unfrucht­bar­keit und die Zeu­gung eines Kin­des durch künst­li­che Befruch­tung schei­nen der Gesund­heit Män­nern nicht gera­de zuträg­lich zu sein: Sie haben offen­bar ein deut­lich höhe­res Risi­ko für Pro­sta­ta­krebs als Män­ner, die auf natür­li­chem Weg Väter gewor­den sind. Und: Sie erkran­ken in jün­ge­ren Jah­ren an bös­ar­ti­gen Tumo­ren in der Pro­sta­ta. Zu die­sem Schluss kam eine Stu­die schwe­di­scher For­scher von der Lund Uni­ver­si­ty. Ihre Ergeb­nis­se ver­öf­fent­lich­ten Sie in der aktu­el­len Aus­ga­be des Fach­blatts Bri­tish Medi­cal Jour­nal (BMJ).

 

Män­ner, die durch künst­li­che Befruch­tung Väter wer­den, haben ein erhöh­tes Risi­ko für Pro­sta­ta­krebs – beson­ders in jun­gen Jah­ren.
Prof. Yvon­ne Lundberg Giwer­cman

Unfruchtbarkeit, künstliche Befruchtung und Prostatakrebs – ein Zusammenhang?

Die For­scher hat­ten für ihre Lang­zeit­stu­die die Daten von rund 1,2 Mil­lio­nen schwe­di­scher Väter sowie deren Erst­ge­bo­re­nen aus den Natio­nal­re­gis­tern aus­ge­wer­tet. Der Beob­ach­tungs­zeit­raum umfass­te bis zu 20 Jah­re zwi­schen 1994 und 2014. Sie woll­ten her­aus­fin­den, ob und inwie­fern Unfrucht­bar­keit und die künst­li­che Befruch­tung mit dem Risi­ko für Pro­sta­ta­krebs zusam­men­hin­gen. Sie unter­such­ten drei Grup­pen von Män­nern, die auf ver­schie­de­nen Wegen Väter gewor­den waren:

  • In-vitro-Fer­ti­li­sa­ti­on (IVF): Sie umfasst ver­schie­de­ne Schrit­te – von der Hor­mon­be­hand­lung der Frau über die Ent­nah­me gereif­ter Eizel­len bis zur künst­li­chen Befruch­tung rei­fer Eizel­len mit dem Sper­ma im Labor.
  • Intra­zy­to­plas­ma­ti­sche Sper­mien­in­jek­ti­on (ICSI): Die­se Metho­de läuft ähn­lich ab wie eine IVF, bie­tet jedoch auch Män­nern mit Frucht­bar­keits­stö­run­gen die Mög­lich­keit, Väter zu wer­den. Bei einer ICSI inji­zie­ren Labor­me­di­zi­ner eine ein­zel­ne Samen­zel­le (frisch oder kryo­kon­ser­viert) mit einer sehr fei­nen Nadel direkt in eine Eizel­le. Die­se haben Ärz­te zuvor aus dem Eier­stock ent­nom­men. Mitt­ler­wei­le ist die ICSI die am häu­figs­ten ange­wen­de­te Metho­de der künst­li­chen Befruch­tung.
  • Auf natür­li­chem Weg ohne künst­li­che Befruch­tung im Reagenz­glas

Von den 1,2 Mil­lio­nen Vätern hat­ten sich mehr als 20.000 einer IVF (1,7 Pro­zent) und knapp 15.000 (1,3 Pro­zent) einer ICSI unter­zo­gen. Alle ande­ren Män­ner (97 Pro­zent) hat­ten ihre Kin­der auf nor­ma­lem Weg ohne künst­li­che Befruch­tung gezeugt.

Unfrucht­bar­keit: Wenn Sper­mi­en den Weg zur Eizel­le nicht von allei­ne fin­den…

Unfruchtbarkeit: Risiko für Prostatakrebs steigt nach künstlicher Befruchtung

Von den Män­nern, die auf natür­li­chem Weg Väter gewor­den waren, erhiel­ten 3.244 (0,28 Pro­zent) die Dia­gno­se Pro­sta­ta­krebs. Im Ver­gleich dazu erkrank­ten 77 (0,37 Pro­zent) der Väter in der IVF-Grup­pe und 63 (0,42 Pro­zent) in der ICSI-Grup­pe an einem Pro­statakar­zi­nom. Die­se Krank­heits­zah­len erhiel­ten die For­scher aus dem Krebs­re­gis­ter.

Damit hat­ten Män­ner nach einer künst­li­chen Befruch­tung ein 30 (IVF) bis 60 Pro­zent (ICSI) höhe­res Risi­ko, an Pro­sta­ta­krebs zu erkran­ken als Väter, die ohne künst­li­che Befruch­tung beim Nach­wuchs aus­ge­kom­men waren. Zudem war bei den Män­nern mit künst­li­cher Befruch­tung die Gefahr nahe­zu dop­pelt so hoch, in jün­ge­rem Alter unter 55 Jah­ren an Pro­sta­ta­krebs zu erkran­ken. „Män­ner, die sich wegen Unfrucht­bar­keit und einer künst­li­chen Befruch­tung in Behand­lung bege­ben, haben ein höhe­res Risi­ko für Pro­sta­ta­krebs als Män­ner, die auf natür­li­chem Weg Väter wer­den“, fasst Prof. Yvon­ne Lundberg Giwer­cman zusam­men.

Unklar ist, wie genau die Unfrucht­bar­keit, künst­li­che Befruch­tung und die Ent­wick­lung von Pro­sta­ta­krebs zusam­men­hän­gen. Die Ursa­chen lie­gen noch weit­ge­hend im Dun­keln. Eine Mög­lich­keit sei­en Ver­än­de­run­gen auf dem Y‑Chromosom, die sowohl mit der Unfrucht­bar­keit als auch dem Pro­sta­ta­krebs zusam­men­hin­gen, glau­ben die For­scher.

Künstliche Befruchtung: Männer gehören zur Hochrisikogruppe für Prostatakrebs

Den­noch hat die Stu­die eini­ge Schwach­punk­te, wie die For­scher selbst ein­räu­men. Es waren kei­ne unfrucht­ba­ren Män­ner ein­ge­schlos­sen, denen es durch künst­li­che Befruch­tung nicht gelun­gen war, Vater zu wer­den. Auch konn­te die For­scher anhand der vor­lie­gen­den Daten kei­ne Ver­bin­dung zu den PSA-Wer­ten her­stel­len, weil die­se nicht ver­füg­bar waren. Und: Die Ergeb­nis­se spie­geln nicht das Pro­sta­ta­krebs­ri­si­ko über die gesam­te Lebens­zeit wider.

Lundberg Giwer­cman meint den­noch: „Män­ner, die durch künst­li­che Befruch­tung Väter wer­den – vor allem dank ICSI – haben ein erhöh­tes Risi­ko für Pro­sta­ta­krebs – beson­ders in jun­gen Jah­ren. Sie stel­len eine Hoch­ri­si­ko­grup­pe dar, die von PSA-Tests und einer sorg­fäl­ti­gen Krebs­früh­erken­nung pro­fi­tie­ren könn­ten.“ Die PSA-Tests sei­en für die­se Män­ner genau­so gerecht­fer­tigt wie für jede ande­re Grup­pe mit hohem Risi­ko, etwa bei einer gene­ti­schen Ver­an­la­gung für die­se Krebs­art.

Prostatakrebs-Screening bei männlicher Unfruchtbarkeit nicht sinnvoll

Aller­dings sei ein all­ge­mei­nes Pro­sta­ta­krebs-Scree­ning bei allen unfrucht­ba­ren Män­nern schwie­rig, weil der Mecha­nis­mus und die Ursa­chen noch unbe­kannt sei­en, erklä­ren die For­scher. Dabei unter­zie­hen sich gesun­de Män­ner regel­mä­ßig einem PSA-Test. Das Scree­ning auf Pro­sta­ta­krebs birgt die Gefahr von Über­dia­gno­sen und Über­the­ra­pi­en.

In Zukunft wol­len die For­scher Män­ner über einen län­ge­ren Zeit­raum beob­ach­ten als dies in der Stu­die mög­lich gewe­sen war. Die ICSI gibt es erst seit etwa 1990. Auch ande­re Ein­fluss­fak­to­ren wie der sozio-öko­no­mi­sche Sta­tus, der Lebens­stil und die all­ge­mei­ne Gesund­heit der Män­ner, die sich einer künst­li­chen Befruch­tung unter­zie­hen, sei­en für zukünf­ti­ge Unter­su­chun­gen inter­es­sant, so Lundberg Giwer­cman.

PSA-Screening und PSA-Test

Exper­ten dis­ku­tie­ren das PSA-Scree­ning nach wie vor kon­tro­vers. Lesen Sie, war­um ein rou­ti­ne­mä­ßi­ger PSA-Test an gesun­den Män­nern umstrit­ten ist. Außer­dem: Wie gut infor­mier­ten Ärz­te Män­ner über das PSA-Scree­ning? »»

Unfruchtbarkeit und Prostatakrebs – Studien mit kontroversen Ergebnissen

Pro­sta­ta­krebs und männ­li­che Unfrucht­bar­keit sind kei­ne Sel­ten­heit. Sie betref­fen rund zehn bezie­hungs­wei­se acht Pro­zent aller Män­ner in den west­li­chen Län­dern. Schon frü­he­re Stu­di­en hat­ten eine Ver­bin­dung ver­mu­ten las­sen, weil sowohl am Pro­sta­ta­krebs als auch an der Unfrucht­bar­keit die männ­li­chen Hor­mo­ne (Andro­ge­ne) betei­ligt sind. Aller­dings kamen die Stu­di­en zu kon­tro­ver­sen Ergeb­nis­sen: Eine US-Stu­die brach­te eine ver­min­der­te Sper­mi­en­qua­li­tät mit einem höhe­ren Pro­sta­ta­krebs­ri­si­ko in Ver­bin­dung. Vier ande­re Unter­su­chun­gen leg­ten dage­gen ein ver­min­der­tes Risi­ko für das Pro­statakar­zi­nom nahe, wenn Män­ner kin­der­los blie­ben. Wie­der ande­re fan­den über­haupt kei­nen Zusam­men­hang zwi­schen Vater­schaft und Pro­sta­ta­krebs­ri­si­ko.

Quellen

Datum: 7.10.2019

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