Fusionsbiopsie kann unnötige Biopsien vermeiden, aber …

Bei einer Fusi­ons­bi­op­sie neh­men Radio­lo­gen vor der eigent­li­chen Gewe­be­ent­nah­me Bil­der der Pro­sta­ta mit­tels Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie (mpMRT) auf. Doch was bringt die Metho­de Män­nern bei einem Pro­sta­ta­krebs­ver­dacht? Es gibt neue Ant­wor­ten. Von Ingrid Mül­ler

Die Fusi­ons­bi­op­sie ist eine Metho­de, mit denen Ärz­te Pro­sta­ta­krebs frü­her auf­spü­ren – und damit letzt­lich die Über­le­bens­chan­cen von Män­nern ver­bes­sern wol­len. Radio­lo­gen neh­men zunächst detail­lier­te Bil­der der Pro­sta­ta mit­tels mul­ti­pa­ra­me­tri­scher Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie (mpMRT) auf. Ziel ist es, krebs­ver­däch­ti­ge Area­le in der Vor­ste­her­drü­se genau­er zu iden­ti­fi­zie­ren. Dann folgt die eigent­li­che Pro­statabi­op­sie mit Hil­fe des trans­rek­ta­len Ultra­schalls.

Das Insti­tut für Qua­li­tät und Wirt­schaft­lich­keit im Gesund­heits­we­sen (IQWiG) hat jetzt ana­ly­siert, wie gut die Fusi­ons­bi­op­sie tat­säch­lich ist. Einer­seits kön­ne sie womög­lich hel­fen, unnö­ti­ge Biop­si­en zu ver­mei­den. Zugleich gebe es jedoch kei­nen Anhalts­punkt dafür, dass die Fusi­ons­bi­op­sie mehr nutzt oder scha­det als eine allei­ni­ge Ultra­schall­bi­op­sie, schreibt das IQWiG in einem vor­läu­fi­gen HTA-Bericht.

Das Kür­zel HTA steht für Health Tech­no­lo­gy Assess­ment. Sol­che Berich­te gehen auf Vor­schlä­ge von Ver­si­cher­ten und ande­ren Inter­es­sier­ten zurück, die sie unter The­men­Check Medi­zin ein­brin­gen kön­nen. Die (sehr gute) Idee dahin­ter ist eine grö­ße­re Bür­ger­be­tei­li­gung in der Medi­zin.

Fusionsbiopsie – drei Studien analysiert

Der Aus­lö­ser für die Ana­ly­se des IQWIG war eine sol­che Anfra­ge eines Bür­gers. Er woll­te wis­sen, ob die Fusi­ons­bi­op­sie beim Ver­dacht auf Pro­sta­ta­krebs die trans­rek­ta­le Ultra­schall­bi­op­sie als Erst­bi­op­sie erset­zen kann. Hin­ter die­ser Fra­ge steckt die Hoff­nung, dass sich unnö­ti­ge Biop­si­en zukünf­tig ver­mei­den las­sen und Ärz­te Pro­sta­ta­krebs frü­her dia­gnos­ti­zie­ren kön­nen.

Somit lies­sen sich theo­re­tisch gleich zwei Flie­gen mit einer Klap­pe schla­gen: mög­li­che Neben­wir­kun­gen, Fol­gen und Kom­pli­ka­tio­nen durch nicht not­wen­di­ge Biop­si­en ver­mei­den und das Ster­be­ri­si­ko bei Pro­sta­ta­krebs sen­ken. Das Esse­ner For­schungs­in­sti­tut für Medi­zin­ma­nage­ment und wei­te­re Exper­ten wer­te­ten drei qua­li­ta­ti­ve hoch­wer­ti­ge Stu­di­en dazu aus. Sie woll­ten her­aus­fin­den, ob Män­ner bei einem Ver­dacht auf Pro­sta­ta­krebs von der Fusi­ons­bi­op­sie pro­fi­tie­ren könn­ten.

Fusionsbiopsie und Ultraschallbiopsie – so funktionieren sie

Nor­ma­ler­wei­se füh­ren Ärz­te die  Pro­statabi­op­sie über den Darm (trans­rek­tal) oder Damm (trans­pe­ri­ne­al) per Ultra­schall­kon­trol­le durch. Sie füh­ren die Ultra­schall­son­de über den End­darm ein und schie­ben sie in Rich­tung Pro­sta­ta vor. Dann lösen sie fei­ne Biop­si­e­n­a­deln aus, um Gewe­be­pro­ben zu gewin­nen. Der Stan­dard sind zehn bis zwölf unge­zielt ent­nom­me­ne Pro­ben.

Bei der Fusi­ons­bi­op­sie geht der Ultra­schall­bi­op­sie dage­gen eine bild­ge­ben­de Dar­stel­lung der Pro­sta­ta mit­tels mpMRT vor­aus. Radio­lo­gen ana­ly­sie­ren und bewer­ten die­se Bil­der zunächst. Besteht ein begrün­de­ter Ver­dacht auf Pro­sta­ta­krebs, folgt die „nor­ma­le“ Ultra­schall­bi­op­sie. Die Beson­der­heit der Fusi­ons­bi­op­sie ist, dass Ärz­te wäh­rend der Gewe­be­ent­nah­me die MRT-Bil­der und die Echt­zeit-Ultra­schall­bil­der über­ein­an­der­le­gen (fusio­nie­ren). Daher rührt auch der Name. So kön­nen Ärz­te die ver­däch­ti­gen Area­le geziel­ter ansteu­ern und Gewe­be ent­neh­men. 

Fusionsbiopsie – weniger unnötige Biopsien

Die Ergeb­nis­se der Stu­di­en­ana­ly­se waren:
  • Kei­ne sta­tis­tisch bedeut­sa­men Unter­schie­de lie­ßen sich bei die­sen Punk­ten fin­den: Sterb­lich­keit, schwer­wie­gen­de uner­wünsch­te Ereig­nis­se, gesund­heits­be­zo­ge­ne Lebens­qua­li­tät, Anzahl der Behand­lun­gen und erneu­te Biop­si­en (Rebi­op­si­en).
  • Wohl aber ließ sich ein posi­ti­ver Effekt bei einem Punkt fest­stel­len – näm­lich den „ver­meid­ba­ren Biop­si­en“.  In einer Stu­die wur­de bei 28 Pro­zent der Män­ner auf­grund der vor­he­ri­gen mpMRT kei­ne Biop­sie durch­ge­führt. Dies ist für Män­ner mit Sicher­heit ein kla­rer Vor­teil – aber nur, wenn Ärz­te wegen der ver­mie­de­nen Biop­sie auch kei­nen behand­lungs­be­dürf­ti­gen Pro­sta­ta­krebs über­se­hen. „Falsch-nega­ti­ver Befund“ sagen Ärz­te dazu.
Bis­her, so mei­nen die Wis­sen­schaft­ler aus Essen, lies­se sich das Risi­ko für sol­che falsch-nega­ti­ven Befun­de noch nicht abschlie­ßend beur­tei­len. Es sei­en noch wei­te­re Stu­di­en dazu not­wen­dig, wel­che die Män­ner über einen län­ge­ren Zeit­raum wei­ter beob­ach­ten. Dies ist auch der Grund, war­um die Exper­ten der­zeit der Fusi­ons­bi­op­sie –  trotz des vor­lie­gen­den posi­ti­ven Effekts der ver­meid­ba­ren Biop­si­en – noch einen kla­ren Nut­zen abspre­chen.
 
Ins­ge­samt lau­tet daher ihr Fazit: Es gibt kei­nen Anhalts­punkt für einen (höhe­ren) Nut­zen oder (höhe­ren) Scha­den der Fusi­ons­bi­op­sie im Ver­gleich zur trans­rek­ta­len Ultra­schall­bi­op­sie. Kei­nes der Ver­fah­ren weist ein­deu­ti­ge Vor­tei­le auf. Auch was ethi­sche, recht­li­che, sozia­le und orga­ni­sa­to­ri­sche Aspek­te ange­he, gebe es kei­ne sind deut­li­chen Argu­men­te zuguns­ten einer der Tech­no­lo­gi­en.
 

Selbsthilfeverband: „Wir verhindern, was wir eigentlich brauchen

Der Bun­des­ver­band Pro­sta­ta­krebs Selbst­hil­fe e.V. (BPS) kri­ti­siert die Ergeb­nis­se die­ser Ana­ly­se. „Für uns, die im Sin­ne der Betrof­fe­nen agie­ren, ist es doch sehr pro­ble­ma­tisch, immer wie­der mit den The­men Metho­de und Gesamt­über­le­ben kon­fron­tiert zu wer­den“, schreibt der BPS in einer Stel­lung­nah­me. In der Vor­ge­hens­wei­se des IQWIG wür­den Mei­nun­gen von Betrof­fe­nen kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­den.
 
Mit der Fusi­ons­bi­op­sie sei­en deut­lich bes­se­re Ergeb­nis­se ver­füg­bar als mit dem bis­her prak­ti­zier­ten Stan­dard­ver­fah­ren. Ob dies spä­ter das Gesamt­über­le­ben beein­flus­se, sei zwar wich­tig, aber sicher­lich nicht Bestand­teil der Dia­gno­se –  und der dar­aus resul­tie­ren­den The­ra­pie­ent­schei­dung. „Wenn wir bei sämt­li­chen Neue­run­gen im Medi­zin­sek­tor auf aus­sa­ge­fä­hi­ge Daten zum Gesamt­über­le­ben war­ten, ver­hin­dern wir, was wir eigent­lich brau­chen“, so der BPS.

Prostatakrebs – häufige Krebsart, die manche das Leben kostet

Pro­sta­ta­krebs ist in Deutsch­land die häu­figs­te Krebs­neu­erkran­kung bei Män­nern. Die­se Krebs­art macht rund ein Vier­tel aller Neu­dia­gno­sen aus. Schät­zun­gen zufol­ge erkrank­ten im Jahr 2018 rund 61.000 Män­ner neu an Pro­sta­ta­krebs. Ewa 75 Pro­zent der Pro­statakar­zi­no­me fin­den Ärz­te in einem frü­hen Sta­di­um.

Den­noch ist Pro­sta­ta­krebs für vie­le Ster­be­fäl­le auf­grund einer Krebs­er­kran­kung ver­ant­wort­lich. Im Jahr 2014 mach­te Pro­sta­ta­krebs 11,3 Pro­zent aller Ster­be­fäl­le aus. Damit ist die­se Krebs­art – nach dem Lun­gen­krebs – die zweit­häu­figs­te Todes­ur­sa­che auf­grund einer Krebs­er­kran­kung bei Män­nern.

Quellen

Aktua­li­siert: 7.7.2020
Erstellt: 18.6.2020

MRT

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