Hormonentzug bei Prostatakrebs – fördert er Demenzen?

Bei hor­mon­emp­find­li­chem Pro­sta­ta­krebs ent­zie­hen Ärz­te dem Tumor das Tes­to­ste­ron – und stop­pen so das Wachs­tum. Aber der Hor­mon­ent­zug scheint auch das Risi­ko für Demen­zen zu begüns­ti­gen. Zu die­sem Schluss kommt eine gro­ße US-Stu­die. Von Ingrid Mül­ler

Der Hor­mon­ent­zug ist eine der wich­tigs­ten Behand­lun­gen für Män­ner mit fort­ge­schrit­te­nem, hor­mon­emp­find­li­chem Pro­sta­ta­krebs. Ihr bös­ar­ti­ger Tumor braucht Tes­to­ste­ron für sein Wachs­tum. Kommt das männ­li­che Sexu­al­hor­mon in gerin­ge­ren Men­gen im Kör­per vor, fehlt dem Pro­sta­ta­krebs schließ­lich der „Treib­stoff“ – er schrei­tet nicht wei­ter vor­an und Män­ner gewin­nen Lebens­zeit.

Eine Daten­ana­ly­se aus dem US-Krebs­re­gis­ter SEERS ergab jetzt jedoch, dass der Man­gel an Tes­to­ste­ron das Risi­ko für die Alz­hei­mer-Krank­heit und ande­re For­men der Demenz erhö­hen könn­te. Die Ergeb­nis­se der US-Stu­die wur­den im renom­mier­ten Fach­ma­ga­zin JAMA ver­öf­fent­licht. „Ärz­te müs­sen die Vor­tei­le und Lang­zeit­ri­si­ken der Hor­mon­ent­zugs­be­hand­lung bei Män­nern mit einer län­ge­ren Lebens­er­war­tung sorg­sam abwä­gen“, schrei­ben die Autoren. Schon vor Beginn der Behand­lung soll­ten sie bei ihren Pati­en­ten auch das Demenz­ri­si­ko in die The­ra­pie­pla­nung mit ein­be­zie­hen.

Männer mit und ohne Hormonentzug bei Prostatakrebs

Ravis­hankar Jay­a­de­vap­pa von der Per­el­man School of Medi­ci­ne an der Uni­ver­si­ty of Penn­syl­va­nia und Kol­le­gen wer­te­ten die Daten von gut 154.000 Män­nern mit Pro­sta­ta­krebs aus. Sie hat­ten ein Alter von 66 Jah­ren und auf­wärts. Alle waren ent­we­der an loka­lem oder fort­ge­schrit­te­nem Pro­sta­ta­krebs erkrankt. Etwa 62.300 die­ser Män­ner erhiel­ten inner­halb von zwei Jah­ren nach ihrer Krebs­dia­gno­se eine Hor­mon­ent­zugs­the­ra­pie. Die ande­ren Män­ner (ca. 91.700) nah­men kei­ne Medi­ka­men­te ein, die das Tes­to­ste­ron ver­min­der­ten.

In den fol­gen­den acht Jah­ren erkrank­ten knapp 28.000 Män­ner an einer Demenz. Die Mehr­heit (rund 16.700 Män­ner) beka­men die Alz­hei­mer-Krank­heit. Dies ist die häu­figs­te Form der Demenz und das Erkran­kungs­ri­si­ko steigt ganz all­ge­mein mit den Lebens­jah­ren. Weil die Män­ner schon bei der Dia­gno­se älter waren, hat­ten sie also prin­zi­pi­ell auch ein höhe­res Risi­ko für Alz­hei­mer.

Alzheimer ist wahrscheinlicher, wenn Testosteron fehlt

Doch ein Blick in die Zah­len zeig­te, dass Män­ner unter Hor­mon­ent­zug die Dia­gno­se Alz­hei­mer deut­lich häu­fi­ger traf: Etwa 13 Pro­zent im Ver­gleich zu gut neun Pro­zent ohne Ent­zug des Tes­to­ste­rons. In der All­ge­mein­be­völ­ke­rung liegt die Wahr­schein­lich­keit, an Alz­hei­mer zu erkran­ken, bei unge­fähr zwölf Pro­zent.

Noch höher fie­len die Erkran­kungs­zah­len bei ande­ren For­men von Demen­zen aus: Unter dem Hor­mon­ent­zug erwisch­te die Demenz knapp 22 Pro­zent der Män­ner – ohne Tes­to­ste­ron­man­gel waren es nur unge­fähr 16 Pro­zent.

Risiko Demenzen: „Langzeitrisiken mit Männern besprechen“

Eini­ge Fak­to­ren schränk­ten jedoch die Aus­sa­ge­kraft der Stu­di­en­ergeb­nis­se ein, sagen die For­scher. So sei­en nicht bei allen Män­nern das genaue Sta­di­um der Krebs­er­kran­kung sowie die Dosis und Dau­er des Hor­mon­ent­zugs bekannt gewe­sen.

Auch wenn die Stu­di­en­ergeb­nis­se ins­ge­samt nicht ein­heit­lich sind – schon frü­her hat­ten klei­ne­re Stu­di­en einen Zusam­men­hang zwi­schen dem Hor­mon­ent­zug und einer Demenz ver­mu­ten las­sen. „Ärz­te müs­sen ihre Auf­merk­sam­keit stär­ker auf die poten­zi­el­len kogni­ti­ven Effek­te des Hor­mon­ent­zugs rich­ten – und die­se Lang­zeit­ri­si­ken auch mit ihren Pati­en­ten bespre­chen“, erklärt Ravis­hankar Jay­a­de­vap­pa, der Haupt­au­tor der Stu­die.

Und der Uro­lo­ge und Co-Autor der Stu­die, Tho­mas Guz­zo, sagt: „Ich den­ke, wir müs­sen uns jeden Pati­en­ten indi­vi­du­ell anse­hen. Sicher­lich gibt es Män­ner, die einen Hor­mon­ent­zug brau­chen und beson­ders davon pro­fi­tie­ren.“ Aber es gebe auch ande­re, bei denen der Nut­zen nicht ganz so klar sei. „Und bei die­sen müs­sen wir die Risi­ken der Anti­hor­mon­the­ra­pie stär­ker in Betracht zie­hen und gegen­über den Vor­tei­le der Pro­sta­ta­krebs­be­hand­lung abwä­gen.“ Dies gesche­he am bes­ten über den Pro­zess der gemein­sa­men Ent­schei­dungs­fin­dung, des Shared Decisi­on Making, so Guz­zo wei­ter. Ob ein Mann sich für den Hor­mon­ent­zug ent­schei­de, hän­ge von der Schwe­re der Krebs­er­kran­kung, aber auch von sei­nen per­sön­li­chen Wün­schen ab.

Video: Hormon-Chemotherapie bei Metastasen

Wie hängen Demenzen und Hormonentzug zusammen?

Als nächs­tes wol­len die For­scher die bio­lo­gi­schen Mecha­nis­men auf­spü­ren, wie genau der Hor­mon­ent­zug die Ent­wick­lung einer Demenz begüns­ti­gen könn­te. Das Feh­len des Tes­to­ste­rons könn­te eini­ge Risi­ko­fak­to­ren für Alz­hei­mer und ande­re Demen­zen erhö­hen, schrei­ben die For­scher. Bei­spie­le sei­en Dia­be­tes, Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen, Depres­si­on oder ein Ver­lust der Mager­mas­se des Kör­pers. Eine wei­te­re Ver­mu­tung ist, dass der Tes­to­ste­ron­man­gel das Wachs­tum und die Rege­ne­ra­ti­on von Ner­ven­zel­len beein­flusst. Dies geschieht, indem sich gefal­te­te beta-Amy­lo­id-Eiwei­ße im Gehirn ansam­meln, die als Mit­ver­ur­sa­cher von Alz­hei­mer gel­ten.

Hormonentzug bei Prostatakrebs – unerwünschte Wirkungen

Der Hor­mon­ent­zug bremst zwar den Pro­sta­ta­krebs wir­kungs­voll, besitzt aber – wie jedes Medi­ka­ment – eini­ge Neben­wir­kun­gen. Fol­gen­de uner­wünsch­te Wir­kun­gen sind mög­lich:

  • Ver­lust der Libi­do und Erek­ti­le Dys­funk­ti­on
  • Zeu­gungs­un­fä­hig­keit
  • Hit­ze­wal­lun­gen, Schweiß­aus­brü­che
  • Mus­kel­ab­bau, Gewichts­zu­nah­me
  • Brust­schmer­zen, Brust­wachs­tum (Gynä­ko­mas­tie)
  • Kno­chen­schwund
  • kogni­ti­ve Stö­run­gen: Auf­merk­sam­keit, Kon­zen­tra­ti­on und Gedächt­nis
Quellen
  • Ravis­hankar Jay­a­de­vap­pa et al. Asso­cia­ti­on Bet­ween Andro­gen Depri­va­ti­on The­ra­py Use and Dia­gno­sis of Demen­tia in Men With Pro­sta­te Can­cer, JAMA Netw Open. 2019; 2(7):e196562. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2019.6562, 3. Juli 2019, https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2737101
  • Deut­sches Krebs­for­schungs­zen­trum (DKFZ), https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/prostatakrebs/behandlung-antihormontherapie.php (Abruf: 25.7.2019)

Datum: 25.7.2019

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