Immuntherapie bei Prostatakrebs – neue Aussicht?

Bei man­chen Män­nern wirkt die Hor­mon­the­ra­pie nicht mehr und der Pro­sta­ta­krebs schrei­tet wei­ter vor­an – er wird kas­tra­ti­ons­re­sis­tent. Die Immun­the­ra­pie könn­te zukünf­tig eine neue Behand­lungs­mög­lich­keit sein und das Über­le­ben ver­län­gern, ergab eine Stu­die. Von Ingrid Mül­ler

Die Immun­the­ra­pie set­zen Ärz­te heu­te schon bei ver­schie­de­nen Krebs­ar­ten ein, zum Bei­spiel bei fort­ge­schrit­te­nem schwar­zem Haut­krebs oder Lun­gen­krebs. Im Unter­schied zu ande­ren Krebs­be­hand­lun­gen wie der Che­mo­the­ra­pie oder Bestrah­lung rich­tet sich die Immun­the­ra­pie nicht gegen die Krebs­zel­len selbst und zer­stört sie. Viel­mehr zielt sie auf das Immun­sys­tem ab und schärft es. Dann kann es sich anschlie­ßend wie­der selbst gegen die Krebs­zel­len zur Wehr set­zen. So wirk­sam die Immun­the­ra­pie bei eini­gen Krebs­ar­ten ist – bei Pro­sta­ta­krebs waren die Ergeb­nis­se von Stu­di­en bis­her noch nicht über­zeu­gend.

Eine neue Unter­su­chung der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien bringt jetzt einen klei­nen Hoff­nungs­schim­mer für die Immun­the­ra­pie bei Pro­sta­ta­krebs. Bei Män­nern mit meta­stasier­tem, kas­tra­ti­ons­re­sis­ten­tem Pro­statakar­zi­nom schritt der Krebs nicht wei­ter fort und das Über­le­ben der behan­del­ten Män­ner ver­län­ger­te sich. Die Ergeb­nis­se der Stu­die ver­öf­fent­lich­ten die öster­rei­chi­schen For­scher in der aktu­el­len Aus­ga­be des renom­mier­ten Fach­blatts Euro­pean Uro­lo­gy.

Immuntherapie kann das Langzeitüberleben verlängern

An der welt­wei­ten Stu­die nah­men 799 Män­ner mit fort­ge­schrit­te­nem Pro­sta­ta­krebs teil, deren Krebs nicht mehr auf eine Hor­mon­be­hand­lung ansprach und somit kas­tra­ti­ons­re­sis­tent gewor­den war. Die Män­ner stamm­ten aus den USA, Kana­da, Süd­ame­ri­ka, Aus­tra­li­en und ver­schie­de­nen euro­päi­schen Län­dern. Nach dem Zufalls­prin­zip wur­den sie in zwei Grup­pen ein­ge­teilt. Alle erhiel­ten eine ein­zel­ne Strah­len­the­ra­pie wegen einer oder meh­re­rer Kno­chen­me­ta­sta­sen. Danach beka­men sie ent­we­der den Anti­kör­per Ipi­li­mum­ab oder ein Pla­ce­bo, das kei­nen Wirk­stoff ent­hielt (alle drei Wochen, ins­ge­samt vier­mal). Alle hat­ten zuvor eine Che­mo­the­ra­pie mit dem Zyto­sta­ti­kum Doce­taxel durch­lau­fen.

Die ers­te Ana­ly­se der Daten ergab kei­nen sta­tis­tisch signi­fi­kan­ten Über­le­bens­vor­teil bei Män­nern, die mit der Immun­the­ra­pie behan­delt wor­den waren. Die zwei­te Aus­wer­tung zeig­te dage­gen einen Effekt beim Lang­zeit­über­le­ben der Män­ner, wel­che die Immun­the­ra­pie erhal­ten hat­ten. Nach drei, vier und fünf Jah­ren lag es zwei- bis drei­mal höher als in der Pla­ce­bo­grup­pe.

Immuntherapie setzt das Immunsystem wieder in Gang

Ipi­li­mum­ab ist ein soge­nann­ter huma­ni­sier­ter mono­k­lo­na­ler IgG1-Anti­kör­per, der auf ein Mole­kül namens CTLA‑4 abzielt. Die­ses kon­trol­liert nor­ma­ler­wei­se einen bestimm­ten Teil des Immun­sys­tems, indem es die­sen her­un­ter­re­gu­liert. „Krebs­zel­len kön­nen der kör­per­ei­ge­nen Abwehr des Immun­sys­tems ent­kom­men, indem sie CTLA‑4 abschal­ten“, erklärt der Onko­lo­ge Micha­el Krai­ner von der Med­Uni Wien/AKH Wien und vom Com­pre­hen­si­ve Can­cer Cen­ter (CCC). Die Tumor­zel­len machen sich auf die­se Wei­se für das Immun­sys­tem unsicht­bar.

Der Anti­kör­per gegen das CTLA‑4 gehört zu den soge­nann­ten Check­point-Inhi­bi­to­ren. Er kann die­se Abschal­tung auf­he­ben und damit die­sen Teil des Immun­sys­tems wie­der in Gang set­zen. „Die­se erneut akti­vier­te Immun­re­ak­ti­on kann dann dem Kör­per dabei hel­fen, Krebs­zel­len zu zer­stö­ren“, so Krai­ner wei­ter.

Der Anti­kör­per Ipi­li­mum­ab besitzt – wie jedes Medi­ka­ment – nicht uner­heb­li­che Neben­wir­kun­gen. Sie sind meist auf die gestei­ger­te Akti­vi­tät des Immun­sys­tems zurück­füh­ren. Die Neben­wir­kun­gen kön­nen vie­le Orga­ne betref­fen, etwa den Ver­dau­ungs­trakt, die Leber, Haut, das Ner­ven­sys­tem oder Hor­mon­sys­tem. So kön­nen Durch­fall, Übel­keit, Erbre­chen, Haut­aus­schlag, Juck­reiz, Müdig­keit oder ver­min­der­ter Appe­tit vor­kom­men.

Hormontherapie

Prostata Hilfe Deutschland: Illustrationsbild Hormontheraphie - SpritzenDie Hor­mon­the­ra­pie ist eine wich­ti­ge Behand­lungs­mög­lich­keit, wenn die Pro­sta­ta­krebs­zel­len unter Ein­fluss des Tes­to­ste­rons wach­sen. Alles über die anti­hor­mo­nel­le Behand­lung.

Immuntherapie – wenn andere Möglichkeiten ausgeschöpft sind

Die Euro­päi­sche Arz­nei­mit­tel-Agen­tur EMA hat den Anti­kör­per Ipi­li­mum­ab schon zur Behand­lung von schwar­zem Haut­krebs (mali­gnes Mela­nom), Lun­gen­krebs und Bla­sen­krebs zuge­las­sen. Für die The­ra­pie von Pro­sta­ta­krebs feh­len aber wei­ter­hin noch aus­sa­ge­kräf­ti­ge Daten, weil die ers­te Aus­wer­tung der Stu­di­en­da­ten kei­nen signi­fi­kan­ten Über­le­bens­vor­teil ergab.

Die neu­en Lang­zeit­da­ten geben jedoch laut den For­schern vor­sich­ti­gen Anlass zur Hoff­nung. Krai­ner sagt: „Die Immun­the­ra­pie ist viel­ver­spre­chend. Sie kann ein­ge­setzt wer­den, wenn zum Bei­spiel Che­mo­the­ra­pien aus­ge­schöpft oder uner­wünscht sind.“ Womög­lich sei es sinn­voll, früh­zei­tig mit der Immun­the­ra­pie zu begin­nen. Denn sie sei umso wirk­sa­mer, je weni­ger Tumor im Kör­per vor­han­den und in je bes­se­rem All­ge­mein­zu­stand der Pati­ent sei.

Die For­scher ver­su­chen nun, die Immun­the­ra­pie in die Behand­lung von Pro­sta­ta­krebs im Rah­men inter­na­tio­na­ler kli­ni­scher Stu­di­en zu inte­grie­ren und sie wei­ter zu tes­ten. Sie pla­nen, die Immun­the­ra­pie schon vor einer Che­mo­the­ra­pie ein­zu­set­zen. Zyto­sta­ti­ka sind der­zeit bei Män­nern mit kas­tra­ti­ons­re­sis­ten­tem Pro­sta­ta­krebs der Stan­dard.

Kastrationsresistenter Prostatakrebs – wirkungslose Hormontherapie

Bei vie­len Män­nern ist der Pro­sta­ta­krebs zunächst hor­mon­emp­find­lich, wächst also unter dem Ein­fluss des männ­li­chen Geschlechts­hor­mons Tes­to­ste­ron. Dies machen sich Ärz­te bei der Hor­mon­the­ra­pie zunut­ze, indem sie die Tes­to­ste­ron­pro­duk­ti­on mit Medi­ka­men­ten unter­drü­cken. Das Pro­blem dabei ist, dass die Krebs­zel­len mit der Zeit unemp­find­lich wer­den und der Pro­sta­ta­krebs trotz nied­ri­ger Tes­to­ste­ron­wer­te wei­ter wächst. US-For­scher schät­zen, dass in etwa fünf Jah­ren zwi­schen zehn und 20 Pro­zent aller bös­ar­ti­gen Pro­sta­ta­tu­mo­ren kas­tra­ti­ons­re­sis­tent gewor­den sind.

Ein Hin­weis dar­auf ist ein stei­gen­der PSA-Wert bei gleich­zei­tig gerin­gen Tes­to­ste­ron­men­gen im Blut. Kas­tra­ti­ons­re­sis­ten­ter oder hor­mon­re­frak­tä­rer Pro­sta­ta­krebs sind die Fach­be­grif­fe dafür. Ärz­te kön­nen nicht genau vor­her­sa­gen, wann dies geschieht. Im Schnitt ist der Pro­sta­ta­krebs unge­fähr zwei Jah­re nach dem Beginn der Hor­mon­the­ra­pie kas­tra­ti­ons­re­sis­tent gewor­den. Wenn sich Meta­sta­sen gebil­det haben, etwa in den Kno­chen, gilt der Pro­sta­ta­krebs als nicht mehr heil­bar. Ärz­te ver­su­chen dann, das Fort­schrei­ten des Tumors zu brem­sen, Beschwer­den zu lin­dern, die Lebens­qua­li­tät zu erhal­ten und das Über­le­ben zu ver­län­gern. Viel­leicht ist auch die Immun­the­ra­pie bald eine Mög­lich­keit dafür.

Quellen
  • Fiz­a­zi, K., Dra­ke, C. G., Beer, T. M., Kwon, E. D., Scher, H. I., Ger­ritsen, W. R., Bos­si, A., den Eert­wegh, A., Krai­ner, M., Houe­de, N., San­tos, R., Mahamm­edi, H., Ng, S., Dani­elli, R., Fran­ke, F. A., Sundar, S., Agar­wal, N., Berg­man, A. M., Ciu­lea­nu, T. E., Kor­ben­feld, E., … CA184-043, Inves­ti­ga­tors (2020). „Final Ana­ly­sis of the Ipi­li­mum­ab Ver­sus Pla­ce­bo Fol­lowing Radio­the­ra­py Pha­se III Tri­al in Post­do­ce­taxel Meta­sta­tic Cas­tra­ti­on-resistant Pro­sta­te Can­cer Iden­ti­fies an Excess of Long-term Sur­vi­vors.“ Euro­pean Uro­lo­gy, S0302-2838(20)30604–7. Advan­ce online publi­ca­ti­on. https://doi.org/10.1016/j.eururo.2020.07.032 (Abruf: 5.10.2020)
  • Gel­be Lis­te: Ipi­li­mum­ab, https://www.gelbe-liste.de/wirkstoffe/Ipilimumab_51333 (Abruf: 6.10.2020)

Datum: 7.10.2020

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