Prostatakrebs-Behandlung – wie die Darmflora mitspielt

Die Darm­flo­ra besteht aus einem gan­zen Kos­mos an Mikro­or­ga­nis­men. Die­ses Mikro­bi­om könn­te auch bei der Behand­lung von Pro­sta­ta­krebs eine Rol­le spie­len. In einer Stu­die ver­mehr­ten sich die „guten“ Bak­te­ri­en, wäh­rend ungüns­ti­ge Kei­me abnah­men. Von Ingrid Mül­ler

Die mensch­li­che Darm­flo­ra setzt sich aus Bil­lio­nen ver­schie­dens­ter Mikro­or­ga­nis­men zusam­men, die den Darm als unsicht­ba­re Mit­be­woh­ner besie­deln. In die­ser Wohn­ge­mein­schaft gibt es „gute“ Bak­te­ri­en, die die Gesund­heit för­dern, aber auch krank­ma­chen­de und ungüns­ti­ge Kei­me. Die­se Gesamt­heit aller Mikro­or­ga­nis­men – das Mikro­bi­om – ist bei kei­nem Men­schen gleich. Die indi­vi­du­el­le Zusam­men­set­zung der Darm­flo­ra aus Bak­te­ri­en, Viren, Pil­zen und Ein­zellern hängt von ver­schie­de­nen Fak­to­ren ab. Einen Ein­fluss haben zum Bei­spiel die Ernäh­rungs­wei­se, das Alter oder Geschlecht eines Men­schen. For­scher brin­gen die­sen Mikro­kos­mos im Darm heu­te mit ver­schie­dens­ten Krank­hei­ten in Ver­bin­dung – von Dia­be­tes mel­li­tus über Depres­sio­nen und Fett­lei­big­keit bis hin zur Mul­ti­plen Skle­ro­se.

Auch bei Behand­lun­gen von Pro­sta­ta­krebs könn­te das Mikro­bi­om im Darm eine Rol­le spie­len, wie eine Stu­die von For­schern des Law­son Health Rese­arch Insti­tu­te and der Wes­tern Uni­ver­si­ty ver­mu­ten lässt. Das Mikro­bi­om inter­agiert offen­bar mit bestimm­ten Medi­ka­men­ten, die Män­ner mit kas­tra­ti­ons­re­sis­ten­tem Pro­sta­ta­krebs als Hor­mon­the­ra­pie anwen­de­ten. Die Mikro­or­ga­nis­men könn­ten womög­lich das medi­zi­ni­sche Ergeb­nis der Behand­lung güns­tig beein­flus­sen, ver­mu­ten die For­scher. Ihre Erkennt­nis­se ver­öf­fent­lich­ten sie im Fach­blatt Natu­re Com­mu­ni­ca­ti­ons.

Darmflora: „Gute“ Bakterien vermehren sich unter Hormontherapie

An der Unter­su­chung nah­men 68 Män­ner teil, die an Pro­sta­ta­krebs erkrankt waren. Sie nah­men ent­we­der den Wirk­stoff Abi­ra­te­ro­na­ce­tat als Tablet­ten ein oder wen­de­ten eine ande­re Vari­an­te der Hor­mon­the­ra­pie an. Der Wirk­stoff Abi­ra­te­ro­na­ce­tat gehört zur Grup­pe der Ste­ro­ide. Ärz­te set­zen ihn im Rah­men der Hor­mon­the­ra­pie bei fort­ge­schrit­te­nem, kas­tra­ti­ons­re­sis­ten­tem Pro­sta­ta­krebs ein. In die­sem Fall ist der Tumor unemp­find­lich gegen­über ande­ren Medi­ka­men­ten gewor­den war und wächst trotz­dem wei­ter. Abi­ra­te­ro­na­ce­tat hemmt die Pro­duk­ti­on des männ­li­chen Geschlechts­hor­mons Tes­to­ste­ron und bremst das Fort­schrei­ten des Pro­sta­ta­kreb­ses. Auch ande­re Medi­ka­men­te der Hor­mon­the­ra­pie dros­seln die Tes­to­ste­ron­pro­duk­ti­on.

Die For­scher sam­mel­ten Stuhl­pro­ben der Pro­ban­den und ana­ly­sier­ten sie im Labor. Als Kon­trol­le dien­ten Stuhl­pro­ben von Män­nern, die kei­ne Hor­mon­the­ra­pie erhiel­ten. Sie fan­den her­aus, dass sich die Darm­flo­ra jener Män­ner, die Abi­ra­te­ro­na­ce­tat ein­nah­men, dras­tisch ver­än­dert hat­te. Die Darm­bak­te­ri­en ver­stoff­wech­sel­ten den Wirk­stoff so, dass sich deut­lich mehr Bak­te­ri­en namens Akker­man­sia muci­ni­phi­la ange­sie­delt hat­ten. Schon frü­he­re Unter­su­chun­gen hat­ten gezeigt, dass Andro­gen­blo­cker wie Bica­lut­amid oder Enz­a­lut­amid zu einer Ver­meh­rung die­ser Bak­te­ri­en füh­ren.

Akkermansia muciniphila stärkt die Darmschleimhaut

For­scher schrei­ben dem Bak­te­ri­um Akker­man­sia muci­ni­phi­la ver­schie­de­ne posi­ti­ve Wir­kun­gen zu. Es ernährt sich vom Schleim der Dick­darm­wand, för­dert die Rege­ne­ra­ti­on der Darm­schleim­haut und trägt so zu deren Gesund­heit bei. Eini­ge Wis­sen­schaft­ler stu­fen das Bak­te­ri­um daher als „Pro­bio­ti­kum der nächs­ten Genera­ti­on“ ein. Sei­ne Rol­le wur­de schon in ver­schie­de­nen Stu­di­en unter­sucht.

Sie zeig­ten, dass das Bak­te­ri­um das Anspre­chen auf Immun­the­ra­pien bei Krebs posi­tiv beein­flus­sen kann und noch wei­te­re gesund­heits­för­dern­de Wir­kun­gen besitzt. Der Anstieg von Akker­man­sia muci­ni­phi­la erhöh­te die Pro­duk­ti­on von Vit­amin K2, dem Wis­sen­schaft­ler Anti-Krebs-Eigen­schaf­ten zuschrei­ben – es soll das Tumor­wachs­tum brem­sen. Die­se gesund­heits­för­dern­den Bak­te­ri­en sei­en also im Kampf gegen den Pro­sta­ta­krebs viel­leicht sehr nütz­lich, schluss­fol­gern die For­scher.

Darmflora: Androgen nutzende Bakterien nehmen ab

Das For­scher­team fand zudem her­aus, wie sich die Hor­mon­the­ra­pie all­ge­mein auf das Mikro­bi­om aus­wirkt. Sowohl Abi­ra­te­ro­na­ce­tat als auch ande­re Hor­mon­the­ra­pien senk­ten die Anzahl jener Mikro­or­ga­nis­men, die Andro­ge­ne für ihren Stoff­wech­sel nut­zen, zum Bei­spiel Cory­ne­bac­te­ri­um spp. Die­se lie­ßen sich bes­ser in Schach hal­ten. „Die Ergeb­nis­se zei­gen ganz klar, dass das Mikro­bi­om an der Reak­ti­on auf eine Behand­lung betei­ligt ist“, erklärt der Law­son-Wis­sen­schaft­ler Dr. Jere­my Bur­ton.

Und Bren­dan Dais­ley vom Law­son Health Rese­arch Insti­tu­te betont: „Unse­re Stu­die zeigt eine Schlüs­sel­in­ter­ak­ti­on zwi­schen einem Krebs­me­di­ka­ment und dem Mikro­bi­om im Darm, die wie­der­um ‚gute‘ Mikro­or­ga­nis­men mit Anti-Krebs-Eigen­schaf­ten för­dert.“

Hormontherapie

Prostata Hilfe Deutschland: Illustrationsbild Hormontheraphie - SpritzenDie Hor­mon­the­ra­pie ist eine wich­ti­ge Behand­lungs­mög­lich­keit, wenn die Pro­sta­ta­krebs­zel­len unter Ein­fluss des Tes­to­ste­rons wach­sen. Alles über die anti­hor­mo­nel­le Behand­lung.

Mikroorganismen der Darmflora: Kontakt mit den Wirkstoffen

Her­kömm­li­che Hor­mon­the­ra­pien bei Pro­sta­ta­krebs zie­len dar­auf ab, die Pro­duk­ti­on von Andro­ge­nen zu unter­drü­cken. Unter dem Ein­fluss die­ser Hor­mo­ne wächst der Pro­sta­ta­krebs bei vie­len Män­nern. Fehlt das Tes­to­ste­ron, hat der Tumor auch kei­nen „Treib­stoff“ mehr für sein Wachs­tum. „Bei vie­len Män­nern sind die­se Hor­mon­the­ra­pien lei­der nicht dau­er­haft wirk­sam“, sagt Dr. Joseph Chin, Uro­lo­ge am Lon­don Health Sci­en­ces Cent­re (LHSC). „Für die­se Fäl­le erfor­schen wir alter­na­ti­ve The­ra­pien“.

Abi­ra­te­ro­na­ce­tat ist eine sehr wirk­sa­me Behand­lung für Män­ner, deren Pro­sta­ta­krebs unemp­find­lich gegen­über ande­ren Behand­lun­gen gewor­den ist und nicht mehr auf die­se anspricht. Der Wirk­stoff redu­ziert zwar auch die Andro­ge­ne im Kör­per, aber dies geschieht über einen ande­ren Mecha­nis­mus als bei tra­di­tio­nel­len Hor­mon­be­hand­lun­gen. Ein wei­te­rer Unter­schied ist, dass Män­ner das Medi­ka­ment oral als Tablet­ten ein­neh­men und nicht als Sprit­ze anwen­den. Das bedeu­tet, dass der Wirk­stoff über den Magen-Darm-Trakt auf­ge­nom­men wird und so ins Blut gelangt. Bei einer Injek­ti­on lan­det er dage­gen gleich in der Blut­bahn.

Wenn Medi­ka­men­te oral ein­ge­nom­men wer­den, kom­men sie auf ihrer Rei­se durch den Ver­dau­ungs­trakt mit Bil­lio­nen von Mikro­or­ga­nis­men in Kon­takt“, erklärt Dr. Jere­my Bur­ton. „Lan­ge Zeit war es ein Geheim­nis, war­um Abi­ra­te­ro­na­ce­tat so wirk­sam ist. Des­halb woll­ten wir wis­sen, ob die Darm­flo­ra womög­lich ein Mit­spie­ler ist.“

Mikrobiom und Darmflora – Forschungsfelder der Zukunft

Jetzt wol­len die For­scher die Wech­sel­wir­kun­gen von Medi­ka­men­ten mit dem Mikro­bi­om wei­ter unter die Lupe neh­men. „Wir fan­gen gera­de erst an, die ver­schie­de­nen Wege zu ent­hül­len, wie das mensch­li­che Mikro­bi­om die Ent­wick­lung, das Fort­schrei­ten und die Behand­lung von Krebs beein­flusst“, erklärt Bren­dan Dais­ley. Ziel ist es, das Mikro­bi­om dafür zu nut­zen, um die medi­zi­ni­schen Ergeb­nis­se nach einer Behand­lung für ver­schie­de­ne Erkran­kun­gen zu ver­bes­sern.

In einer wei­te­ren Stu­die unter­su­chen die For­scher zum Bei­spiel, ob die Stuhl­trans­plan­ta­ti­on mit dem Mikro­bi­om eines gesun­den Spen­ders die Darm­flo­ra eines Pati­en­ten mit schwar­zem Haut­krebs (mali­gnes Mela­nom) ver­än­dern kann. Sie wol­len her­aus­fin­den, ob sich „gute“ Bak­te­ri­en wie Akker­man­sia muci­ni­phi­la stär­ker ver­meh­ren und das Anspre­chen auf die Immun­the­ra­pie ver­bes­sern. Inter­es­sant für die For­scher ist auch, ob die Ana­ly­se des Mikro­bi­o­ms eines Pati­en­ten Vor­aus­sa­gen dar­über zulässt, wie gut er auf spe­zi­fi­sche The­ra­pien anspricht.

Auch wenn noch mehr For­schung nötig ist“, sagt Bur­ton, „viel­leicht sind wir eines Tages in der Lage, das Mikro­bi­om eine Pati­en­ten zu ana­ly­sie­ren und die best­mög­li­che Behand­lung für ihn zu fin­den. Und viel­leicht kön­nen wir zukünf­tig das Mikro­bi­om so beein­flus­sen, dass sich die Behand­lungs­er­geb­nis­se ver­bes­sern. Das wäre ein neu­er Schritt in Rich­tung per­so­na­li­sier­te Medi­zin.“

Quellen

• Dais­ley, B.A., Chanyi, R.M., Abdur-Rashid, K. et al. Abi­ra­te­ro­ne ace­tate pre­fe­ren­ti­al­ly enri­ches for the gut com­men­sal Akker­man­sia muci­ni­phi­la in cas­tra­te-resistant pro­sta­te can­cer pati­ents. Nat Com­mun 11, 4822 (2020). https://doi.org/10.1038/s41467-020–18649‑5 (Abruf: 19.10.2020)
• Deut­sche Krebs­ge­sell­schaft, https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/basis-informationen-krebs-allgemeine-informationen/abirateron.html (Abruf: 19.10.2020)

Datum: 19.10.2020

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