Prostatakrebs: Schützt die Hormontherapie vor Covid-19?

Die Hor­mon­the­ra­pie hält offen­bar nicht nur den Pro­sta­ta­krebs in Schach. Viel­mehr schei­nen Män­ner vor einer Anste­ckung mit dem Coro­na­vi­rus Sars-CoV‑2 und Covid-19 geschützt zu sein. Und wenn sie sich infi­zie­ren, ver­läuft die Erkran­kung weni­ger schwer. Von Ingrid Mül­ler

Die Hor­mon­the­ra­pie gegen Pro­sta­ta­krebs scheint einen gewis­sen Schutz vor der Atem­wegs­er­kran­kung Covid-19 zu bie­ten. Zu die­sem Schluss kommt eine Stu­die von For­schern der Uni­ver­si­tà del­la Svizze­ra Ita­lia­na in Bel­lin­zo­na und der ETH Zürich, Schweiz. Män­ner, deren Tes­to­ste­ron­pro­duk­ti­on wegen ihres Pro­sta­ta­kreb­ses unter­drückt wur­de, erkrank­ten sel­te­ner an Covid-19. Und wenn sie sich mit dem Coro­na­vi­rus Sars-CoV‑2 ange­steckt hat­ten, ver­lief die Erkran­kung weni­ger schwer. Die Ergeb­nis­se ver­öf­fent­lich­ten die For­scher um Prof. Andrea Ali­mon­ti im Fach­ma­ga­zin Annals of Onco­lo­gy.

Covid-19: Männer trifft es härter als Frauen

An der Stu­die nah­men 4.532 Män­ner aus der ita­lie­ni­schen Regi­on Vene­ti­en teil. Sie alle hat­ten sich mit dem Coro­na­vi­rus infi­ziert und waren an Covid-19 erkrankt. Vene­ti­en gehör­te zu jenen Regio­nen in Ita­li­en, in der sich die Coro­na-Pan­de­mie am stärks­ten aus­ge­brei­tet hat­te. 430 der männ­li­chen Stu­di­en­teil­neh­mer (9,5 Pro­zent) hat­ten eine Krebs­er­kran­kung. 118 davon (2,6 Pro­zent) lit­ten unter Pro­sta­ta­krebs.

Die ers­ten all­ge­mei­nen Ergeb­nis­se:

  • Män­ner erleb­ten im Ver­gleich zu Frau­en schwe­re­re Kom­pli­ka­tio­nen. Sie muss­ten häu­fi­ger ins Kran­ken­haus und erhol­ten sich schlech­ter.
  • Krebs­pa­ti­en­ten hat­ten ein 1,8‑fach höhe­res Risi­ko als die nor­ma­le männ­li­che Bevöl­ke­rung, an Covid-19 zu erkran­ken. Außer­dem ver­lief die Erkran­kung bei ihnen schwe­rer.

Prostatakrebs: Hormonbehandlung schützt Männer vor Covid-19

Die For­scher ana­ly­sier­ten jetzt die Daten von allen Pro­sta­ta­krebs­pa­ti­en­ten in Vene­ti­en – mit fol­gen­den Ergeb­nis­sen: 

  • Nur vier von 5.273 Män­nern, die sich wegen ihres Pro­sta­ta­kreb­ses einer Hor­mon­the­ra­pie unter­zo­gen, erkrank­ten an Covid-19. Kei­ner die­ser Män­ner starb. 
  • 37.161 Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs erhiel­ten kei­ne Hor­mon­the­ra­pie. Davon erkrank­ten 114 Män­ner an Covid-19 und 18 Pati­en­ten star­ben.
  • Bei ande­ren Krebs­ar­ten zeig­te sich fol­gen­des Bild: Von 79.661 Krebs­pa­ti­en­ten erkrank­ten 312 an Covid-19 und 57 Pati­en­ten star­ben.

Ali­mon­ti sagt: „Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs, die Medi­ka­men­te zur Unter­drü­ckung der Tes­to­ste­ron­pro­duk­ti­on erhiel­ten, hat­ten ein vier­mal nied­ri­ge­res Risi­ko für eine Covid-19 Infek­ti­on als Pati­en­ten ohne die­se The­ra­pie.“ Noch deut­li­cher fie­len die Unter­schie­de aus, als die For­scher hor­mo­nell behan­del­te Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs mit Pati­en­ten ver­gli­chen, die an einer ande­ren Krebs­er­kran­kung lit­ten. Dann lag das Infek­ti­ons­ri­si­ko für die Män­ner mit der Hor­mon­the­ra­pie sogar mehr als fünf­mal nied­ri­ger.

Dies ist die ers­te Stu­die, die eine Ver­bin­dung zwi­schen der Hor­mon­the­ra­pie und Covid-19 nach­weist“, erklärt Ali­mon­ti. „Auch wenn Krebs­pa­ti­en­ten ins­ge­samt ein höhe­res Infek­ti­ons­ri­si­ko für Covid-19 haben als Per­so­nen ohne Krebs – die Hor­mon­the­ra­pie schützt Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs bis zu einem gewis­sen Grad.“

Dank Androgenen: leichtere Ansteckung – heftigere Symptome

Es gibt ver­schie­dens­te Arten von Hor­mon­be­hand­lun­gen, die den Spie­gel der männ­li­chen Sexu­al­hor­mo­ne (Andro­ge­ne) wirk­sam sen­ken kön­nen. Die Hor­mon­the­ra­pie ist eine wich­ti­ge Säu­le in der Behand­lung von Pro­sta­ta­krebs. Ein Bei­spiel sind soge­nann­ten LHRH-Ana­lo­ga. Sie sor­gen dafür, dass die Hoden kein Tes­to­ste­ron mehr pro­du­zie­ren. Die Tes­to­ste­ron­wer­te sin­ken bin­nen 48 Stun­den. Die Wir­kung der The­ra­pie ist aber nur vor­über­ge­hend. Set­zen Män­ner die Medi­ka­men­te wie­der ab, kehrt auch die Tes­to­ste­ron­pro­duk­ti­on zurück und Män­ner errei­chen die vor­he­ri­gen Wer­te.

Unse­re Resul­ta­te geben eine ers­te Ant­wort auf die Hypo­the­se, dass Andro­ge­ne bei Infek­tio­nen mit dem Coro­na­vi­rus eine Rol­le spie­len. Die männ­li­chen Hor­mo­ne erleich­tern womög­lich die Anste­ckung und sor­gen dafür, dass die Sym­pto­me schwe­rer aus­fal­len – so, wie wir es bei Män­nern gese­hen haben“, meint Ali­mon­ti.

Wie die Hormontherapie das Coronavirus in Schach hält

Doch wie funk­tio­niert das Zusam­men­spiel zwi­schen den männ­li­chen Sexu­al­hor­mo­nen, der Hor­mon­the­ra­pie und dem Coro­na­vi­rus genau? Hin­wei­se lie­fern frü­he­re Unter­su­chun­gen der Schwei­zer For­scher. Sie hat­ten her­aus­ge­fun­den, dass ein bestimm­tes Eiweiß namens TMPRSS2 dem Coro­na­vi­rus Sars-Cov‑2 hilft, gesun­de mensch­li­che Zel­len zu befal­len. Das Pro­te­in gehört zur Fami­lie der soge­nann­ten Trans­mem­bra­nen Serin­pro­teasen 2, die an vie­len Pro­zes­sen im Kör­per betei­ligt sind. Auch bei Krebs und vira­len Infek­tio­nen sind sie wich­ti­ge Mit­spie­ler.

Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs haben oft erhöh­te Spie­gel an TMPRSS2. Die Akti­vi­tät die­ses Eiwei­ßes wird von einer spe­zi­el­len Andock­stel­le (Rezep­tor) für Andro­ge­ne regu­liert, auf die auch die Hor­mon­the­ra­pie abzielt. „Bekannt ist, dass die Hor­mon­the­ra­pie die TMPRS­S2-Wer­te bei Pro­sta­ta­krebs­pa­ti­en­ten sen­ken kann. Eini­ge unse­rer Daten las­sen ver­mu­ten, dass dies nicht nur in der Pro­sta­ta geschieht, son­dern auch in ande­ren Gewe­ben wie der Lun­ge.“ Dort spielt sich die Atem­wegs­er­kran­kung Covid-19 haupt­säch­lich ab. „Dies könn­te erklä­ren, war­um Män­ner mit Covid-19 oft einen hef­ti­ge­ren Ver­lauf der Erkran­kung erle­ben als Frau­en“, meint Ali­mon­ti.

Covid-19 Studie hat einige Schwächen

Es gibt jedoch eini­ge Fak­to­ren, wel­che die Aus­sa­ge­kraft der Stu­die ein­schrän­ken. Ein Bei­spiel ist, dass Krebs­pa­ti­en­ten mit Covid-19 ver­mut­lich häu­fi­ger auf das Coro­na­vi­rus getes­tet wur­den als Men­schen ohne eine Krebs­er­kran­kung. Denn sie müs­sen öfters ins Kran­ken­haus, etwa zu Behand­lun­gen und Kon­trol­len. Dies könn­te erklä­ren, war­um das Coro­na­vi­rus öfters bei Krebs­pa­ti­en­ten nach­ge­wie­sen wur­de.

Außer­dem sei­en Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs, die sich einer Hor­mon­the­ra­pie unter­zie­hen, womög­lich effek­ti­ver beim The­ma „Soci­al Distan­cing“ als jene ohne Hor­mon­ein­nah­me oder ande­re Krebs­pa­ti­en­ten. Die Hor­mon­the­ra­pie lässt sich näm­lich zuhau­se anwen­den und Män­ner müs­sen dafür kein Kran­ken­haus auf­su­chen. Somit sinkt auch das Risi­ko für eine Infek­ti­on mit dem Coro­na­vi­rus.

Sollen Risikopatienten die Hormontherapie vorbeugend anwenden?

Die For­scher haben daher einen unge­wöhn­li­chen Vor­schlag: Auch Män­ner ohne Pro­sta­ta­krebs, die ein hohes Risi­ko für Covid-19 haben, könn­ten die Hor­mon­the­ra­pie für einen begrenz­ten Zeit­raum ein­neh­men. Sie lie­ße sich eine Infek­ti­on mit dem Coro­na­vi­rus even­tu­ell ver­hin­dern. Und Män­ner, die sich schon mit Sars-CoV‑2 ange­steckt haben, könn­ten mit Hil­fe der Hor­mon­the­ra­pie die Schwe­re der Sym­pto­me lin­dern. „Wenn Män­ner die Behand­lung zur Tes­to­ste­ron­un­ter­drü­ckung nicht län­ger als vier Wochen anwen­den, hat sie kei­ne grö­ße­ren Neben­wir­kun­gen“, so Ali­mon­ti.

Die Hor­mon­the­ra­pie lie­ße sich auch mit ande­ren Medi­ka­men­ten kom­bi­nie­ren, die an der Ver­meh­rung der Viren bezie­hungs­wei­se ihrem Ein­drin­gen in mensch­li­che Zel­len anset­zen. Dane­ben könn­ten Arz­nei­en, wel­che die Akti­vi­tät des Eiwei­ßes TMPRSS2 im Kör­per beein­flus­sen, eine wei­ter­e­The­ra­pie­mög­lich­keit sein.

Prof. Fabri­ce André, Direk­tor der For­schungs­ab­tei­lung am Insti­tut Gust­ave Rous­sy in Vil­le­juif, Frank­reich, rät jedoch zur Vor­sicht: „Die Stu­die bie­tet kei­ne abschlie­ßen­den Erkennt­nis­se über die Rol­le der Hor­mon­the­ra­pie bei Pati­en­ten mit Covid-19. Wir soll­ten die­se Medi­ka­men­te daher zu die­sem Zweck nicht ein­set­zen, bis wir ihre Wirk­sam­keit in wei­te­ren Stu­di­en bewie­sen haben.“

Quellen
  • Mon­to­po­li M, Zum­er­le S, Vet­tor R, Rug­ge M, Zor­zi M, Cata­pa­no CV, Car­boneGM, Caval­li A, Paga­no F, Raga­z­zi E, Pray­er-Galet­ti T, Ali­mon­ti A, Andro­gen-depri­va­ti­on the­ra­pies for­pro­sta­te can­cer and risk of infec­tion by SARS-CoV‑2: a popu­la­ti­on-based stu­dy (n=4532), Annals ofOn­co­lo­gy (2020), doi: https://doi.org/10.1016/j.annonc.2020.04.479

Datum: 8.5.2020

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