Pater Anselm Grün: „So lange ich atme, hoffe ich“

Micha­el Rein­hard, Chef­re­dak­teur der Main-Post, sprach mit Pater Anselm Grün auf dem Info­tag Pro­sta­ta­krebs im Vogel Con­ven­ti­on Cen­ter Würz­burg über sei­ne Krebs­er­kran­kung. Von Ingrid Mül­ler

Pater Grün, Sie sind selbst an Nie­ren­krebs erkrankt. Wer hat Ihnen gehol­fen?

Nach der Dia­gno­se habe ich mich erst ein­mal in die Stil­le zurück­ge­zo­gen. Dann habe ich mit Mit­brü­dern gespro­chen, aber auch mit dem Arzt. Was ist es genau? Wie ste­hen die Chan­cen? Das gibt einem ja auch Hoff­nung und man sieht kla­rer. Er sag­te, der Krebs sei begrenzt und man kön­ne eine Nie­re in einer Ope­ra­ti­on her­aus­neh­men. Zunächst erscheint einem die Dia­gno­se Krebs ja abs­trakt und bedroh­lich. Gehol­fen hat mir schließ­lich mein Glau­be und mein Ver­trau­en, dass ich in Got­tes Hand bin.

Wie war es, als Sie die Dia­gno­se bekom­men haben?

Die ers­te Reak­ti­on war ein Stück weit Ver­drän­gung. Ich dach­te, ich habe doch vie­le Vor­trä­ge und Plä­ne für die nächs­ten Wochen. Ich woll­te wei­ter her­um­fah­ren und Bücher schrei­ben. Ich habe mich gefragt: Was ist das Leben dann noch Wert, wenn ich dass alles nicht mehr kann und die Krank­heit mein Leben bestimmt? Das stellt die Vor­stel­lung vom Leben und Gott in Fra­ge. Aber dann habe ich alles abge­sagt, weil ich gemerkt habe, dass ich nicht ein­fach mein Leben wei­ter ver­pla­nen kann. Es kommt etwas von außen, und dann kann ich nicht alles ein­hal­ten – ich muss­te ande­re ent­täu­schen. Und ich bin bedürf­tig, brau­che Zeit und kann nicht immer nur etwas geben. Das war eine Erkennt­nis. Ich muss­te mich der Krank­heit stel­len und sie als Her­aus­for­de­rung anneh­men.

Sie sagen: „Ich füh­re ein gesun­des Leben, ernäh­re mich gesund, medi­tie­re und bin ein gläu­bi­ger Mensch – was soll mir also pas­sie­ren?“ Haben Sie nun Zwei­fel am gesun­den Got­tes­le­ben?

Ich dach­te, dass Leben mit Gott müss­te gesund sein und frg­te mich: Was habe ich falsch gemacht? Mei­ne Vor­stel­lung ist zer­bro­chen, dass ein spi­ri­tu­ell gesun­des Leben auch kör­per­lich gesund macht. Es ist eine Illu­si­on zu glau­ben, dass ich gesund blei­be, wenn ich alles rich­tig mache. Gebet und Medi­ta­ti­on sind kei­ne Garan­tie für Gesund­heit. Die Krank­heit ist ein Wider­fahr­nis. Da ist im eige­nen Leib plötz­lich etwas Unbe­kann­tes und Frem­des. Wie ein Ein­bre­cher auch ein Frem­der ist, der nicht in die eige­ne Woh­nung gehört. Ich dach­te mir, ich bin nicht mehr Herr im eige­nen Haus. Auch wenn Vor­stel­lun­gen und Selbst­bil­der zer­bre­chen – ich zer­bre­che nicht an der Krank­heit.

Sind Sie noch demü­ti­ger gewor­den?

Auf jeden Fall. Durch mei­ne eige­ne Krank­heit bin ich vor­sich­ti­ger umge­gan­gen mit mei­nen Theo­ri­en. Und ich ver­su­che beschei­de­ner und gelas­sen zu sein. Die Krank­heit zwingt einen, auf neue Art und Wei­se demü­ti­ger zu wer­den. Ein Leser mein­te: ‚Sie schrei­ben so schö­ne Bücher, wie kön­nen Sie Krebs haben?‘ Ich bin nicht der, der alles weiß und Lösun­gen hat. Ich bin anfäl­lig und suche mit ande­ren einen Weg, um mit dem Leben umzu­ge­hen.

Bei Krebs suchen wir uns einen guten Arzt, der uns hilft, und wir haben die Hal­tung, er soll und gefäl­ligst hei­len. Sie sagen, es ist wich­tig, sich inner­lich mit der Krank­heit aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Ja, ich habe über­legt: Was will die Krank­heit mir sagen? Der ers­te Impuls ist ja oft, alles mög­lichst schnell wie­der zu repa­rie­ren. Wir haben eine Macher­men­ta­li­tät. Aber bei Krebs weiß ich nicht sofort, was ich machen soll. Und: Was macht es mit mir? Ich muss inne­hal­ten, mein Leben umstel­len, etwas ändern. Die Krank­heit ver­un­si­chert, und das muss ich zulas­sen. Ich muss nicht jedem Wunsch nach­ge­ben, jede Erwar­tung erfül­len, son­dern mich fra­gen, ob ich es wirk­lich will – ich bin mir auch etwas wert.

Wie kom­me ich aus Akut­pha­sen wie­der her­aus?

Das Kran­ken­haus, der Arzt und Infor­ma­tio­nen über die Krebs­er­kran­kung geben Hoff­nung. Aber das allei­ne genügt nicht. Ich muss mich der geis­ti­gen Her­aus­for­de­rung stel­len, dass ich krank gewor­den bin. Was soll ich ändern? Wo soll ich Gren­zen zie­hen in der Bezie­hung mit ande­ren? Wo muss ich Erwar­tun­gen etwas ent­ge­gen­set­zen und Nein sagen, weil es mir nicht gut tut? Mit die­sen Fra­gen muss ich mich beschäf­ti­gen.

Steckt hin­ter einer Krank­heit eine Bot­schaft?

Es gibt nicht sofort eine Ant­wort, wenn ein Unglück oder Unfall das Leben durch­kreuzt. Also auch kei­ne schnel­le Ant­wort auf die Fra­ge, was mir eine Krank­heit sagen soll. Ich dach­te immer, ich wür­de Maß hal­ten. Aber habe ich mir viel­leicht etwas vor­ge­macht oder mei­ne Fähig­kei­ten über­schätzt? Man­ches möch­te man ja nicht sehen. Ich den­ke viel­leicht, ich mache alles rich­tig und hal­te Maß – aber die Krank­heit sagt mir, das war eine Illu­si­on.

Sie erzähl­ten ein­mal, Sie sei­en frü­her vor Auf­trit­ten ner­vös und auf­ge­regt gewe­sen. Bis Sie dach­ten: Ich ver­traue auf Gott, er wird mir die rich­ti­gen Wor­te geben. Hat Sie Ihr Gott­ver­trau­en auch im Hin­blick auf die Gesund­heit jetzt ent­täuscht?

Ich hat­te das Gefühl, dass Freu­de und Spaß am Leben auch kör­per­li­che Gesund­heit bedeu­ten. Der Kör­per sagt: ‚Nein, du warst nicht so im Ein­klang mit Dir‘. Man muss sich dem Unbe­kann­ten stel­len, aber kei­ne Schuld­ge­füh­le erzeu­gen und sich selbst ankla­gen. Auch die Schuld zu suchen beim Arzt, dem Ehe­part­ner, der Fir­ma oder ande­ren Umstan­den, führt nicht wei­ter. Sonst bewegt man sich immer in der Ver­gan­gen­heit. Ein ver­kehr­tes Leben kann der Grund­keim für eine Krank­heit sein, aber nicht immer. Ich muss akzep­tie­ren, dass ich jetzt krank bin. Alles ande­re führt von dir selbst weg. Krank­heit ist für mich eine wich­ti­ge Her­aus­for­de­rung. Ich hal­te es des­halb mit dem Phi­lo­so­phen C.G. Jung: Ich muss in die Zukunft schau­en und mich fra­gen: Was soll ich bewuss­ter machen?

Hilft es bei die­ser Suche, wenn ich auf­schrei­be, das was mir in den Sinn kommt?

Das Schrei­ben ist sicher ein wich­ti­ger Weg, um sei­ne Gedan­ken zu klä­ren. Das Grü­beln bringt dage­gen nicht wei­ter, weil man immer um das Glei­che kreist. Beim Schrei­ben kom­men die Gedan­ken in Bewe­gung. Auch laut mit Gott zu beten hilft auch: Was hältst du von mir? Was ist Dei­ne tie­fe­re Wahr­heit? Man muss alles nach außen brin­gen, was einem auf der See­le liegt. Die Krank­heit ist ja auch ein Aus­druck.

Vie­le Krebs­pa­ti­en­ten ken­nen Schmer­zen. Sie sagen, der Schmerz habe sei­nen Sinn. Man sol­le ihn inte­grie­ren und nicht bekämp­fen.

Naja, wenn die Schmer­zen zu stark sind, dann neh­me ich auch Medi­ka­men­te. Aber Schmerz ist ein Signal, dass etwas ver­kehrt ist im Leib. Man soll­te nicht nur mit Medi­ka­men­ten, son­dern auch mit spi­ri­tu­el­len, geis­ti­gen Metho­den arbei­ten. Und manch­mal durch den Schmerz hin­durch­ge­hen. Ich sage aber nicht, dass ich das jeder­zeit kann. Ich ken­ne mei­ne Gren­zen.

Was war Ihre größ­te Her­aus­for­de­rung wäh­rend der Krank­heits­pha­se, von der wir pro­fi­tie­ren kön­nen?

Ich bin nor­ma­ler­wei­se ziem­lich schnell in allem. Als ich aus dem Kran­ken­haus ent­las­sen wur­de, habe ich gemerkt, dass ich nur ganz lang­sam gehen kann. Ich muss­te dar­auf schau­en, dass die Bewe­gung nicht weh­tut. Ich habe mehr Acht­sam­keit gelernt und mir mei­ne Lang­sam­keit ehr­lich ein­ge­stan­den. Man braucht mehr Zeit, und die muss man sich gön­nen. Ich habe vier Wochen alles abge­sagt und gemerkt, dass ich mei­ne Gefüh­le ernst neh­men muss.

Hat­ten Sie nach der Krebs­dia­gno­se Todes­angst?

Als ich die Dia­gno­se bekam, habe ich mit dem Tod gerech­net. Er ist eine Mög­lich­keit. Ich fah­re oft nachts Auto, und da kann ja auch immer alles pas­sie­ren. Ich möch­te ger­ne leben und arbei­te ger­ne wei­ter, weil es Spaß macht. Aber wenn es Got­tes Wil­le ist und das Leben jetzt kür­zer ist, dann bin ich ein­ver­stan­den. Ich bin in sei­ner Hand. Ich bit­te Gott, mich zu seg­nen und zu schüt­zen. Ansons­ten ver­su­che ich jetzt eben, bewuss­ter ganz im Augen­blick zu leben.

Was emp­feh­len Sie Men­schen, die in ihrer Krank­heit ver­zwei­felt sind? Wo kön­nen Sie Trost fin­den?

Ich habe auch kein Patent­re­zept. Aber rebel­lie­re nicht dage­gen, die Krank­heit ist viel­leicht ja sogar sinn­voll. In der Bibel gibt es den Psalm 23. Dort heißt es, dass wir dar­auf ver­trau­en sol­len, dass uns nichts feh­len und es uns gut gehen wird. Der Psalm ist kein Trost­pflas­ter, das ich ein­fach auf­kle­be, son­dern ein Rin­gen. Man muss Aggres­si­on, Wut, Ver­zweif­lung oder Trä­nen zulas­sen und aus­hal­ten. Man darf aber auch hof­fen und die Sehn­sucht haben, heil zu wer­den. Es ist Got­tes Wil­le, wie lan­ge ich lebe. Und so lan­ge ich atme, hof­fe ich. So gehe ich nächs­te Woche in die Kli­nik zur Unter­su­chung und hof­fe, dass alles gut ist.

Wel­che Leh­ren haben sie aus Krebs­krank­heit gezo­gen?

Ers­tens: Wer bin ich? Ich bin nicht der Fit­te, Funk­tio­nie­ren­de. Des­halb wer­de ich in die­sem Jahr bes­ser auf mich auf­pas­sen und dafür sor­gen, dass ich genü­gend Pau­sen habe. Zwei­tens: Ich habe gelernt, Bezie­hun­gen zu Freun­den und der Fami­lie acht­sa­mer und dank­ba­rer zu leben. Und drit­tens: Die Demut zu akzep­tie­ren, dass wir als Men­schen hin­fäl­lig und sterb­lich sind.

Gesprächs­pro­to­koll: Ingrid Mül­ler

Datum: 5.2.2019

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