Virotherapie: Viren als Waffe gegen Prostatakrebs

Viren sol­len Pro­sta­ta­krebs zukünf­tig bio­lo­gisch bekämp­fen. Kie­ler For­scher schleu­sen gen­tech­nisch ver­än­der­te Len­ti­vi­ren in Pro­sta­ta­krebs­zel­len ein und bekämp­fen Tumo­re so von innen her­aus. Alle Fak­ten zur Krebs­be­hand­lung mit Viren. Von Ingrid Mül­ler

Viren ken­nen vie­le als Krank­ma­cher. Sie kön­nen unzäh­li­ge Infek­ti­ons­krank­hei­ten wie Grip­pe, Erkäl­tung, Magen-Darm-Pro­ble­me oder Kin­der­krank­hei­ten wie Mumps, Masern und Röteln aus­lö­sen. Auch mit eini­gen Krebs­er­kran­kun­gen ste­hen sie in Ver­bin­dung, zum Bei­spiel mit Gebär­mut­ter­hals­krebs (Huma­ne Papil­lom­vi­ren) oder Lymph­drü­sen­krebs (Epstein-Barr-Virus). Exper­ten schät­zen, dass Viren welt­weit für jede sechs­te Tumor­er­kran­kung ver­ant­wort­lich sind. Doch womög­lich scha­den Viren nicht nur, son­dern kön­nen auch nütz­lich sein. Wie sich aus dem Feind ein Freund machen lässt und Viren sich gezielt gegen Pro­sta­ta­krebs len­ken las­sen, unter­su­chen jetzt Wis­sen­schaft­ler der Chris­ti­an-Albrechts-Uni­ver­si­tät Kiel in einem neu­en For­schungs­pro­jekt.

Viren mit besonderen Fähigkeiten

Ihre Ver­su­che füh­ren sie mit soge­nann­ten Len­ti­vi­ren durch, die über eine beson­de­re Eigen­schaft ver­fü­gen: Sie kön­nen ihr eige­nes Erb­gut in die Erb­sub­stanz (DNA) einer Wirts­zel­le ein­bau­en. Len­ti­vi­ren gehö­ren zu den soge­nann­ten Retro­vi­ren. Ihren Namen haben Len­ti­vi­ren, weil sie lang­sam fort­schrei­ten­de, chro­nisch dege­ne­ra­ti­ve Krank­hei­ten aus­lö­sen kön­nen (lat. len­tus = lang­sam).

Schon vor eini­ger Zeit hat­te das For­scher­team um Prof. Ste­fan Rose-John vom Insti­tut für Bio­che­mie in den Pro­sta­ta­krebs­zel­len einen bestimm­ten Signal­weg iden­ti­fi­ziert, den gp130 Signal­weg. Die­ser blo­ckiert das Wachs­tum des Pro­sta­ta­tu­mors. Das Pro­blem ist jedoch, dass die­ses Signal nicht stän­dig ange­schal­tet ist und der Pro­sta­ta­krebs somit wach­sen kann. „Zunächst haben wir ein soge­nann­tes Desi­gner-Gen erzeugt, das den Signal­weg dau­er­haft akti­viert“, erklärt Rose-John sei­nen For­schungs­an­satz. „Nun wol­len wir die­ses Desi­gner-Gen in die Krebs­zel­le ein­schleu­sen.“

Viren funktionieren als „Gen-Taxi“

Für die­sen Trans­port des neu design­ten Gens in die Krebs­zel­len las­sen sich die Len­ti­vi­ren nut­zen. Sie funk­tio­nie­ren als eine Art „Gen-Taxi“ oder „Gen-Fäh­re“. Rose-John erklärt: „Len­ti­vi­ren sind Exper­ten dar­in, sich in einer frem­den Zel­le ein­zu­nis­ten, die­se unter ihre Kon­trol­le zu brin­gen und für ihre eige­nen Zwe­cke zu benut­zen.“ Das macht sie zu gefähr­li­chen Krank­heits­er­re­gern. Die Viren pro­gram­mie­ren die infi­zier­te Zel­le so um, dass sie ein Ver­meh­rungs­pro­gramm star­tet und mas­sen­haft neue Viren pro­du­ziert. Dann platzt die zuvor gesun­de Zel­le schließ­lich.

Um die Viren gezielt gegen Krebs­zel­len zu rich­ten, müs­sen die Wis­sen­schaft­ler sie gen­tech­nisch so ver­än­dern, dass sie nicht mehr krank machen. In der Behand­lung mit Viren – der onko­ly­ti­schen Viro­the­ra­pie – kom­men nur harm­lo­se Vari­an­ten der Viren zum Ein­satz. „Wir bau­en die Viren im Labor so um, dass sie kei­ne Krank­hei­ten mehr ver­ur­sa­chen kön­nen und aus­schließ­lich Pro­sta­ta­krebs­zel­len befal­len. Sie die­nen dann ein­zig und allein dem Ein­schleu­sen des nütz­li­chen Gens.“ Die Krebs­zel­le nimmt die Virus­teil­chen auf. Dann ver­an­kern die Viren das mit­ge­brach­te Gen direkt in das Erb­gut der Krebs­zel­le. Die For­scher hof­fen, dadurch den Signal­weg dau­er­haft anzu­schal­ten und das Wachs­tum des Tumors zu stop­pen.

Die Deut­sche Krebs­hil­fe unter­stützt das Pro­jekt finan­zi­ell. „In den ver­gan­ge­nen Jah­ren sind Viren ver­stärkt in den Fokus der Krebs­for­schung und -the­ra­pie gerückt“, erklärt Gerd Net­te­ko­ven, Vor­stand­vor­sit­zen­der der Deut­schen Krebs­hil­fe. „Inno­va­ti­ve Krebs­for­schung zu för­dern, sieht die Deut­sche Krebs­hil­fe als eine ihrer vor­dring­lichs­ten Auf­ga­ben an, um neue und effek­ti­ve­re Behand­lungs­mög­lich­kei­ten für Betrof­fe­ne zu ent­wi­ckeln.“

Neue Prostatakrebsbehandlungen im Video

Viren haben Anti-Krebs-Potenzial

Viren sind aber nicht nur als Trans­port­mit­tel für Gene ein­setz­bar, son­dern kön­nen Krebs­zel­len auch direkt bekämp­fen. Sie befal­len die Tumor­zel­len, ver­meh­ren sich dort und zer­stö­ren sie. Die Idee, Viren im Kampf gegen Krebs ein­zu­set­zen, ist nicht ganz neu. Schon vor mehr als 100 Jah­ren beob­ach­te­ten For­scher, dass zufäl­li­ge Infek­tio­nen mit Viren bös­ar­ti­ge Tumo­re bei Krebs­pa­ti­en­ten schrump­fen lie­ßen oder sogar ganz zum Ver­schwin­den brach­ten. Es folg­ten eini­ge Behand­lungs­ver­su­che bei Krebs­pa­ti­en­ten mit Viren, die jedoch viel zu aggres­siv und zu star­ke Krank­ma­cher waren – sie rie­fen schwe­re Neben­wir­kun­gen her­vor. Die Viro­the­ra­pie bei Krebs leg­ten Ärz­te des­halb auf Eis, aber nur zunächst.

Erst die Ent­wick­lung der Gen­tech­nik vor weni­gen Jahr­zehn­ten ermög­lich­te es den For­schern, die Eigen­schaf­ten der Viren maß­ge­schnei­dert so zu ver­än­dern, dass sie prä­zi­se gegen Krebs­zel­len vor­ge­hen, effek­ti­ver sind und mehr Sicher­heit ver­spre­chen. Sie schal­ten heu­te gezielt bestimm­te Viren-Gene aus und fügen ande­re dafür ein. Im Blick haben Wis­sen­schaft­ler heu­te eine gan­ze Rei­he ver­schie­dens­ter Viren für die Krebs­the­ra­pie: Neben den Retro­vi­ren sind es Ade­no-, Her­pes-, Masern- und Pocken­impf­vi­ren. Man­che sind von Natur aus harm­los, ande­re ent­schär­fen die For­scher weit­ge­hend.

Probleme der Virotherapie: Viren sind schlau

Damit die Viro­the­ra­pie wirkt, müs­sen For­scher jedoch noch eini­ge Hür­den über­sprin­gen. Ein Pro­blem sind zum Bei­spiel schon vor­han­de­ne Anti­kör­per (z.B. nach Imp­fun­gen in der Kind­heit) oder neu pro­du­zier­te Anti­kör­per und Immun­zel­len, die sich gegen die Viren rich­ten. Sie eli­mi­nie­ren die Viro­the­ra­peu­ti­ka so früh­zei­tig, dass sie erst gar nicht wir­ken kön­nen. Außer­dem gibt es Hin­wei­se dar­auf, dass ein Teil des Immun­sys­tems die onko­ly­ti­schen Viren leicht abfan­gen kann oder der Kör­per sie durch Ver­klum­pung unwirk­sam macht. Dazu kommt, dass Krebs­zel­len raf­fi­niert sind und eini­ge Tricks auf Lager haben, um sich dem Zugriff des Immun­sys­tems zu ent­zie­hen. Sie machen sich unsicht­bar, indem sie sich eine Art „Tarn­kap­pe“ über­stül­pen. Das Abwehr­sys­tem über­sieht den gefähr­li­chen Feind somit und löst daher auch kei­ne Immun­re­ak­ti­on aus.

Viren plus andere Krebsbehandlungen

Bis heu­te gibt es nicht „das eine“ idea­le onko­ly­ti­sche Virus, das Krebs­zel­len sämt­li­cher Tumor­ar­ten direkt oder indi­rekt bekämp­fen kann. Mehr als zehn ver­schie­de­ne Virus­ar­ten befin­den sich der­zeit in der Ent­wick­lung zu einer Viro­the­ra­pie, die Ärz­te spä­ter bei ihren Pati­en­ten im kli­ni­schen All­tag ein­set­zen wol­len. Am bes­ten unter­sucht sind Ade­no­vi­ren, Reo­vi­ren, New­cast­le Di-sea­se­Vi­ren, Her­pes-Sim­plex-Viren, Vac­ci­nia-Viren und Masern-Impf­vi­ren.

For­scher glau­ben, dass die allei­ni­ge The­ra­pie mit gen­tech­nisch ver­än­der­ten Viren jedoch nicht aus­rei­chen wird, um alle Krebs­ar­ten zu behan­deln und die schlau­en Abwehr­stra­te­gi­en der Tumor­zel­len zu durch­bre­chen. Aller­dings lässt sich die Viro­the­ra­pie zukünf­tig mit eta­blier­ten Krebs­be­hand­lun­gen kom­bi­nie­ren: Che­mo­the­ra­pie, Bestrah­lung oder Immun­the­ra­pi­en mit Anti­kör­pern. Damit wären die Viren ein wei­te­res Stand­bein in der Krebs­the­ra­pie.

Quellen

Datum: 29.4.2019

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