Biopsie: Zwei kombinierte Methoden sind besser

Die Kom­bi­na­ti­on zwei­er Biop­sie-Ver­fah­ren kann Pro­sta­ta­krebs geziel­ter und ver­läss­li­cher auf­spü­ren. Auch  aggres­si­ve­re Vari­an­ten von Pro­statakar­zi­no­men las­sen sich bes­ser iden­ti­fi­zie­ren, wie eine aktu­el­le US-Stu­die ergab. Von Ingrid Mül­ler

Die Biop­sie ist ein Stan­dard in der Dia­gnos­tik der meis­ten Krebs­ar­ten – auch bei  Pro­sta­ta­krebs. Ärz­te kön­nen mit hoher Sicher­heit her­aus­fin­den, ob in der Pro­sta­ta gut- oder bös­ar­ti­ge Zel­len wach­sen. Mit einer fei­nen Nadel ent­neh­men sie unter Kon­trol­le durch Ultrschall zufäl­lig zehn bis zwölf Gewe­be­pro­ben über die gesam­te Pro­sta­ta ver­teilt. Im Gegen­satz zu ande­ren Krebs­ar­ten biop­sie­ren Ärz­te hier nicht gezielt einen Tumor, den sie zuvor auf Bil­dern gefun­den haben. Viel­mehr hof­fen sie anschlie­ßend, in einer der Gewe­be­pro­ben den Pro­sta­ta­krebs nach­wei­sen zu kön­nen. Das ent­nom­me­ne Gewe­be ana­ly­siert ein Patho­lo­ge unter dem Mikro­skop.

Pro­sta­ta­krebs ist einer jener bös­ar­ti­gen Tumo­ren, deren Dia­gno­se im ‚Blind­flug‘ durch sys­te­ma­ti­sche Biop­si­en erfolgt – ohne den genau­en Ort des Tumors zu ken­nen.

Peter Pin­to, Natio­nal Can­cer Insti­tu­te

Biopsie bei Prostatakrebs – mit eingeschränkter Aussagekraft

Doch nicht immer ist die her­kömm­li­che Pro­statabi­op­sie aus­sa­ge­kräf­tig genug. So „erwi­schen“ Ärz­te manch­mal nicht die rich­ti­gen Stel­len in der Pro­sta­ta, in denen womög­lich Krebs­zel­len wuchern. Dann ist das Ergeb­nis nega­tiv, obwohl der Mann eigent­lich Pro­sta­ta­krebs hat (falsch-nega­tiv). Ärz­te kön­nen bei der Biop­sie also einen Pro­sta­ta­krebs über­se­hen.

Man­che Stan­zen ent­hal­ten außer­dem Krebs­zel­len, die nur lang­sam wach­sen. Die­ser Krebs wür­de für die Män­ner zu Leb­zei­ten ver­mut­lich kei­ne Gefahr bedeu­ten. Weil Ärz­te aber befürch­ten, einen aggres­si­ve­ren Krebs viel­leicht nicht erfasst zu haben, folgt manch­mal eine umfang­rei­che­re The­ra­pie als es eigent­lich nötig gewe­sen wäre. Medi­zi­ner spre­chen von „Über­the­ra­pie“. Auch das Gegen­teil ist mög­lich: Män­ner kön­nen einen gefähr­li­che­ren Krebs haben als in den Stanz­pro­ben nach­weis­bar  – sie erhal­ten womög­lich eine „Unter­the­ra­pie“.

Ganz all­ge­mein kön­nen Gewe­be­pro­ben Krebs­zel­len unter­schied­li­cher Aggres­si­vi­tät – also mit ver­schie­de­nem Glea­son-Score – ent­hal­ten. Für die Behand­lung von Pro­sta­ta­krebs ist meist der höchs­te Glea­son-Score aus­schlag­ge­bend.

MRT, normale Biopsie oder beides?

For­scher des US-ame­ri­ka­ni­schen Natio­nal Can­cer Insti­tu­te (NCI) ent­wi­ckel­ten jetzt eine Metho­de, die eine ver­läss­li­che­re Dia­gno­se bei Pro­sta­ta­krebs ermög­li­chen soll. Auch soll sie detail­lier­te­re Aus­sa­gen über die Gefähr­lich­keit und den Krank­heits­ver­lauf von Pro­sta­ta­krebs zulas­sen. Die For­scher ver­gli­chen in ihrer Stu­die zwei Biop­sie-Metho­den mit­ein­an­der. Außer­dem woll­ten sie wis­sen, was eine Kom­bi­na­ti­on aus bei­den bringt.

Jahr­zehn­te­lang hat der ‚Blind­flug‘ bei der Biop­sie zu Über­dia­gno­sen und damit zu unnö­ti­gen Behand­lun­gen einer oft nicht töd­li­chen Krebs­art geführt“, erklärt Peter Pin­to vom NCI, der Seni­or­autor der Stu­die. „Umge­kehrt haben wir einen hoch­gra­dig aggres­si­ven Pro­sta­ta­krebs über­se­hen und damit die Chan­ce auf Hei­lung der Män­ner ver­spielt“, so Pin­to wei­ter.

MRT-Bil­der: Ver­däch­ti­ge Regio­nen in der Pro­sta­ta ziel­ge­nau iden­ti­fi­zie­ren

Normale Biopsie und MRT-geführte Biopsie im Vergleich

Die For­scher tes­te­ten, wie gut die her­kömm­li­che Biop­sie mit­tels Ultra­schall im Ver­gleich zu einer MRT-geführ­ten Biop­sie abschnitt. Dabei legen Radio­lo­gen zuvor auf­ge­nom­me­ne MRT-Bil­der, die ver­däch­ti­ge Krebs­her­de zei­gen, mit Ultra­schall­auf­nah­men in Echt­zeit über­ein­an­der. Die Stu­di­en­ergeb­nis­se ver­öf­fent­lich­ten sie in der März­aus­ga­be des renom­mier­ten Fach­ma­ga­zins New Eng­land Jour­nal of Medi­ci­ne (NEJM).

An der Stu­die nah­men 2.103 Män­ner teil, bei denen Radio­lo­gen zuvor im MRT Ver­än­de­run­gen in der Pro­sta­ta gefun­den hat­ten. Sie unter­zo­gen sich sowohl einer MRT-geführ­ten Biop­sie als auch einer her­kömm­li­chen Stanz­bi­op­sie unter Ultra­schall­kon­trol­le. 1.312 die­ser Män­ner erhiel­ten danach die Dia­gno­se Pro­sta­ta­krebs. 404 Män­ner lie­ßen ihre Pro­sta­ta dar­auf­hin im Rah­men einer Ope­ra­ti­on ent­fer­nen, der Pro­sta­tek­to­mie.

Die For­scher ver­gli­chen nun bei­de Dia­gno­se­me­tho­den mit­ein­an­der – die unge­ziel­te „nor­ma­le“ Biop­sie und die MRT-geführ­te Gewe­be­ent­nah­me. Sie fan­den her­aus, dass bei­de Metho­den im Dop­pel­pack 208 mehr Krebs­dia­gno­sen ans Tages­licht beför­der­ten als die unge­ziel­te Biop­sie allein. Die Stanz­bi­op­sie selbst deck­te nur 1.104 Pro­statakar­zi­no­me auf. Im Umkehr­schluss bedeu­tet es jedoch auch, dass die MRT-gestütz­te Biop­sie allein vie­le Kar­zi­no­me in der Pro­sta­ta nicht gefun­den hät­te.

Biop­sie der Pro­sta­ta: Nadeln nur in die auf­fäl­li­gen Berei­che brin­gen

Biopsie-Kombination erbringt genauere Diagnosen

Zudem waren die Dia­gno­sen durch die Kom­bi­na­ti­on bei­der Metho­den ver­läss­li­cher und die aggres­sivs­ten For­men von Pro­sta­ta­krebs lie­ßen sich bes­ser iden­ti­fi­zie­ren. Bei Män­nern mit einer Pro­sta­tek­to­mie lagen die Unter­dia­gno­sen durch die Stanz­bi­op­sie allei­ne bei unge­fähr 40 Pro­zent. Bei der MRT-geführ­ten Biop­sie allei­ne waren es 30 Pro­zent. Die Kom­bi­na­ti­on bei­der Ver­fah­ren lie­fer­te dage­gen nur 14,4 Pro­zent Unter­dia­gno­sen beim Pro­sta­ta­krebs.

Die­se Ten­denz ließ sich auch bei den aggres­sivs­ten Pro­statakar­zi­no­men beob­ach­ten: Die Stanz­bi­op­sie lie­fer­te bei 16,8 Pro­zent Unter­dia­gno­sen, die MRT-geführ­te Biop­sie bei 8,7 Pro­zent. Wur­den bei­de gemein­sam ein­ge­setzt, kamen Ärz­te nur auf 3,5 Pro­zent Unter­dia­gno­sen. Am meis­ten Erfolg ver­sprach also ein Kom­bi­pack aus bei­den Biop­sie-Ver­fah­ren.

Mit einer MRT-gestütz­ten Biop­sie zusätz­lich zur Stanz­bi­op­sie kön­nen wir die gefähr­lichs­ten und töd­lichs­ten Krebs­va­ri­an­ten in der Pro­sta­ta frü­her auf­spü­ren. Und wir kön­nen Män­nern eine bes­se­re Behand­lung anbie­ten, bevor der Krebs in ande­re Orga­ne streut“, hofft Peter Pin­to.

Prostatakrebs ist unterschiedlich gefährlich

Pro­sta­ta­krebs ist nicht gleich Pro­sta­ta­krebs, son­dern es gibt vie­le ver­schie­de­ne Vari­an­ten davon. Sie unter­schei­den sich vor allem in der Aggres­si­vi­tät und ihre Fähig­keit, Meta­sta­sen in ande­ren Orga­nen zu bil­den. Oft sind die Kno­chen zuerst betrof­fen, aber auch in der Leber und Lun­ge kön­nen sich Krebs­ab­sied­lun­gen bil­den.

Ein Pro­sta­ta­krebs mit nied­ri­gem Risi­ko birgt eine gerin­ge Wahr­schein­lich­keit für Män­ner, an die­sem Krebs auch zu ster­ben. Oft ist zunächst auch kei­ne Behand­lung nötig und Ärz­te kon­trol­lie­ren und über­wa­chen den Tumor nur. Akti­ve Über­wa­chung oder engl. active sur­veil­lan­ce heißt die­se Stra­te­gie. Man­che Pro­statakar­zi­no­me sind dage­gen sehr aggres­siv und nei­gen dazu, schnell zu streu­en und sich aus­zu­brei­ten. Sie sind beson­ders gefähr­lich und für vie­le Todes­fäl­le durch Pro­sta­ta­krebs ver­ant­wort­lich. Daher ist es auch so wich­tig, die Aggres­si­vi­tät des Pro­sta­ta­kreb­ses von Beginn an rich­tig ein­zu­schät­zen.

Quellen
  • Ahdoot M et. al. MRI-Tar­ge­ted, Sys­te­ma­tic, and Com­bi­ned Bio­psy for Pro­sta­te Can­cer Dia­gno­sis, N Engl J Med 2020; 382:917–928, March 5 2020, DOI: 10.1056/NEJMoa1910038, https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1910038
  • Natio­nal Can­cer Insti­tu­te (NCI):Testing with com­bi­ned bio­psy method impro­ves pro­sta­te can­cer dia­gno­sis in NCI stu­dy, press release, 4. März 2020,  https://www.cancer.gov/news-events/press-releases/2020/combined-prostate-biopsy
  • Uni­ver­si­ty of Mary­land Medi­cal Cen­ter, Adding MRI-tar­ge­ted bio­psy leads to more reli­able dia­gno­sis of aggres­si­ve pro­sta­te can­cer, news release, 4. März 2020, https://www.eurekalert.org/pub_releases/2020–03/uomm-amb030420.php

Datum: 9.4.2020

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