Prostatabiopsie – leidet die Erektionsfähigkeit?

Kann eine Pro­statabi­op­sie zu Erek­ti­ler Dys­funk­ti­on füh­ren? Die­se Fra­ge ist noch weit­ge­hend uner­forscht. Eine neue Stu­die lie­fert jetzt Ant­wor­ten, ob und inwie­weit sich die Gewe­be­ent­nah­me auf die Erek­ti­ons­fä­hig­keit aus­wirkt. Von Ingrid Mül­ler

Die Pro­statabi­op­sie ist die ein­zi­ge Mög­lich­keit, um Pro­sta­ta­krebs sicher zu dia­gnos­ti­zie­ren. Ärz­te ent­neh­men dabei mit Hil­fe fei­ner Nadeln meh­re­re Gewe­be­pro­ben aus den ver­däch­ti­gen Berei­chen der Pro­sta­ta. Ein Patho­lo­ge ana­ly­siert das Gewe­be anschlie­ßend im Labor unter dem Mikro­skop. Krebs­zel­len las­sen sich so gut von gesun­den Zel­len unter­schei­den. Auch wenn die Pro­statabi­op­sie ein kom­pli­ka­ti­ons­ar­mer Ein­griff ist – sie kann eini­ge Neben­wir­kun­gen haben, zum Bei­spiel Infek­tio­nen, Ent­zün­dun­gen, Blut im Urin, Stuhl oder Eja­ku­lat sowie Pro­ble­me beim Was­ser­las­sen.

Weni­ger bekannt und bis­lang kaum unter­sucht ist, ob die Pro­statabi­op­sie die Erek­ti­ons­fä­hig­keit lei­den lässt und zu einer Erek­ti­len Dys­funk­ti­on (ED) führt. For­scher aus den USA hat­ten vor eini­gen Jah­ren her­aus­ge­fun­den, dass Erek­ti­ons­stö­run­gen nach der Gewe­be­ent­nah­me gar nicht so sel­ten vor­kom­men und ver­mut­lich unter­schätzt wer­den. Ärz­te soll­ten Män­ner unbe­dingt über die­se Gefahr auf­klä­ren.

Fragebogen zu Erektiler Dysfunktion – vor und nach der Prostatabiopsie

Die Uro­lo­gin Dr. Esther Gar­cía Rojo von der Uni­ver­si­täts­kli­nik Madrid woll­te dies jetzt genau­er wis­sen. Sie unter­such­te in einer neu­en Stu­die, ob und inwie­weit sich die Pro­statabi­op­sie auf die Erek­ti­ons­fä­hig­keit aus­wirk­te. Sie ver­glich dabei zwei ver­schie­de­ne Vor­ge­hens­wei­sen: die Gewe­be­ent­nah­me über den Darm (trans­rek­ta­le Pro­statabi­op­sie, sie gilt als Stan­dard) und die Gewe­be­pro­be über den Damm (trans­pe­ri­nea­le Pro­statabi­op­sie).

Ist die Prostatabiopsie nötig?

An der Stu­die nah­men 135 Män­ner teil, die im Schnitt 63,5 Jahr alt waren. Vor dem Ein­griff sowie drei und sechs Mona­te danach beant­wor­te­ten sie einen spe­zi­el­len Fra­gen­bo­gen zur Erek­ti­len Dys­funk­ti­on, den Inter­na­tio­nal Index of Erec­tile Function‑5 (IIEF‑5). Die Män­ner mach­ten zum Bei­spiel Anga­ben zur Stär­ke der Erek­ti­on, Orgas­mus­fä­hig­keit, Eja­ku­la­ti­on, zum sexu­el­len Ver­lan­gen, Zufrie­den­heit mit dem Geschlechts­ver­kehr und zur Gesamt­zu­frie­den­heit mit dem Sex­le­ben. Nach dem IIEF‑5 las­sen sich der Schwe­re­grad und das Aus­maß von Erek­ti­ons­stö­run­gen in fünf Kate­go­ri­en anhand von Punk­ten ein­tei­len:

  1. Kei­ne Erek­ti­le Dys­funk­ti­on (ED): 26 bis 30
  2. Leich­te ED: 22 bis 25
  3. Leich­te bis mäßi­ge ED: 17 bis 21
  4. Mäßi­ge ED: 11 bis 16
  5. Schwe­re ED: 6 bis 10

Erektionsprobleme oft schon vor der Prostatabiopsie

Anhand die­ser Ska­la konn­ten die spa­ni­schen For­scher den Schwe­re­grad der Erek­ti­len Dys­funk­ti­on bei ihren Pati­en­ten ein­schät­zen. Vor der Pro­statabi­op­sie war es so um die Erek­ti­ons­fä­hig­keit der Män­ner bestellt:

  • 21 Pro­zent (28 Män­ner) hat­ten kei­ne Erek­ti­ons­pro­ble­me.
  • 107 Män­ner lit­ten dage­gen schon zu Beginn unter Erek­ti­ons­stö­run­gen ver­schie­de­nen Aus­ma­ßes: 40 Pro­zent (54 Män­ner) hat­ten leich­te, 36 Pro­zent (49 Män­ner) mäßi­ge und 3 Pro­zent (vier Män­ner) schwe­re Pro­ble­me mit der Erek­ti­on.

Im Durch­schnitt erreich­ten die Män­ner im IIEF‑5 eine Punkt­zahl von bei 17,7.

Erektile Dysfunktion bei Prostatakrebs

Art der Prostatabiopsie ohne Einfluss auf die Erektionsfähigkeit

Anschlie­ßend unter­zo­gen sich alle Män­ner ent­we­der einer trans­rek­ta­len oder einer trans­pe­ri­nea­len Biop­sie. Drei Mona­te nach der Pro­statabi­op­sie ergab sich fol­gen­des Bild der Erek­ti­len Dys­funk­ti­on:

  • 29 Pro­zent der Män­ner hat­ten eine nor­ma­le Erek­ti­ons­fä­hig­keit.
  • 38 Pro­zent zeig­ten eine leich­te, 27 Pro­zent eine mäßi­ge und 3 Pro­zent eine schwe­re ED.

Auch nach sechs Mona­ten waren die­se Pro­zent­zah­len nahe­zu unver­än­dert:

  • 30 Pro­zent hat­ten kei­ne Erek­ti­le Dys­funk­ti­on
  • 34 Pro­zent lit­ten unter einer leich­ten, 28 Pro­zent unter einer mäßi­gen und 6 Pro­zent unter einer schwe­ren Erek­ti­len Dys­funk­ti­on.

Kei­nen Ein­fluss auf die Erek­ti­ons­fä­hig­keit hat­te der Weg, den Ärz­te für die Pro­statabi­op­sie gewählt hat­ten – ob über den Darm oder den Damm. Auch die Anzahl der ent­nom­me­nen Gewe­be­pro­ben (Stan­zen) oder vor­aus­ge­gan­ge­ne Biop­si­en beein­fluss­ten die Ergeb­nis­se des IIEF‑5 nicht.

Unse­re Ergeb­nis­se las­sen ver­mu­ten, dass weder die Biop­sie-Tech­nik noch die Anzahl der Stan­zen oder frü­he­re Biop­si­en einen signi­fi­kan­ten Ein­fluss auf die Erek­ti­le Dys­funk­ti­on nach sechs Mona­ten haben.

Stu­di­en­au­toren

Erektile Dysfunktion bald durch Nerventransplantate behandeln?

Die Erek­ti­le Dys­funk­ti­on scheint also kein Pro­blem nach einer Pro­statabi­op­sie zu sein. Wohl aber sind Erek­ti­ons­stö­run­gen ein The­ma für Män­ner mit Pro­sta­ta­krebs, die sich einer Ope­ra­ti­on (radi­ka­le Pro­sta­tek­to­mie) oder Strah­len­the­ra­pie unter­zie­hen. Danach hapert es bei vie­len Män­nern mit der Potenz, weil der Ner­vus puden­dus Scha­den genom­men hat. Er ver­läuft direkt an der Pro­sta­ta vor­bei und steu­ert unter ande­rem die Erek­ti­on und das Was­ser­las­sen. Vie­le Män­ner erle­ben nach die­sen Krebs­the­ra­pi­en daher zusätz­lich eine Inkon­ti­nenz – meist jedoch nur vor­über­ge­hend.

Inkontinenz bei Prostatakrebs

Auch wenn Ärz­te heu­te ner­ven­scho­nen­de Ope­ra­ti­ons­tech­ni­ken ein­set­zen, las­sen sich bei­de Kom­pli­ka­tio­nen nicht immer ver­mei­den.

For­scher aus Bra­si­li­en und kürz­lich auch aus Aus­tra­li­en haben eine neue Metho­de aus­ge­tüf­telt, die Män­nern nach einer Pro­sta­ta­ope­ra­ti­on wie­der zu einem befrie­di­gen­den Sexu­al­le­ben ver­hel­fen soll: Ner­ven­trans­plan­ta­te aus dem Unter­schen­kel. Für eine nor­ma­le Funk­ti­on der Bei­ne sind sie dort nicht zwin­gend nötig. Die ein­ge­pflanz­ten Ner­ven sol­len jene Ver­bin­dun­gen zum Gehirn wie­der­her­stel­len, die durch die Ope­ra­ti­on oder Bestrah­lung ver­lo­ren gegan­gen sind.

Und zwar so: Ers­tens sol­len neue Ner­ven­fa­sern sprie­ßen und die Mus­kel­zel­len des Penis zur Akti­on anre­gen. Zwei­tens muss das Gehirn ler­nen, die­se neu­en Pfa­de auch zu nut­zen. Das Gehirn sei aber plas­tisch und kön­ne sich des­halb an neue Gege­ben­hei­ten anpas­sen. Daher soll­te dies gelin­gen, hof­fen die For­scher. Die Ner­ven­im­plan­ta­te haben bei eini­gen Män­nern nach einer Pro­sta­tek­to­mie Erfol­ge gezeigt. Zukünf­tig könn­ten sie eine neue Behand­lungs­mög­lich­keit bei Erek­ti­ler Dys­funk­ti­on nach einer Pro­sta­tek­to­mie sein.

Quellen

• Esther Gar­cía Rojo et al. Assess­ment of the influ­ence of trans­rec­tal and trans­pe­ri­ne­al pro­sta­te biop­sies on erec­tile func­tion: A pro­s­pec­tive obser­va­tio­nal single-center stu­dy, Inter­na­tio­nal Jour­nal of Uro­lo­gy, 01 Sep­tem­ber 2019, https://doi.org/10.1111/iju.14088
• Kat­ie S. Mur­ray et. al. A pro­s­pec­tive stu­dy of erec­tile func­tion after trans­rec­tal ultrasonography-guided pro­sta­te bio­psy, BJU Inter­na­tio­nal. 28 Novem­ber 2014, https://doi.org/10.1111/bju.13002
• Jose Car­los Sou­za Trindade, Faus­to Viter­bo, And­re Pete­an Trindade, Wag­ner Jose­Fa­va­ro, Jose Car­los Sou­za Trindade-Fil­ho: Long-term fol­low-up of tre­at­ment of erec­tile dys­func­tion after radi­cal pro­sta­tec­to­my using ner­ve grafts and end-to-side soma­tic-auto­no­mic neu­ror­ra­phy: a new tech­ni­que, BJU Inter­na­tio­nal, 2017, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/bju.13772
• Jea­net­te C. Reece, David C. Dang­er­field, Chris­to­pher J. Coomb­se: End-to-side Soma­tic-to-auto­no­mic Ner­ve Graf­ting to Res­to­re Erec­tile Func­tion and Impro­ve Qua­li­ty of Life After Radi­cal Pro­sta­tec­to­my, European Uro­lo­gy, August 2019, https://www.europeanurology.com/article/S0302-2838(19)30265–9/fulltext und https://about.unimelb.edu.au/newsroom/news/2019/april/improved-procedure-for-cancer-related-erectile-dysfunction

Datum: 5.12.2019

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