Hormontherapie: Bei fortgeschrittenem Prostatakrebs das Wachstum stoppen

Hat der Tumor bereits Meta­sta­sen gebil­det, ist eine Hor­mon­the­ra­pie das Mit­tel der Wahl. Oft lässt sich die Krank­heit damit für Mona­te oder sogar Jah­re auf­hal­ten – jedoch nicht hei­len. Von Mar­ti­na Häring

Wann wird die Hormontherapie eingesetzt?

Bei fort­ge­schrit­te­nem Pro­sta­ta­krebs  – also wenn der Krebs bereits Meta­sta­sen in den Lymph­kno­ten oder in ande­re Orga­ne gesetzt hat – reicht es nicht, den Krebs mit einer Ope­ra­ti­on oder Bestrah­lung zu ent­fer­nen bzw. zu zer­stö­ren. Da der Krebs nun an meh­re­re Stel­len im Kör­per sitzt, muss auch der gan­ze Kör­per behan­delt werden.

Die Stan­dard­the­ra­pie in sol­chen Situa­tio­nen ist eine soge­nann­te Hor­mon­the­ra­pie oder Hor­mon­ent­zugs­the­ra­pie, mit der sich die Erkran­kung oft für Mona­te oder sogar Jah­re aus­brem­sen lässt. Sie kann als allei­ni­ge The­ra­pie oder in Kom­bi­na­ti­on mit Ope­ra­ti­on oder Bestrah­lung und auch in Kom­bi­na­ti­on mit ande­ren Medi­ka­men­ten zum Ein­satz kom­men. Auch wenn noch kei­ne Meta­sta­sen vor­han­den sind, der Krebs aber an Ort und Stel­le schon fort­ge­schrit­ten ist, kann die Hor­mon­be­hand­lung infra­ge kom­men – zum Bei­spiel, wenn der all­ge­mei­ne Gesund­heits­zu­stands gegen eine Ope­ra­ti­on oder Bestrah­lung spricht.

Die Hor­mon­the­ra­pie bei Pro­sta­ta­krebs ist eine soge­nann­te pal­lia­ti­ve Behand­lung. Das heißt, sie zielt nicht auf Hei­lung ab, son­dern dar­auf, die Krank­heit auf­zu­hal­ten, das Leben zu ver­län­gern und Beschwer­den zu lin­dern. Die­se Zie­le sind mit der Hor­mon­the­ra­pie bei Pro­sta­ta­krebs oft gut zu erreichen.

Wie wirkt die Hormontherapie?

Um zu wach­sen, brau­chen die Pro­sta­ta­krebs­zel­len das männ­li­che Sexu­al­hor­mon Tes­to­ste­ron. Ent­zieht man ihn die­sen Boten­stoff, kann man damit das Wachs­tum effek­tiv brem­sen. Zum Teil wird der Tumor sogar klei­ner und der Fort­schritt der Erkran­kung auf Jah­re verzögert.

Auch gesun­de Pro­sta­ta-Zel­len haben Rezep­to­ren auf ihrer Ober­flä­che, also Mole­kü­le, an die die Tes­to­ste­ron-Mole­kü­le „ando­cken“. Durch die­ses Ando­cken wird in der Zel­le eine Ket­ten­re­ak­ti­on aus­ge­löst, die schließ­lich zu einer ver­mehr­ten Zell­tei­lung führt. Die Krebs­zel­len sind so umpro­gram­miert, dass sie sich unkon­trol­liert und unge­bremst tei­len. Unter Tes­to­ste­ron-Ein­fluss wach­sen sie immer wei­ter, auch in umlie­gen­des Gewe­be und im Fal­le einer Meta­sta­sie­rung auch an ande­ren Stel­len im Kör­per. Ohne Tes­to­ste­ron wird das Wachs­tum des­halb auch über­all im Kör­per gebremst.

Welche Arten von Hormontherapie gibt es?

Um den Tumor „aus­zu­hun­gern“ kann man ent­we­der den Tes­to­ste­ron­spie­gel im Blut sen­ken. Man spricht dann von einer Hor­mon­ent­zugs­the­ra­pie. Ande­re Medi­ka­men­te, soge­nann­te Anti­an­dro­ge­ne, blo­ckie­ren die Wir­kung des Hor­mons in der Zelle.

Hormonentzugstherapie

Bei der soge­nann­ten Hor­mon­ent­zugs­the­ra­pie wird ver­hin­dert, dass Tes­to­ste­ron gebil­det wird. Dafür gibt es grund­sätz­lich zwei Möglichkeiten:

Operative Kastration

Tes­to­ste­ron stammt über­wie­gend aus den Hoden. Um sei­ne Bil­dung zu ver­hin­dern, hat man frü­her ein­fach einen Groß­teil des Hoden­ge­we­bes ope­ra­tiv ent­fernt. Heu­te wird die ope­ra­ti­ve Kas­tra­ti­on aber nur noch sel­ten durch­ge­führt, da sie für die betrof­fe­nen Män­ner meist eine gro­ße psy­chi­sche Belas­tung dar­stellt und zudem nicht rück­gän­gig gemacht wer­den kann – und außer­dem gibt es Alternativen.

Medikamentöse Kastration

Auch durch Medi­ka­men­te lässt sich ver­hin­dern, dass die Hoden Tes­to­ste­ron bil­den. Soge­nann­te LHRH-Ana­lo­ga oder auch GnRH-Ana­lo­ga wir­ken auf die Hirn­an­hang­drü­se (Hypo­phy­se), die die Tes­to­ste­ron-Bil­dung steu­ert. Die Wirk­stof­fe hei­ßen zum Bei­spiel Gos­e­r­elin oder Leu­prore­lin. Da die LHRH-Ana­lo­ga anfangs sogar zu einer ver­mehr­ten Tes­to­ste­ron-Bil­dung füh­ren, bevor die Pro­duk­ti­on schließ­lich zum Erlie­gen kommt, wer­den die­se Medi­ka­men­te in den ers­ten Wochen mit einem ande­ren Wirk­stoff kom­bi­niert, der die Tes­to­ste­ron-Wir­kung an der Krebs­zel­le auf­hebt (Anti­an­dro­ge­ne).

Ähn­lich wie LHRH-Ana­lo­ga wir­ken soge­nann­te LHRH-Ant­ago­nis­ten oder auch GnRH-Ant­ago­nis­ten. Sie hei­ßen zum Bei­spiel Abare­lix oder Degarelix.

Sowohl die LHRH-Ana­lo­ga als auch die LHRH-Ant­ago­nis­ten wer­den als Sprit­zen ver­ab­reicht – je nach Prä­pa­rat in Abstän­den von einem oder meh­re­ren Monaten.

Nebenwirkungen der Hormonentzugsbehandlung

Da Tes­to­ste­ron nicht nur das Wachs­tum von Pro­sta­ta­zel­len steu­ert, son­dern auch noch vie­le ande­re Pro­zes­se im Kör­per des Man­nes, hat die Hor­mon­ent­zugs­be­hand­lung Neben­wir­kun­gen. Ob die Hor­mon­pro­duk­ti­on durch eine ope­ra­ti­ve Kas­tra­ti­on oder mit­hil­fe von Medi­ka­men­ten unter­bun­den wird, spielt dabei kei­ne Rolle.

Die Neben­wir­kun­gen kön­nen den Wech­sel­jahrs­be­schwer­den bei Frau­en ähneln, zum Bei­spiel Hit­ze­wal­lun­gen, Antriebs­schwä­che und depres­si­ve Stim­mung, Libi­do­ver­lust und Potenz­stö­run­gen, Abnah­me der Kno­chen­dich­te und der Mus­kel­mas­se sowie Gewichts­zu­nah­me. Außer­dem kann es zu Brust­schmer­zen und einer Brust­ver­grö­ße­rung kommen.

Ob und wie stark die­se Neben­wir­kun­gen auf­tre­ten, ist von Fall zu Fall ver­schie­den. Osteo­po­ro­se und Mus­kel­ab­bau kann man zum Bei­spiel durch sport­li­che Akti­vi­tät ent­ge­gen­wir­ken, ande­re Neben­wir­kun­gen kön­nen zum Teil mit Medi­ka­men­ten behan­delt werden.

Antiandrogene

Anders als bei der Hor­mon­ent­zugs­be­hand­lung wird bei der Behand­lung mit Anti­an­dro­ge­nen nicht die Bil­dung von Tes­to­ste­ron unter­bun­den. Die­se Medi­ka­men­te, die als Tablet­ten ein­ge­nom­men wer­den, blo­ckie­ren statt­des­sen die Wir­kung des Hor­mons an der Pro­sta­ta­krebs-Zel­le. Des­halb fal­len eini­ge der Neben­wir­kun­gen des Hor­mon­ent­zugs weg.

Da die Wir­kung von Anti­an­dro­ge­nen schwä­cher ist als die des Hor­mon­ent­zugs, wird die Behand­lung nur in bestimm­ten Fäl­len emp­foh­len: Laut Leit­li­ni­en kom­men sie vor allem dann infra­ge, wenn noch kei­ne Meta­sta­sen vor­han­den sind.

Wann sollte man mit der Hormontherapie beginnen?

Da die Hor­mon­the­ra­pie mit Neben­wir­kun­gen ver­bun­den ist, ist sie nicht unbe­dingt sinn­voll, solan­ge der Tumor kei­ne Beschwer­den ver­ur­sacht. Die Leit­li­ni­en empfehen des­halb: Män­ner mit meta­sta­sier­tem Pro­statakar­zi­nom, die unter Beschwer­den lei­den, sol­len eine Hor­mon­ent­zugs­be­hand­lung bekom­men. Män­nern, die kei­ne Beschwer­den haben, kann der Arzt die Behand­lung anbie­ten. Ob sie sinn­voll ist, muss im Ein­zel­fall bespro­chen werden.

Was, wenn die Hormonentzugstherapie nicht mehr wirkt?

Lei­der hält die Wir­kung der Hor­mon­ent­zugs­the­ra­pie nicht ewig. Irgend­wann wach­sen die Krebs­zel­len auch ohne den Ein­fluss von Tes­to­ste­ron. Man spricht dann von einem kas­tra­ti­ons­re­sis­ten­ten Prostatakarzinom.

Wie schnell ein Tumor kas­tra­ti­ons­re­sis­tent wird, ist von Fall zu Fall ver­schie­den. Unter ande­rem hängt es davon ab, wie aggres­siv und schnell­wach­send der Krebs ist. Im Schnitt ist das nach 1,5 bis 2,5 Jah­ren der Fall.

Schrei­tet der Krebs trotz Hor­mon­be­hand­lung fort, gibt es ver­schie­de­ne ande­re Medi­ka­men­te, mit denen behan­delt wer­den kann. Ob sie zum Ein­satz kom­men sol­len, und wenn ja, wel­che am bes­ten geeig­net sind, kann man nicht pau­schal sagen. In die­sem Fall soll­ten sich Ärz­te ver­schie­de­ner Fach­rich­tun­gen gemein­sam bera­ten, wie man even­tu­el­le Beschwer­den wie Schmer­zen, Kno­chen­ver­än­de­run­gen oder Müdig­keit am bes­ten in den Griff bekommt. Hat der Pati­ent trotz fort­schrei­ten­der Erkran­kung kei­ne Beschwer­den, ist strit­tig, ob über­haupt eine zusätz­li­che Behand­lung sinn­voll ist. Denn auch die Medi­ka­men­te, die in die­ser spe­zi­el­len Situa­ti­on infra­ge kom­men, haben Nebenwirkungen.

Bei Pati­en­ten, die durch den kas­tra­ti­ons­re­sis­ten­ten Tumor Beschwer­den haben, kom­men drei ver­schie­de­ne The­ra­pie­mög­lich­kei­ten infrage:

  • das Che­mo­the­ra­peu­ti­kum Doce­taxel
  • das Medi­ka­ment Abi­ra­te­ron, das die Tes­to­ste­ron-Wir­kung im gan­zen Kör­per blockiert
  • Radi­um 223, eine radio­ak­ti­ve Sub­stanz, die sich im Kno­chen ein­la­gert und dort an Ort und Stel­le Kno­chen­me­ta­sta­sen bekämpft

Quellen:

AWMF-Leit­li­ni­en: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/043–022OL.html
Blaue Rat­ge­ber der Krebs­hil­fe: https://www.krebshilfe.de/fileadmin/Downloads/PDFs/Blaue_Ratgeber/017_0116.pdf
Pati­en­ten-Infor­ma­tio­nen der DKG: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/prostatakrebs/therapie/behandlung-im-fortgeschrittenen-stadium.html

(Abruf: 13.6.2018, 11:44 Uhr)

Datum: 13.06.2018

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Tipp! In den Pati­en­ten­leit­li­ni­en für fort­ge­schrit­te­nen Pro­sta­ta­krebs kön­nen Sie aus­führ­lich nach­le­sen, wel­che Behand­lungs­mög­lich­kei­ten in wel­chen Situa­tio­nen emp­foh­len wer­den, mit wel­chen Neben­wir­kun­gen man rech­nen muss und ob es sinn­vol­le Alter­na­ti­ven gibt.

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